Mit ihren anonymen Wohntürmen, die dicht nebeneinander stehen, hat Les Ulis in der Nähe von Paris kein glamouröses Image. Die Stadt ist eine der vielen Banlieues, die in den 60er und 70er-Jahren am Rande der französischen Großstädte entstanden sind und inzwischen für Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität stehen. Wer hier lebt ist nicht nur jünger (ein Drittel der Bevölkerung ist unter 25 Jahre), sondern auch ärmer als der Durchschnitt der Franzosen. Doch jenseits der Klischees gibt es auch eine andere Realität. Die jungen Mädchen, die im Tanzraum des Vereins "Oxygène" auf den Stundenbeginn warten, verkörpern nicht nur Lebensfreude. Sie wissen auch, dass sie sich an die vereinbarten Regeln zu halten haben: Respekt, Pünktlichkeit und Lernbereitschaft sind hier nicht verhandelbar, dafür sorgt Hawa Coulibaly, 23.
Bei den Kursen, die die dynamische Tanzlehrerin anbietet, geht es um mehr als nur um den reinen Spaß am Tanzen. In ihrem Tanzraum lernen die Jugendlichen von Les Ulis auch, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und als Teil einer Gruppe mitzuwirken. Hawa Coulibaly betont, dass hier alle gleich sind: "Wer hier mit Arroganz auftritt, der fällt schnell vom Podest". Auch die Hautfarbe darf während der Tanzstunden keine Rolle spielen. Unter ihren Tänzerinnen haben zwar viele einen Migrationshintergrund, auch wenn die meisten von ihnen in Frankreich geboren wurden. Aber hier treten sie lediglich als Tänzerinnen auf.
Die junge Frau begann sehr früh, sich für ihre Stadt zu engagieren. Trotz ihres jungen Alters war sie bereits sechs Jahre lang im Jugendstadtrat aktiv. In dieser Funktion initiierte sie 2012 in Les Ulis ein Festival für Straßenkunst, an welchem Sänger, Tänzer und Akteure teilnahmen. Diese erste Erfahrung in der Organisation einer kulturellen Veranstaltung war für sie prägend, im positiven wie auch im negativen Sinne. Heute ist sie eindeutig stolz darauf, ein Format geschaffen zu haben, dass es Jugendlichen von Les Ulis erlaubt, "sich auszudrücken, frei zu Wort zu kommen". Gleichzeitig lernte sie damals auch, mit administrativen Hürden umzugehen und Kompromisse zu akzeptieren, was sie oft als schmerzhaft empfand.
Auch für ihre berufliche Entwicklung war diese Erfahrung wichtig. Denn die Stadtbehörde, die zur Verbesserung des Zusammenlebens sowohl auf die Sanierung der alten Gebäude setzt, als auch auf die Erweiterung des sportlichen und kulturellen Angebots, bat ihr eine duale Ausbildung als Freizeitbetreuerin an. So machte sie ihre Leidenschaft fürs Tanzen zum Beruf.
Während ihrer Ausbildung, die sie inzwischen abgeschlossen hat, setzte sich Hawa Coulibaly für ein besseres Miteinander der Geschlechter ein – ein richtiges Problem in diesem Stadtteil, wo junge Frauen und Männer oft getrennt leben. Ihr fiel schnell auf, dass sich nur Jungen an den Aktivitäten des Jugendzentrums beteiligten, wo sie damals arbeitete, während die Mädchen unter sich blieben und vor dem Einkaufszentrum der Stadt plauderten. Das wollte Frau Coulibaly ändern. Mit einer Kollegin führte sie eine Tanzwerkstatt ein und schon konnte sie damit zwanzig Mädchen begeistern. Mittlerweile ist das Miteinander im Zentrum zur Normalität geworden.
Hawa Coulibaly kennt die alltäglichen Schwierigkeiten der Menschen in ihrer Stadt. Sie macht sich auch keine Illusionen über die gesellschaftlichen Spannungen zwischen den Communities, die sich im Laufe der Zeit verstärkt haben. Rassismus und Diskriminierung erlebte sie persönlich und zwar von der Kindheit an. Trotzdem blickt sie optimistisch in die Zukunft. Frankreich ist "voller Farben", sagt sie, das muss es nur noch annehmen.