Die moderne, industriell geprägte Landwirtschaft, die preiswerte Lebensmittel für globalisierte Märkte produziert, wird in der Gesellschaft zunehmend kritisch hinterfragt. Insbesondere in agrarischen Intensivgebieten sind die Problemlagen offensichtlich, zum Beispiel Degradation, also die Verschlechterung der Bodeneigenschaften, oder für Mensch und Umwelt schädliche Emissionen und Belastungen des Grundwassers. Vor allem Regionen mit einer hohen Anzahl von Geflügel, Schweinen oder Rindern pro landwirtschaftliche Nutzfläche (sogenannte "Viehdichte") stehen im Mittelpunkt der Kritik. In den Medien haben solche Regionen mitunter die wenig schmeichelhaften Bezeichnungen "Schweinegürtel", "Güllegürtel" oder auch "Hochburg der Massentierhaltung" erhalten. Generell handelt es sich bei agrarischen Intensivgebieten um Räume, die eine besonders starke landwirtschaftliche Nutzung kennzeichnet.
Entwicklungspfade und Standorte intensiver Agrarproduktion
Die Entstehung von agrarischen Intensivgebieten hängt eng mit dem strukturellen Wandel der Landwirtschaft zusammen, der sich insbesondere im fortschreitenden Rückgang der Zahl landwirtschaftlicher Betriebe widerspiegelt. Forciert durch die Nachfragemacht der großen Supermarktketten (Edeka, Rewe) und Discounter (Aldi, Lidl) haben sich die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse hierzulande auf niedrigem Niveau etabliert. Um angesichts der geringen Margen wettbewerbsfähig zu bleiben, mussten die Akteure auf den vorgelagerten Produktionsstufen, also die landwirtschaftlichen Betriebe, ein gewisses Größenwachstum erreichen oder Angebote bündeln. Zahlreiche Betriebe konnten dies nicht leisten und mussten die Produktion aufgeben (gemäß dem Prinzip "Wachsen oder Weichen"), auch weil die Hofnachfolge oftmals nicht gesichert war.
Die verbliebenen Betriebe haben sich zumeist auf wenige Produktionszweige spezialisiert und eine ausdifferenzierte Arbeitsteilung innerhalb des Agrar- und Ernährungssystems vorangetrieben. Vielfach kam es zu einer Entkoppelung von Tierhaltung und Pflanzenbau, zur Umwidmung von Grünland in Ackerland und zum Aufbau moderner Viehhaltungssysteme in Großbeständen bei zunehmendem Einsatz neuer Technologien (z.B. automatische Fütterungsanlagen, digital gestützte Flächenbewirtschaftung). Diese Entwicklungen führten zu räumlichen Konzentrationsprozessen. Schwerpunktregionen mit intensiver Nutztierhaltung bildeten sich vor allem im Nordwesten Deutschlands heraus. Unter Berücksichtigung von Klima-, Boden- und Wasserschutzaspekten sieht der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik "mittelfristig keine Alternative zur Reduktion von Tierbeständen in den gegenwärtigen Ballungsregionen der Tierhaltung."
In der Nutztierhaltung im Nordwesten spielt vor allem die Existenz agrarindustrieller Großunternehmen eine wichtige Rolle für die Entwicklung der agrarischen Intensivgebiete. Deren enorme Produktionskapazitäten erfordern eine stetige Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten, die über weitgehend stabile Zulieferer- bzw. Abnehmerbeziehungen gehandelt werden. Ein prägnantes Beispiel: In den größten Unternehmen der industrialisierten Geflügelwirtschaft im Nordwesten Deutschlands werden heute pro Woche mehrere Millionen Tiere geschlachtet. Allerdings hat die Intensivierung der Landwirtschaft zu erheblichen Umweltproblemen geführt. Eine große Herausforderung ist die Verwertung überschüssiger Reststoffe aus der Nutztierhaltung – zum Beispiel dringen synthetischer Dünger und Gülle ins Grundwasser ein und lassen den Nitratgehalt des Wassers steigen. Eine weitere große Herausforderung ist die Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen im Sinne des Klimaschutzes – hier geht es vor allem um das bei der Verdauung in Viehmägen entstehende Methan.
Das Oldenburger Münsterland im westlichen Niedersachsen
Als idealtypisches agrarisches Intensivgebiet gilt das Oldenburger Münsterland im westlichen Niedersachsen, das die beiden Landkreise Cloppenburg und Vechta umfasst (vgl. Abb. 2). Es handelt sich um einen prosperierenden ländlichen Raum, der ein beachtliches Wirtschaftswachstum, eine geringe Arbeitslosigkeit und eine überaus dynamische Bevölkerungsentwicklung aufweist (vgl. Info-Box). Der eingeschlagene Wachstumspfad basiert in besonderem Maße auf der Agrar- und Ernährungswirtschaft – mit Spezialisierungen in den Bereichen Geflügel- und Schweinehaltung sowie Agrartechnik und Futtermittelindustrie.
Der Beginn der Intensivierung wird auf die Zeit des "Wirtschaftswunders" in den 1950er-Jahren datiert. Die Wiederaufnahme der Marktbeziehungen für landwirtschaftliche Produkte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und die Einfuhr größerer Mengen an Futtermitteln über die Hafenstädte ermöglichten die Ausweitung der Viehbestände bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach tierischen Produkten innerhalb Deutschlands. Der Bau und Ausbau der Bundesautobahn 1 (A 1) war in dieser Hinsicht ein wichtiger infrastruktureller Faktor. Aufgrund der engen Verknüpfung der Lebensmittelproduzenten vor Ort mit den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen (z. B. Pflanzenbau, Tierhaltung, Großhandel) und der raschen Umsetzung technologi-scher und züchterischer Neuerungen traten selbstverstärkende Effekte ein. Diese führten über Jahrzehnte zu enormen Produktivitätssteigerungen, zu einem explosionsartigen Anstieg der Nutztierbestände (Geflügel, Schweine) und zur Herausbildung eines gut vernetzten und zunehmend international ausgerichteten Agribusiness-Clusters. Einige Unternehmen aus der Region sind mittlerweile zu europa- oder gar weltweiten Marktführern in ihrem jeweiligen Segment (z. B. Eiproduktion, Stalltechnik, Landmaschinen) aufgestiegen.
Die erfolgreiche Entwicklung des Oldenburger Münsterlandes wird von gravierenden Nachhaltigkeitsdefiziten begleitet und ist deshalb auch kritisch zu beurteilen. Boden und Grundwasser sind stark mit Nährstoffen belastet – eine Folge der großen Anzahl an Nutztieren auf relativ engem Raum. Die räumliche Konzentration von Stall- und Biogasanlagen sowie die Landbewirtschaftung führen zudem zu erheblichen Emissionen von Kohlendioxid und Methan, die mit zum Klimawandel beitragen. Jüngst wird daher zunehmend die Forderung diskutiert, von politischer Seite darauf hinzuwirken, die Tierbestände in den Regionen der intensiven Tierhaltung zu reduzieren.
Perspektiven
Welche Perspektiven gibt es für die Regionalentwicklung in den agrarischen Intensivgebieten angesichts der vielfältigen aktuellen Herausforderungen? Die Notwendigkeit für neue politische Ansätze wird insbesondere im Zuge aktueller Diskussionen um den Klimawandel deutlich. Mit Blick auf die negativen Auswirkungen der intensiven Nutztierhaltung äußert sich Prof. Mojib Latif als einer der führenden Klimaforscher Deutschlands in einem Interview wie folgt: "Das Klima ist eng an die Mensch-Tier-Beziehung gekoppelt. Durch den enormen Energieeinsatz bei der Fleischerzeugung oder auch durch den Methanausstoß in der Massentierhaltung haben wir eine unmittelbare Verbindung zur Klimaerwärmung."
Grundsätzlich ist eine langfristig nachhaltige Entwicklung nur durch veränderte Wirtschafts- und Ernährungsstile möglich. So zeigen gegenwärtige Debatten, dass neue Leitbilder in der Agrarproduktion ebenso notwendig sind wie ein verändertes, nachhaltigeres Konsumverhalten. Innovationen, die sich in Nischen entwickeln, sind dabei wichtige Treiber grundlegender Veränderungsprozesse. In der Agrar- und Ernährungswirtschaft gelten die solidarische Landwirtschaft, die Permakultur-Bewegung und der bioregionale Landbau ebenso als Wiederentdeckungen und Innovationen wie das Laborsteak oder vegane Fleischersatzprodukte. Agrarische Intensivgebiete und die dortigen Akteure könnten hier zu "Pionieren des Wandels" werden, um einerseits teils altbewährte Anbaumethoden unter neuen gesellschaftlichen und technologischen Bedingungen zu reaktivieren und andererseits gänzlich neue Praktiken im Agrar- und Ernährungssystem zu etablieren.