Das pechschwarze Haar korrekt gescheitelt, im Gesicht ein gewinnendes Gentleman-Lächeln: Die Schwarz-Weiß-Bilder auf der Homepage von Mario Vargas Llosa wirken wie Filmfotos viel gefeierter Hollywood-Klassiker. Würde der Peruaner in einem alten Streifen auftauchen, vielleicht an der Seite von Cary Grant, es würde weder auffallen, noch verwundern. Doch Mario Vargas Llosa ist kein Schauspieler, keiner, der so tut, als wäre er jemand anders. Der Schriftsteller und Journalist ist einer der bekanntesten seiner Zunft, vor allem in Lateinamerika – aber auch weit über dessen Grenzen hinaus. Sein Haar ist mittlerweile nicht mehr schwarz, sondern weiß und grau gesträhnt, aber wie ein Gentleman sieht der 71-Jährige immer noch aus. Auch sein gelassenes Lächeln hat er behalten. Und seinen Willen, sich einzumischen.
Es war das Jahr 1990, das aus dem politischen Literaten einen literarischen Politiker hätte machen können: Hatte er sich in den 1970ern noch als Moderator einer TV-Sendung mit politischen Inhalten versucht, engagierte er sich seit Anfang der 1980er-Jahre verstärkt in der aktiven Politik seines Heimatlandes. Gründete mit Freunden die Freiheitsbewegung "Movimiento Libertad". Und bewarb sich schließlich als Kandidat der oppositionellen "Frente Democrático" ("Demokratische Front") um den Posten des Staatschefs von Peru. Mario Vargas Llosa galt als Favorit für das Amt des Präsidenten, wurde von einem Großteil des peruanischen Volkes gemocht und bejubelt, etwa als er während seiner Kampagne mit Poncho und Hut durch so manche peruanische Stadt ritt. Vor allem aber schien sein neoliberales Programm Zustimmung zu finden. Umso überraschender kam die Niederlage: Er verlor die Stichwahl gegen seinen Kontrahenten Alberto Fujimori. Und zog sich aus der aktiven Politik zurück.
"Zivilisation des Spektakels"
Verschwunden ist "die Politik" allerdings nie aus dem Leben des Autors, der einst Jura und Literatur studierte und seine Dissertation über Gabriel García Márquez verfasste. In seinen Romanen und in Interviews nimmt Mario Vargas Llosa immer wieder Stellung zu politischen, sozialen und gesellschaftlich relevanten Fragen. Oder zur Geschichte Lateinamerikas, wie beispielsweise in "La fiesta del chivo" ("Das Fest des Ziegenbocks"), das den Aufstieg und Fall von Rafael Leónidas Trujillo – dem ebenso blutrünstigen wie prototypischen Diktator – erzählt. In Essays reagiert Mario Vargas Llosa zudem auf aktuelle Geschehnisse und Zeiterscheinungen. Erst kürzlich wandte er sich in einem Text für die spanische Zeitung "El Pais" gegen den "Kloakenjournalismus", der von Skandalen statt von Nachricht dominiert würde: "Die Zivilisation des Spektakels, in die wir eingetaucht sind, bringt eine absolute Konfusion der Werte mit sich", schreibt er in seinem Beitrag, den hierzulande die "Süddeutsche Zeitung" publizierte.
Jorge Mario Pedro Vargas Llosa wurde am 28. März 1936 in Arequipa geboren. Doch seine frühe Kindheit verbrachte er in Cochabamba in Bolivien, bevor es die Familie mütterlicherseits wieder nach Peru zog. "Dass ich lesen gelernt habe, ist das Beste, was mir im Leben passiert ist", wird er Jahrzehnte später, 2004, in der Serie "Ich habe einen Traum" der Wochenzeitung "Die Zeit" berichten. Beim Lesen blieb es bekanntermaßen nicht. Schon als Schüler begann er, für eine Lokalzeitung zu schreiben. Damals – 17 Jahre jung – war er noch Anhänger des Kommunismus. Ein Ideal, dem er schon bald den Rücken kehrte. Er habe in den 1960ern erfahren, dass der reale Kommunismus Formen der Ungerechtigkeit fördere, erläuterte er später. Es sei ihm klar geworden, dass einzig die Demokratie den Kampf gegen die Ungerechtigkeit ermögliche. Seine politischen Ansichten veränderten sich im Laufe der Jahrzehnte also ebenso, wie sich sein Romanwerk entwickelte.
Jugenderfahrungen als Grundstein
Heute ist er Demokrat, ein Liberaler, der mit Leidenschaft für freie Märkte und Gerechtigkeit plädiert. Doch Wandel der Ansichten hin oder her – Mario Vargas Llosa ist kein Opportunist, kein politisches Chamäleon, sondern ein Mensch mit "ungewöhnlicher Zivilcourage, der für seine Überzeugung kämpft, dass Politik von Moral nicht getrennt werden darf." So pries ihn die Jury, als er 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Und lobte weiter: "Sein Lebenswerk ist das Plädoyer für eine 'Kultur der Freiheit' und für 'wahre Gerechtigkeit' als unerlässliche Grundlage für das Leben des Individuums wie der Gesellschaft."
Den Grundstein dieses Werks, das mittlerweile zahlreiche Romane, Erzählungen, Aufsätze, Sammlungen und Theaterstücke umfasst, legte Mario Vargas Llosa 1963 mit seinem Debüt "La ciudad y los perros" ("Die Stadt und die Hunde"), in dem er seine Jugenderfahrungen als Kadett in der Militärschule "Leoncio Prado" in Lima verarbeitete. Das Buch wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt – wie später die meisten seiner Werke – und erregte eine Menge Aufsehen. Allerdings nicht nur positives: Der Roman wurde in Perus Hauptstadt öffentlich verbrannt.
Ähnlich dem Protagonisten Ricardo aus Mario Vargas Llosas neuesten Roman "Das böse Mädchen", pendelt der Schriftsteller heute zwischen Lima, London, Paris und Madrid. Er ist Gastprofessor und Ehrendoktor an verschiedenen Universitäten – vor allem aber weiterhin politischer Literat, der mit Leidenschaft schreibt. Romane würden nicht verfasst, um das Leben zu erzählen, sondern um es zu verändern, hat er einmal gesagt. Für Mario Vargas Llosa ist Literatur für den Einzelnen und die Gesellschaft lebensnotwendig, wie er in der "Welt" feststellte: "Nichts schützt den Menschen vor der Dummheit von Vorurteil, Rassismus, religiösem oder politischem Sektierertum und einem unduldsamen Nationalismus besser als die Wahrheit, die in großer Literatur immer wieder aufscheint: dass die Menschen aller Nationen und Weltgegenden im Wesentlichen gleich sind und dass nur die Ungerechtigkeit zwischen ihnen Diskriminierung, Hass und Ausbeutung aufkeimen lässt."