„Wir wollten nicht länger auf Pressefreiheit warten“
Das Fernsehen der DDR-Opposition 1986 -1989
Peter Wensierski
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Wegen "landesverräterische Nachrichtenübermittlung“ konnte in der DDR bestraft werden, wer Informationen an westliche Medien herausgab. Dennoch fassten in den Jahren vor dem Sturz der Mauer immer mehr junge Leute Mut, sogar Videobilder und Interviews für das Westfernsehen zu liefern um auf Missstände aufmerksam zu machen. Wie, schildert der langjährige Fernsehjournalist Peter Wensierski.
Wer auch immer in Ost- oder Westdeutschland am Abend des 26. Oktobers 1987 seinen Fernseher eingeschaltet hatte, konnte exklusive Bilder aus dem Süden der DDR empfangen, die bis dahin zu den strengstens gehüteten Geheimnissen gehörten:
Millionen Zuschauer auf beiden Seiten der Grenze sahen erstmals die hoch aufgetürmten Halden mit gefährlichem Abraum aus den radioaktiv verstrahlten Urangruben Thüringens und Sachsens. Die Videoaufnahmen zeigten Fördertürme, Abbauanlagen, riesige Halden und mit Uranstaub verdreckte Pflanzen in den Gärten angrenzender Wohnsiedlungen sowie Fotos von Menschen mit ungewöhnlichem Haarausfall. Ein ehemaliger Bergmann sprach darüber, wie er und seine Kameraden sich in den Bergwerken der „Wismut“ die Gesundheit ruiniert hatten.
Bilder und Eindrücke, die sich ins Gedächtnis brannten und Zuschauer auf beiden Seiten der Mauer empörten, die das ganze Ausmaß der Umweltkatastrophe in dieser Region zuvor noch nie wirklich wahrgenommen hatten.
Möglich waren derartige Aufnahmen nur, weil junge Umweltschützer aus der DDR den Mut hatten, mit einer VHS-Amateurkamera ohne jegliche staatliche Erlaubnis zu filmen. Sie gaben ihr Drehmaterial mithilfe von Vertrauenspersonen mit Diplomatenstatus, die unkontrolliert über die Grenze durften, ans „Westfernsehen“ weiter, vor allem an Sendungen wie „Interner Link: Kontraste" vom Sender Freies Berlin (SFB), eine der politischen Magazinsendungen im Ersten Deutschen Fernsehen, der ARD, oder an die deutsch-deutsche Sendereihe Interner Link: „Kennzeichen D“ des ZDF. Beide Magazine wurde damals von bis zu 20 Millionen Menschen auf beiden Seiten der Grenze gesehen. Natürlich konnten und wollten die mutigen ostdeutschen Filmer auch die Zuschauer in der Bundesrepublik informieren, aber über diesen Umweg hofften sie, vor allem die eigenen Bürger in der DDR zu erreichen und aufzurütteln. Keiner der in Ost-Berlin akkreditierten West-Korrespondenten hätte jemals derartige Aufnahmen vom Außenministerium der DDR genehmigt bekommen. Das Ministerium für Staatssicherheit, die Volkspolizei, Transportpolizisten, die „Freiwilligen Helfer der Deutschen Volkspolizei“ und viele „Gesellschaftliche Kräfte“ wachten sehr aufmerksam darüber, dass unerwünschte Informationen nicht an den „Klassenfeind“ im Westen gelangten.
In vielen Stasi-Akten, die man heute einsehen kann, stößt man auf die bange Frage der MfS-Mitarbeitenden, ob diese oder jene Angelegenheit – etwa eine Protestaktion, eine Verhaftung oder eine „Umwelthavarie“ – womöglich „öffentlichkeitswirksam“ geworden sein könnte. Vieles über die Realität in der DDR blieb deshalb unter der Decke, wurde weder im Westen noch im Osten bekannt. Im Vertuschen, Verschweigen und Verschleiern war die Arbeit der Sicherheitsorgane ziemlich erfolgreich. Noch bis heute wirkt sich das bei den allzu positiven Erinnerungen an die untergegangene sozialistische Republik aus.
In den letzten Jahren der DDR wollten viele kritische junge Leute dort nicht länger auf bessere Zeiten warten, sondern so weit wie möglich versuchen, sich die fehlende Freiheit einfach selbst zu nehmen – wohl wissend, dass dies höchst riskant war und mit Verhaftung, Ausbürgerung oder Gefängnis enden konnte. Aber das große Verschweigen der wirklichen Probleme in der DDR hatte, wenn man so will, auch eine dialektische Kehrseite: Jedes einzelne Durchbrechen, jedes Öffentlichmachen von dem, was verschwiegen werden sollte, bekam in der DDR eine ungeheure Bedeutung und Sprengkraft, die den Staat und sein Schweigekartell entblößte und letzten Endes delegitimierte.
Pressefreiheit als Ziel
Zu den häufigsten Aussagen, die auf den Versammlungen – die nahezu ausschließlich in Kirchenräumen stattfinden konnten – in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre fielen, gehörte der Satz: „Wir wollen endlich mündige Bürger sein!“ Und zur Mündigkeit gehörte für sie eine echte, freie Berichterstattung, kurzum: Pressefreiheit. Aber die lag noch in weiter Ferne. Nur auf Kirchengelände gab es erstaunlich offene Friedenswerkstätten, „Bluesmessen“ mit gesellschaftlichen Diskussionen und andere Jugendveranstaltungen, zu denen Tausende junger Leute kamen. Allerdings trauten sich nicht alle Pfarrer oder Gemeindekirchenräte, das in ihren Kirchen oder Kirchgärten zu erlauben.
Denn solche Veranstaltungsangebote blieben niemals ohne Konflikte und Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht, oft zwischen den Bischöfen und anderen Kirchenfunktionären wie Manfred Stolpe mit Klaus Gysi, dem Staatssekretär für Kirchenfragen und Vater von Gregor Gysi.
Es gab zwar in kleineren Auflagen die evangelischen Kirchenzeitungen in der DDR; diese galten, verglichen mit den staatlich gelenkten und zensierten Medien, als vergleichsweise offen. Anders als das Neue Deutschland oder die Junge Welt berichteten sie über Ökologie und Lebensstilfragen, etwa über erste Baumpflanzaktionen von Umweltgruppen unter dem schützenden Kirchendach. Doch als sie versuchten, ab Anfang der achtziger Jahre mehr über die Wirklichkeit in der DDR zu schreiben, nahmen staatliche Zensur und Verbote zu. Aus Protest ließen Kirchenzeitungs-Redaktionen einfach leere, weiße Flächen auf gedruckten Zeitungsseiten stehen. Deshalb kam es in Ost-Berlin am 10. Oktober 1988 sogar zu einem Demonstrationsversuch von 200 Menschen gegen die Zensur der Kirchenpresse. Doch auch die Kirchenleitungen mahnten immer wieder in den eigenen Reihen zur Zurückhaltung, um den Staat nicht zu provozieren. Das war die Situation, in der insgesamt rund vier Dutzend Mitwirkende des „Fernsehens der Opposition“ zwischen 1986 und Ende 1989 beschlossen, anders handeln zu wollen.
Ein Netzwerk wagemutiger Helfer und Helferinnen
Dieses bis zum Ende der DDR erstaunlich gut funktionierende Netzwerk war größer und wirkmächtiger, als es bisher wahrgenommen worden ist. Das zeigen Recherchen und Interviews, die im Jahre 2024 mit finanzieller Unterstützung des Bundeslandes Sachsen stattfinden konnten. Es ging unter anderem um die Fragen: Wer gehörte alles dazu? Warum waren diese Beteiligten dazu bereit? Wie war das alles praktisch organisiert? Um welche Inhalte ging es den Mitwirkenden?
Es waren überwiegend in der DDR lebende oder aus ihr stammende Personen, die in unterschiedlichen Rollen arbeitsteilig daran beteiligt waren: hinter der Kamera, mit dem Mikrofon, als Fahrer, Ortskundige, Interviewpartner, Texter, Kamera- und Videocassetten-Überbringer oder als Menschen, die ihre Wohnung zwecks Aufnahme von Interviews mit Oppositionellen oder als Versteck für die Ausrüstung mutig zur Verfügung stellten. Nur einige von ihnen können in diesem Text gewürdigt werden. Hinzu kommen noch einige in Ost-Berlin akkreditierte West-Journalisten wie Ulrich Schwarz vom Spiegel und der aus Österreich stammende Ingomar Schwelz von der Nachrichtenagentur Associated Press sowie einzelne Diplomaten oder deren Ehefrauen, die unkontrolliert die Grenzübergänge zwischen Ost- und West-Berlin passieren konnten und überdies bereit waren, etwas gemäß den Gesetzen der DDR Illegales zu wagen.
Außerdem unterstützten eine Handvoll junger Redakteure und Redakteurinnen der tageszeitung (taz) bei ihren Besuchen in Ost-Berlin die Kommunikation der Beteiligten über die Grenze hinweg. Dazu gehörten unter anderem Birgit Mehding, Brigitte Fehrle, Ursel Sieber, Holger Eckermann und Myriam Moderow. Einige von ihnen bekamen in dieser Zeit Einreiseverbote. Belinda Cooper, eine New Yorkerin, die in West-Berlin studierte und eng mit dem Ost-Berliner Umweltaktivisten Carlo Jordan und dessen Umfeld rund um die Umweltbibliothek befreundet war, lernte dort auch Siegbert Schefke und Aram Radomski kennen und war, wie sie, am 9. Oktober 1989 in Leipzig – dem Tag jener Demonstration, die das Ende der DDR besiegelte. Das heimlich aufgenommene Video wurde weltweit verbreitet. Interner Link: Diese Aufnahme, die der im März 2025 verstorbenen Spiegel-Korrespondent Ulrich Schwarz aus Leipzig für die ARD-Tagesschau herausschmuggelte, markiert wohl den Höhepunkt des „Fernsehens der Opposition“, doch sie stand erst am Ende einer immer wagemutigeren filmischen Praxis, die sich durch die letzten drei Jahre des SED-Staates zog.
„Landesverräterische Nachrichtenübermittlung“
Informationen aus der DDR herauszubringen, auch solche, die nicht der Geheimhaltung unterlagen, galt als schwere Straftat. Eine mögliche Anklage gegen die Beteiligten hätte willkürlich zwischen „Landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ (§ 99), „Landesverräterischer Agententätigkeit“ (§ 101) oder „Staatsfeindlicher Hetze“ (§106) und anderen Paragrafen wie „Landesverräterischer Treubruch“ des DDR-Strafgesetzbuches changieren können – inklusive der Androhung einer Bestrafung mit bis zu 12 Jahren Gefängnis.
Der Wunsch nach freien Medien und offener Berichterstattung hatte in der alternativen Szene der DDR schon seit Ende der siebziger Jahre vielerlei Gestalt angenommen. In Dresden, Leipzig oder Ost-Berlin gab es Untergrund-Künstlerzeitungen, die per Durchschlagpapier und Siebdruck in Kleinstauflage entstanden. Die Friedens-, Frauen- Schwulen- oder Umweltgruppen hektografierten ihre Themen auf Wachsmatrizen und uralten Kurbelmaschinen. So waren zahlreiche Journale, Flugblätter, Periodika, sogar Studienarbeiten, Broschüren und Bücher erschienen, die von Hand zu Hand weitergereicht wurden. Der SED und dem Ministerium für Staatssicherheit waren selbst diese unkontrollierten Produkte in Kleinstauflage schon zu viel. Immer wieder kam es deswegen zu Verhören, Hausdurchsuchungen und Festnahmen, bis hin zu Verurteilungen wegen „staatsfeindlicher Hetze“.
Versuch, einen nichtstaatlichen Rundfunksender zu betreiben
Um einen größeren Teil der DDR-Bürger selbstbestimmt informieren zu können, versuchte im Sommer 1986 eine fünfköpfige Ost-Berliner Gruppe um Reinhard Schult, Tina Krone und Stefan Krawczyk mit Unterstützung West-Berliner Hausbesetzer, einen UKW-Piratensender zu betreiben. Er bekam den Namen „Schwarzer Kanal“, wie auch jene bekannte Propagandasendung mit Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen hieß. Thema der ersten Sendung war der äußerst laxe Umgang der DDR mit den gesundheitsbedrohenden Folgen des Reaktor-Unglücks von Tschernobyl. Doch das Projekt erwies sich bald als allzu kompliziert und brandgefährlich hinsichtlich einer möglichen Entdeckung, zudem schaltete die DDR-Geheimpolizei Stasi Störsender auf, sodass die Reichweite des ohnehin schwachen UKW-Radiosenders viel zu gering war. Das war sie nicht, die erhoffte Gegenöffentlichkeit. Ein größeres Publikum, gar in Millionenhöhe, zu erreichen, schien so für die kritischen Geister in den oppositionellen Gruppen schier unmöglich.
Das konnte nur über etabliertes Radio und vor allem Fernsehen gelingen – in der DDR womöglich über den Umweg des Westfernsehens. „Denn jeden Abend reiste ja die Mehrheit der 16 Millionen DDR-Bürger praktisch aus der DDR aus,“ beschreibt Siegbert Schefke die damalige Situation, „wenn sie die Vorhänge zuzogen und um 20 Uhr die Tagesschau einschalteten, um Westfernsehen zu gucken“.
Die relativ kleinen, preiswerten und einfach zu bedienenden japanischen Videokameras eröffneten ganz neue und bessere Möglichkeiten. Deren Besitz war nicht verboten, Touristen konnten sie problemlos einführen, und in den Intershops der DDR gab es für ein paar Mark West sogar Aufnahmecassetten zu kaufen. Aram Radomski, Rüdiger Rosenthal, Wolfgang Rüddenklau und Siegbert Schefke waren elektrisiert von der Idee.
Die beiden Mitbegründer der Ost-Berliner Umweltbibliothek, Rosenthal und Rüddenklau, hatten seit 1986 die erste Videokamera in ihren Händen, mit der sie Umweltprobleme dokumentieren wollten. Aber woher hatten sie sie? Nun, Rosenthal kannte den 1983 aus der DDR gedrängten Jenaer Bürgerrechtler Roland Jahn, der seitdem in Berlin-Kreuzberg wohnte und von dort aus weiterhin den Draht zu seinen Freunden nach Jena und in die oppositionellen Szene Ost-Berlins hielt. Jahn unterstützte die Gruppen mit Literatur aus dem Westen, aber auch vielem anderen mehr: So wünschte sich Rüddenklau für die Umweltbibliothek von Jahn eine einfache Druckmaschine. Der besorgte sie in einem Bürofachgeschäft unweit des Checkpoints Charlie, und ein Bundestagsabgeordneter der Grünen nahm sie im Kofferraum seines Autos mit über die Grenze, da er als Abgeordneter dort nicht kontrolliert wurde.
Rosenthal und Jahn kannten sich persönlich noch aus Jena, aber Jahn durfte nicht mehr in die DDR einreisen. Einmal gelang es ihm trotzdem, am Ende einer Flugreise von Prag nach Berlin, vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld aus mit der S-Bahn ins Zentrum der DDR-Hauptstadt zu fahren. Dort besuchte er zuerst seinen erstaunten Freund Rüdiger Rosenthal. Mit ihm besuchte er andere Oppositionelle, fuhr sogar noch einmal nach Jena und reiste dann erst wieder nach West-Berlin aus, sehr zum Ärger der Staatssicherheit. Die beiden telefonierten weiterhin zwischen West- und Ost-Berlin und trafen sich im tschechischen Franzensbad, denn Jahn wollte nun erst recht die DDR-Opposition unterstützen. Bei einem Waldspaziergang sprachen sie miteinander darüber, wie man eine größere Öffentlichkeit für die Anliegen der Opposition in der DDR herstellen könnte. Rosenthal erinnert sich gut an diesen Tag im Sommer 1986: „Es ging schon sehr bald darum, Videokameras nach Ost-Berlin rüberzubringen, um Umweltschäden in der DDR zu dokumentieren und mehr. Roland hat mich gefragt, ob ich das wagen würde, wenn er eine Kamera bei mir in Ost-Berlin vorbeibringen ließe. Ich habe gesagt: Ja, mach mal. Ich organisiere dann die Aufnahmen.“
Eingeschmuggelte Videokameras
Der AP-Korrespondent in Ost-Berlin, Ingomar Schwelz, ließ sich auf Jahns Bitte hin darauf ein, als Paketbote zu Rosenthal zu fungieren. Er nahm Ende 1986 eine nagelneue „Panasonic M7“ im Kofferraum über die Grenze mit und brachte sie Rosenthal in dessen Wohnung in der Roelckestraße 83. Bei anderen Korrespondenten war Jahn mit der Bitte abgeblitzt, die ihren Status nicht gefährden wollten.
„Mit Wolfgang Rüddenklau bin ich dann mit meinem Trabi in die südlichen Industriegebiete der DDR gefahren“, erinnert sich Rosenthal an den ersten Einsatz der Kamera für das Westernsehen. „In Dresden sind wir auf ein Hochhaus rauf, das ich kannte, um von dort oben die Smog-Glocke besser filmen zu können, die – wie so oft damals im Winter – belastend über der Stadt lag. In der DDR aber gab es offiziell keinen Smog und keinen Smog-Alarm mit Fahrverboten. Es gab nur den Begriff „Industrienebel“, Messwerte der Luftverschmutzung wurden nicht bekannt gegeben. Unten auf dem Platz vor dem Neustädter Bahnhof trugen die qualmenden, stinkenden Zweitakter ihren Teil dazu bei. Wir sind dann noch in Lauchhammer, Merseburg, Leuna, Bitterfeld, Spremberg und im Cottbuser Raum unterwegs gewesen, haben das Gaskombinat ‚Schwarze Pumpe‘ mit seinen Rauchwolken von Weitem gefilmt. Es lag Schnee, und die Luftverschmutzung war deutlich zu sehen. Dort filmten wir auch ein skurril anmutendes Werbeschild, auf dem stand: ‚Braunkohle veredeln – Gas stabil produzieren‘. Am Ende haben wir noch den Smog über den Dächern Ost-Berlins gefilmt.
Die Angst, dafür ins Gefängnis zu kommen, die habe ich verdrängt in diesen Momenten. Wir vertrauten darauf, dass es bei einer Verhaftung Proteste im Westen geben würde. Wir hatten ja sogar persönliche Kontakte zu Petra Kelly, die 1980 die Grünen gegründet hatte. Mit Carlo hatten wir vorher alles abgesprochen, was zu tun wäre, wenn wir nicht zurückgekommen wären. Carlos Maxime war: Wir müssen immer so handeln, als ob wir nicht überwacht werden. Nur dann kann man was voranbringen.“
Bei den ersten Außenaufnahmen vor den rauchenden und qualmenden Schloten gingen die beiden dennoch vorsichtig vor. Die Kamera lag in einer Umhängetasche, in die ein Loch für die Linse geschnitten war. „Mit einer Hand in der Tasche konnte ich Start und Stopp der Aufnahme schalten, das war ganz einfach.“ Alles ging gut und die Cassette kam problemlos mit Korrespondent Schwelz wieder über die Grenze zurück zum SFB. Kontraste sendete am 3. März 1987 einen Filmbeitrag mit dem Titel „Uns stinkt’s“, in dem ausschließlich die Aufnahmen von Rüddenklau und Rosenthal zu sehen waren. Zum Schluss des Beitrages wurden die Forderungen von DDR-Umweltgruppen erstmals einem Millionenpublikum bekannt gemacht. In einem durchlaufenden Text hieß es: „Wir Umweltschützer fordern: die Einführung eines Smog-Warnsystems mit Auflagen für Industrie und Verkehr. Die Abschaffung der Anordnung zur Geheimhaltung von Umweltdaten und die öffentliche Bekanntgabe von Messwerten der Schadstoffbelastung über Presse, Rundfunk und Fernsehen. Ungehinderte Arbeitsmöglichkeiten für Umweltschützer(…) und eine konsequente ökologische Politik zur Beseitigung der Ursachen von Luftverschmutzung.“
Rosenthal traute sich später sogar, für den Spiegel in einem Plattenbauviertel von Neubrandenburg Muttermilch zu besorgen, die in Hamburg auf Gifte untersucht wurde. „Überall, wo Kinderwagen herumstanden, habe ich geklingelt, mit Erfolg.“ Mit der Videokamera filmte er noch aus dem Autofenster heraus die Stümpfe in der Ost-Berliner Kastanienallee, in der sämtliche Bäume gefällt worden waren – eine Aufnahme, die heute verschollen ist. Dann gelang der Schmuggel einer weiteren Kamera über die Grenze – zu Aram Radomski und Siegbert Schefke.
„Ich dachte damals, so, wie es um das Verschweigen der riesigen Probleme in unserem Staat stand, ging es nicht weiter“, erzählt Radomski, einer der Hauptbeteiligten am „Fernsehen der Opposition“, der dann als einer von mehreren Ton- und Kameramännern landauf und landab im Verborgenen alles filmte, was nicht gezeigt werden sollte. Meist reiste er in seinem Trabi zusammen mit Siegbert Schefke an jene Orte, die im Zentrum des Murrens der Bevölkerung und in der Kritik oppositioneller Gruppen standen – ob Giftmüllkippen, verschmutzte Gewässer, einstürzende Altbauten in den Stadtzentren oder absterbende Waldgebiete.
Von der Foto-Dunkelkammer zum Videolabor
Radomski erinnert sich noch gut an den Beginn der Zusammenarbeit mit Siegbert Schefke, die für beide mit jahrelangen Dreharbeiten für das „Fernsehen der Opposition“ weiterging. Der langhaarige, große Schefke war ihm schon in der Prenzlauer-Berg-Szene aufgefallen, zumal er oft einen Westfotoapparat, eine im Osten äußerst seltene Nikon F3, mit sich trug. Radomski hatte in Berlin-Mitte, am Rosenthaler Platz, eine Dunkelkammer, in der er neben seinen eigenen Fotografien auch großformatige Fotoabzüge mit Schriften herstellen konnte, die als Plakate für Untergrund-Veranstaltungen einiger Künstler taugten. Als Schefke ihn Anfang 1987 besuchte, näherten sich die beiden Unbekannten an. Schefke fand es praktisch, dass er jemanden mit Dunkelkammer kennengelernt hatte, bei dem er unbesorgt seine Filme entwickeln oder innerhalb von drei Stunden Plakate für Veranstaltungen in der nahegelegenen Umweltbibliothek herstellen lassen konnte. „Siggi meinte, ob ich mir vorstellen könnte, außer Fotos auch mal ‚was anderes‘ zu machen? Kommt drauf an, antwortete ich. Na ja, sagte er, ich habe eine Videokamera und brauche noch einen zweiten Mann beim Filmen. Dann wurde er etwas konkreter, erzählte von der Umweltbibliothek, vom Herumfahren im Osten und Dokumentieren der Umweltprobleme. Schließlich sagte er es mir offen, worum es ging: ‚Damit machen wir keine Familienvideos, sondern Westfernsehen.‘ Da dachte ich zuerst sofort an meine Gefängniszeit, ich war ja als Jugendlicher inhaftiert gewesen. Doch selbst auf die Gefahr hin, dass ich dabei erneut zu Schaden kommen könnte, wollte ich versuchen, etwas zur Veränderung der Verhältnisse in der DDR beizutragen. Plötzlich war ich politisch hoch motiviert und sagte mir nach einiger Überlegung, ja, man muss was machen, und das ist genau mein Ding. Das machen wir jetzt zusammen.“
Die ersten Probeaufnahmen der beiden fanden in Großhennersdorf statt. Wackelnde, viel zu lange Schwenks über das Braunkohletagebauloch – noch nicht fernsehtauglich. Radomski: „Ich hatte so etwas schon vorher mit dem Fotoapparat dokumentiert, aber mit der Videokamera war es nach einiger Übung erstaunlich leicht, viele Minuten lang die Wirklichkeit des Landes, in dem wir lebten, einzufangen. Natürlich waren wir keine Profis, aber nach und nach wuchsen wir in die Rolle von investigativen Journalisten hinein. Anfangs waren unsere Aufnahmen nur illustrierende Szenen ohne Menschen. Niemand außer uns musste dafür irgendetwas riskieren. Das waren auch schon wichtige Bilder. Doch innerhalb kürzester Zeit wurden wir dann immer frecher, wagten mehr und mehr.“
Das Medienzentrum der Opposition: die Umweltbibliothek
Der 1963 geborene Aram Radomski war der Sohn des DDR-kritischen Schriftstellers Gert Neumann. Er wurde mit 15 Jahren von der Stasi angesprochen, um den missliebigen Vater zu bespitzeln, was der Sohn jedoch ablehnte. 1983 wurde der 19-Jährige auf einer Faschingsfeier in Plauen in eine von der Stasi geplanten Schlägerei mit MfS-Angehörigen verwickelt und als vermeintlicher Täter festgenommen, anschließend zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, wo er schwerste körperliche Arbeit in Wäldern und entlang von Bahntrassen leisten musste. Erst später, nach dem Fall der Mauer und Einsicht in seine Stasi-Akten, stellte sich dies als eine perfide, gezielte Zersetzungsmaßnahme der Staatssicherheit heraus, um seinen Vater zum Verlassen der DDR zu bewegen. So hatte Aram Radomski als junger Mann bereits einiges an DDR-Erfahrung hinter sich gebracht, als er 1984 Plauen verließ und nach Ost-Berlin ging, wo er rasch Anschluss an die dortige alternative Kultur- und Jugendszene fand.
Siegbert Schefke,1959 in Eberswalde geboren, war gelernter Baufacharbeiter und beaufsichtigte in Ost-Berlin als Oberbauleiter die Reparatur undichter Fugen von Plattenbauten. Bei der Dacheindeckung auf einer anderen Baustelle lernte er Carlo Jordan und Rüdiger Rosenthal kennen, zwei Aktivisten aus der oppositionellen Szene im Prenzlauer Berg. Durch sie kam er in verschiedene Diskussionskreise hinein und war dann einer der ersten Besucher, als ab September 1986 in zwei Kellerräumen der Zionsgemeinde von Pfarrer Hans Simon in Prenzlauer Berg eine Umweltbibliothek durch Carlo Jordan, Wolfgang Rüddenklau, Christian Halbrock und Oliver Kämper aufgebaut wurde, als eine Art gemeinschaftlich nutzbarer Bücherschrank, nach dem Vorbild der polnischen „fliegenden Universitäten“.
Dort gab es einen Leseraum mit in der DDR nicht erhältlicher Literatur, die in der Regel nicht entliehen, sondern vor Ort eingesehen werden sollte. Die Regale füllten sich zunehmend vor allem mit politischen und ökologischen Büchern aus dem Westen. Nach und nach entwickelte sich das ganze Gemeindehaus über mehrere Stockwerke zu einem alternativen Treffpunkt der Szene mit Veranstaltungen aller Art, mit einem eigenen, künstlerisch ausgestalteten Café und Sommerfesten im Hof. Im Leseraum gab es meist die tagesaktuelle taz, den aktuellen Spiegel und andere Westzeitungen, neben den Broschüren und Druckerzeugnissen der Oppositionsgruppen in der DDR. Im Grunde war es ein Stück Gegenöffentlichkeit, ein Kultur-und Kommunikationszentrum der Opposition, ein Anlaufpunkt für die Mitglieder der Friedens-, Frauen-, Künstler- oder Umweltgruppen in der ganzen DDR. Verdeckt auch für die Stasi. Hier gab es Infos über alles, aus allen Ecken des Landes – ein idealer Ort für Filmvorhaben, zum Informationsaustausch und um Kontakte zu schmieden.
Am 2.12.1987 berichtete das ZDF-Magazin KENNZEICHEN D über eine Razzia des MfS in der Umweltbibliothek der evangelischen Zionsgemeinde am Prenzlauer Berg. Die engagierte Kirche sollte eingeschüchtert werden, aber der Stasi-Plan ging schief.
Hilfreich war auch, dass Schefke an seiner Arbeitsstelle jederzeit Zugang zu einem Telefon hatte. Roland Jahn in West-Berlin konnte ihn dort tagsüber zwischen neun und elf Uhr stets gut erreichen. Schefkes Sekretärin stellte ihm die Anrufe ohne zu fragen einfach durch. Er war ja Oberbauleiter und hatte zeitweise 56 Bauarbeiter unter sich. Innerhalb der DDR konnte Schefke natürlich auch telefonieren, nur nicht in den Westen.
Ihn erreichten aber auch unkontrollierte Briefe und Zettel, die Ingomar Schwelz zwischen ihm und Jahn hin und her transportierte. Sie enthielten Nachrichten über mögliche Drehorte, anstehende Veranstaltungen, auf denen gefilmt werden könnte, oder genaue Auflistungen darüber, wann auf den abgedrehten Kassetten was und wer zu sehen sei. Am Telefon hingegen ging es zwangsläufig etwas verschleierter zu. „Männernamen waren für uns beide Frauen und umgekehrt“, erinnert sich Schefke. Bärbel Bohley hieß schlicht „der Italiener“, seitdem Jahn und der Spiegel-Redakteur Schwarz sie in Italien zu einem Interview getroffen hatten. Bohley hatte die DDR Anfang 1988 zwangsweise verlassen müssen.
Schefke über seine politischen Motive: „Es ging darum, endlich auch mal Wortführer der Opposition zu präsentieren und die Geheimhaltung zu allen drängenden Problemen des Landes zu durchbrechen. Ich wollte die überall deutlich sichtbare Umweltverschmutzung aller Welt zeigen, ebenso den drastischen Zerfall der alten Stadtzentren mit ihren maroden Häusern. Ich wollte die Wohnzimmer der DDR erreichen – mit dem von uns im Osten gedrehten Material, das wir in den Westen schmuggelten.“
Erstmals Neonazis in der DDR vor der Kamera - und Antisemitismus
Schefke gelang es auch, im Juni 1988 jugendliche Ost-Berliner Neonazis vor die Kamera zu bringen. Sie stammten aus einer Szene, die sich in der ganzen DDR schon lange vor dem Sturz der Mauer breit gemacht hatte. Es gab Tausende von gewaltbereiten jungen Nazis überall im Honecker-Staat – die aber als Tabuthema in den Medien der DDR nicht stattfanden. Nach einem Konzert in der Zionskirche, auf dem am 17. Oktober 1987 zuerst eine Ost-Berliner Punk-Band namens „Die Firma“ auftrat und dann ohne Genehmigung die West-Berliner Band „Element of Crime“, die als Touristen eingereist waren, war es zu einem brutalen Überfall mit Verletzten gekommen, als eine Horde junger Ost-Berliner Nazis die Langhaarigen und Punks überfiel und unter Rufen wie „Juden raus aus deutschen Kirchen“ auf sie einschlug.
„Das war natürlich ein Grund für uns, mit den Videokameras Öffentlichkeit herzustellen“, erinnert sich Schefke. Gefilmt wurden von ihm und Radomski umgestürzte Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin, Hakenkreuzschmierereien in sächsischen Telefonzellen, Treffpunkte von rechtsradikalen 16- bis 22-Jährigen im Gasthof Strauss in Großdietmannsdorf bei Dresden.
Hinzu kam ein ganz besonderes Interview mit drei Neonazis auf einem Hügel im Berliner Bezirk Lichtenberg. Schefke war es gelungen, diese drei aus einer Kneipe am Frankfurter Tor abzuholen, einem ihrer regelmäßigen Treffpunkte, von dem er wusste. Dafür hatte er sich von Christoph Marzian ein Westauto geliehen, einem 30-jährigen Kreuzberger, der den Wagen von seinem Vater geerbt hatte. Marzian kam zum Dreh auf Bitten von Jahn aus West-Berlin dazu, ebenso Ursel Sieber, eine der jüngeren Mitarbeiterinnen in der Kontraste-Redaktion, die, anders als Roland Jahn und ich, in die DDR einreisen durfte. Da nun Personen vor die Kamera sollten, die auf keinerlei Schutz bauen konnten – wie es etwa bei evangelischen Pfarrern doch in einem gewissen Maß der Fall war –, sollte das Risiko für die Interviewten vollkommen transparent gemacht und insbesondere für die Ost-Beteiligten zugleich gesenkt werden.
Schefke organisierte die drei Interviewpartner, Sieber stellte die Fragen und Marzian, der in West-Berlin als Tonmann jobbte und seine eigene VHS-Kamera problemlos über die Grenze mitgebracht hatte, nahm damit die drei Nazis als Kameramann auf – nach Absprache mit ihnen allerdings so, dass sie nicht direkt zu erkennen waren. Marzian und Schefke filmten am gleichen Tag noch zwei jugendliche Opfer und Augenzeugen des Nazi-Überfalls in der Zionskirche, die dies allerdings ebenfalls nur mit dem Rücken zur Kamera erlaubten. Dagegen war Carlo Jordan, der Umwelt-Aktivist und Bauleiter der Renovierungsarbeiten an der Zionskirche, bereit, sich als Erster vom „Fernsehen der Opposition“ offen interviewen zu lassen, ebenso wie Uwe Kulisch, ein engagierter Sozialdiakon aus der offenen Jugendarbeit der evangelischen Kirche.
Am Ende des langen Drehtages nahm Schefke die VHS-Kassette und gab sie in die „Journalistenpost“, wie er den beiden West-Berlinern erklärte. Sieber und Marzian mit seiner Kamera reisten unbehelligt zurück über die Grenze. Die Aufnahmen kamen am nächsten Tag bei uns in der Redaktion an und es war erstaunlich, was darauf zu sehen und zu hören war: „Wir sind sehr auf Gewalt aus", bekannte darin einer der rechtsextremen DDR-Jugendlichen. Ein anderer trat dafür ein, dass „die Scheißkanaken raus sind“. Der dritte Kurzgeschorene bekannte sich vor der Kamera als Faschist, dessen Aufgabe es sei, „Nationalgefühl“ und „faschistisches Gedankengut“ in der DDR zu verbreiten. Über die ostdeutsche Fascho-Szene sagte er im Juni 1988: „Es gibt viele, die sich zu irgendwelchen Anschlägen bereit erklären, auch bewaffneter Natur.“
Ausgestrahlt zur besten Sendezeit im Ersten Deutschen Fernsehen, löste der Beitrag im Osten eine heftige Reaktion aus. Die Junge Welt, das Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend FDJ schrieb eineinhalb Seiten voller Empörung darüber, dass die gezeigten Personen lediglich bezahlte Schauspieler von Kontraste gewesen seien, denn so etwas gebe es in der DDR nicht. Alles andere sei „eine Lüge“, Neonazis seien nur im Westen zuhause, die DDR sei doch vollkommen antifaschistisch.
Druck aus der DDR-Spitze auf die ARD
Der Protest aus der DDR-Spitze ging aber noch weiter und erreichte auch die ARD. Unverhohlen wurde den fest akkreditierten Korrespondenten damit gedroht, das Büro der ARD in Ost-Berlin zu schließen, wenn das nicht aufhöre mit solchen illegalen Filmen aus der DDR. Im Außenministerium der DDR gab es eine Stelle für journalistische Angelegenheiten, in der Korrespondenten ihre Drehanliegen unterbreiten mussten, zumeist bei Offizieren im besonderen Einsatz der Staatssicherheit, den sogenannten OibES. Sie versuchten, Westjournalisten auszubremsen, zu beeinflussen oder solcherart Drohungen an die Sendeanstalten weiterzuleiten. Kontraste-Moderator Jürgen Engert und sein Redaktionsleiter Joachim Trenkner bekamen erheblichen Druck aus SFB und ARD, hielten jedoch ihren Kurs bei, das Material aus dem Osten weiterhin in den Beiträgen zu verwenden.
Es war wichtig, an dieser Praxis festzuhalten, denn nur auf diese Weise konnten solche Zeitzeugnisse entstehen, wie sie das „Fernsehen der Opposition“ dokumentierte. Die Aufnahmen der ostdeutschen Neonazis beispielsweise machten in den Jahren danach deutlich, dass die nach dem Mauerfall beklagten „Baseballschlägerjahre“ mit ihrer ungeheuerlichen Gewalt unter linken und rechten Jugendlichen in Wahrheit schon lange vor dem Ende der DDR begonnen hatten.
Nach diesem Beitrag und dem zunehmenden Mut aller Beteiligten vor und hinter der Kamera veränderte sich das Drehmaterial immer stärker – weg vom reinen Abfilmen der Umweltzerstörung oder des Städtezerfalls, hin zu Menschen vor der Kamera, die etwas Kritisches zu sagen wagten. Ob zu Verhaftungen, den am 7. Mai 1989 gefälschten Kommunalwahlen [LINK], zur Pressefreiheit, zum alleinigen Machtanspruch der SED oder zum Beifall der SED für das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz in Peking im Juni 1989. Die Opposition erhielt nunmehr ein Gesicht durch immer mehr Statements und Interviews, meist heimlich gedreht in Wohnungen: Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Reinhard Lampe, Freya Klier, Stefan Krawczyk, Jens Reich, Rolf Henrich, Stephan Bickhardt, Reinhard Schult, Thomas Krüger oder Pfarrer wie Friedrich Schorlemmer und Edelbert Richter wurden so via Westfernsehen in der DDR und Interessierten in der Bundesrepublik bekannt. Manche erhielten daraufhin plötzlich mehr Besuch aus dem Westen.
Kooperation mit Roland Jahn alias Jan Falkenberg
Von 1986 bis 1993 gehörte ich zur ARD-Fernsehredaktion von Kontraste und habe währenddessen drei Jahre lang Filmbeiträge mit dem Kameramaterial des „Fernsehens der Opposition“ machen können. Mit Roland Jahn hatte ich Ende 1986 einen aus Jena zwangsweise in den Westen abgeschobenen Oppositionellen in die Redaktion geholt. Zunächst als freien Mitarbeiter mit dem Pseudonym Jan Falkenberg. Das war der Nachname seiner damaligen Jenaer Freundin Petra Falkenberg und Mutter seiner Tochter. Das Pseudonym galt nicht nur seinem eigenen Schutz, sondern vor allem dem seiner ostdeutschen Gewährsleute. Damit sollte das Risiko der strafrechtlichen Verfolgung wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme" etwas gemindert werden, denn Jahn galt dem MfS als einer der größten Staatsfeinde. Wie sich bei unserer ersten Akteneinsicht Anfang 1990 herausstellte, hatte das Ministerium für Staatssicherheit sogar schon einen Haftbefehl gegen ihn in der Schublade. Jahn nutzte, ohne Kenntnis dieser Absicht, aus Vorsicht niemals die normalen Transitstrecken zwischen Berlin und Westdeutschland.
Ich hatte ihn bei einem Interview und der Zusammenarbeit zum Thema, wer zehn Jahre nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann die neue Opposition in der DDR sei, , näher kennengelernt und fand, das passte gut zusammen: er mit seinen und ich mit meinen Kontakten in die DDR und dem Interesse, weiter aus ihr und über sie zu berichten. Wir wurden rasch zu einem Team, das sich als äußerst produktiv erwies und in der Zusammenarbeit die deutsche Einheit vorwegnahm.
Zuvor hatte ich von 1978 an als Westjournalist für den Evangelischen Pressedienst (EPD) aus der DDR berichtet, bis ich 1985 ein Einreise- und Arbeitsverbot erhielt. Den Grund dafür erfuhr ich erst später aus den Stasi-Akten. Der DDR-Geheimdienst und die SED-Führung wollten keine weiteren Berichte und Recherchen zu Umweltproblemen, oppositionellen Gruppen oder anderen für die DDR kritischen Themen, wie ich sie gemacht hatte. In der Sprache des DDR-Geheimdienstes klang das in meiner Akte so: „Wensierski nutzt seine Tätigkeit für gegen die DDR gerichtete Interessen und für die Organisierung eines politischen Untergrundes aus, um gleichzeitig Faktenmaterial für die politisch-ideologische Diversion zu sammeln." Meine Berichte über „zunehmende Instabilitäten in der DDR" böten „Stoff für Angriffe auf die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung".
Trotz unseres Einreise- und Arbeitsverbots wollten wir uns als Ost-West-Gespann die kritische Berichterstattung über die DDR nicht nehmen lassen. Deshalb überließen wir der Ost-Berliner Umweltbibliothek die Videokameras, und es entstand eine Ost-West-Zusammenarbeit mit den dortigen Machern des „Fernsehens der Opposition“ über die Mauer hinweg, als gebe es sie ein Stück weit nicht.
Heimlich dokumentierter Kirchentag von unten
In Ost-Berlin kursierten bald mehrere von Jahn gelieferte Kameras, weil sie begehrt waren und gebraucht wurden. Während das Gespann Radomski/Schefke oft mehrere Tage in der Woche mit ihrer Ausrüstung unterwegs war, dokumentierte Wolfgang Rüddenklau mit einer anderen Kamera fast den gesamten „Kirchentag von unten“ an einem Juniwochenende 1987. Es entstand dabei ein einzigartiges dokumentarisches Filmmaterial über die politische Kultur jenseits der SED. Die mehrstündigen Aufzeichnungen zeigen rund tausend Teilnehmer und Teilnehmerinnen während zweier Tage in intensiven Diskussionen verwickelt, beim offenen Reden am Mikrofon im Plenum des großen Saales, bei Auftritten von Musikgruppen oder beim Feiern und Tanzen – die ganze geballte politische Alternativkultur einer Szene, die sich den Raum der Kirche ohne den Staat, aber teils auch gegen den Willen der meisten Kirchenfunktionäre erobert hatten. Erst die Androhung einer Kirchenbesetzung hatte die Freigabe der Räumlichkeiten durch den damaligen Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe bewirkt. Bitteres aus Bitterfeld und die Folgen
Mit Ausschnitten aus einem heimlich in der DDR produzierten Video „Bitteres aus Bitterfeld“ zeigte Kontraste am 27. September 1988 ein erschütterndes Dokument der Umweltzerstörung von geradezu apokalyptischem Ausmaß aus der Chemieregion um Leipzig und Halle. Dieser Film erzielte eine ganz besonders hohe Wirkung in der Öffentlichkeit. Er zeigt den sogenannten Silbersee, einen Abwassertümpel riesigen Ausmaßes, in den ungeklärte Abwässer der Filmfabrik ORWO – „Original Wolfen“ – eingeleitet wurden. In langen Schwenks sind Giftmüllbehälter zu sehen, auf einer Deponie mit dem unwirklichen Namen „Freiheit III“. Auf manchen der wild herumliegenden Fässer prangen Schilder „Vorsicht. Giftig".
Der Film kam zustande, weil Ulrich Neumann, ein Umweltaktivist des kurz zuvor in Carlo Jordans Ost-Berliner Wohnung gegründeten „Netzwerks Arche“, inzwischen nach West-Berlin ausgereist war. Das Arche-Netzwerk wollte die Arbeit Dutzender nichtstaatlicher Umweltgruppen in der ganzen DDR koordinieren und bekam wohl als einzige DDR-Oppositionsgruppe durch den in den Westen übergesiedelten Neumann einen Ableger in West-Berlin. Zur kleinen West-Gruppe gehörte auch Belinda Cooper, Carlos Freundin. Neumann stellte ein Team aus Ost und West zusammen, mit dabei die West-Berliner Radiojournalistin und Neumanns Freundin Margit Miosga sowie der Kameramann Rainer Hällfritzsch.
Der Bitterfelder Chemiefacharbeiter Hans Zimmermann hatte schon jahrelang die Umweltverseuchung seiner Region beobachtet, sogar Eingaben an den Staat geschrieben, ohne nennenswerten Erfolg. Er bestimmte die Drehorte. Der promovierte Mediziner Edgar Wallisch stellte seinen blauen Lada zur Verfügung, ein Auto, wie es oft von der Stasi benutzt wurde. Das sollte ihre Fahrt durch das Industriegelände tarnen. Auch der Drehtag am 25. Juni 1988 war bewusst gewählt. An diesem Tag fand das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft statt, und die Gruppe hoffte, dass Stasi, Volkspolizei und Betriebsangehörige sich auf das Finale konzentrierten und sie nicht bemerkten. Alles verlief gut, das Filmteam wurde nicht entdeckt. Uli Neumann, der als Ausgereister nicht mit dabei sein konnte, kam mit dem Material zu mir in die Redaktion. Unser Kontraste-Beitrag zeigt einige Minuten des eindrücklichen Films und ein Interview dazu mit Neumann. Am Tag der Ausstrahlung rief ich mehrere ausgewählte Nummern in Bitterfeld und im Chemiekombinat an und empfahl als Fernsehtipp für den Abend den Film über Bitterfeld in der ARD.
Wenige Tage danach erfolgte innerhalb kürzester Zeit die Planierung der Deponie „Freiheit III“. Der zuständige Rat des Bezirks Halle ließ urplötzlich die Altlasten erfassen und sprach über Sanierungsmaßnahmen. Die Stasi verdächtigte den ihr bereits bekannten Aktivisten Hans Zimmermann der verbotenen Kontaktaufnahme mit dem Westfernsehen, doch er konnte sich glaubhaft herausreden. Öffentlich stritten staatliche Stellen und die Bitterfelder Betriebe bis zum Fall der Mauer alle Umweltprobleme ab. Für die damalige Leipziger Bürgerrechtlerin Gisela Kallenbach spielte „Bitteres aus Bitterfeld“ eine große Rolle im Vorfeld der Friedlichen Revolution von 1989: „Das sind alles Mosaiksteine gewesen, mehr und mehr Menschen bewusst zu machen, dass es um Bürgerrechte und Menschenrechte geht, um Bewahrung der Lebensgrundlagen und dass wir in allem persönlich betroffen sind."
Jedes der heimlich gedrehten Videos in den letzten Jahren der DDR war solch ein Mosaikstein. Ob jenes zu den Volkskammerwahlen im Frühjahr 1989 oder über den Verfall der Leipziger Innenstadt im Sommer 1989: Vor der Kamera von Schefke und Radomski riefen mehrere Bürgerrechtler dazu auf, die Wahlkabinen zu benutzen und das Ergebnis zu kontrollieren. Einige forderten freie Wahlen. In unserem Kontraste-Beitrag war zu sehen, wie man den Wahlvorschlag der SED-Einheitsliste überhaupt mit „ungültig“ ablehnen konnte, denn selbst dies war wenig bekannt.
Immer häufiger Interviews vor Ort, insbesondere in Leipzig
In Leipzig wollten Schefke und Radomski zum ersten Mal nicht nur wie in Greifswald, Halberstadt, Erfurt, Potsdam oder Magdeburg Außenaufnahmen vom Verfall der Häuser in den Straßen machen, sondern erstmals auch ganz gewöhnliche Bürger im Interview über ihre Situation in der Stadt offen sprechen lassen: Mütter, Familienväter, Krankenpfleger ...
Der ihnen bekannte Aktivist vor Ort, Uwe Schwabe, konnte durch seine Arbeit in einem Altersheim einige potenzielle Interviewpartner gewinnen, und er bat Ernst Demele, einen Ingenieur aus seiner „Initiativgruppe Leben“, die beiden Berliner mit seiner Sachkenntnis als Kommentator durch die Straßen zu führen, um über die Ursachen des Verfalls der Innenstadt zu reden. Zunächst fanden aber die Aufnahmen mit einigen der jungen Leute statt, die gerade in der Wohngemeinschaft Mariannenstraße 46 anwesend waren. Sie stellten ein paar Stühle in den Hof, Radomski packte ein Stativ aus und machte die Ausrüstung aufnahmebereit. Siggi fragte nach, ob es Stasileute vor der Haustür geben könnte, einen verdächtigen Wartburg hatte er zum Glück bis dahin nicht gesehen. Frank Sellentin, einer der Interviewten, meinte, ihm sei das egal, und so einfach hereinschneien würden sie normalerweise nicht. Die Stasi hatte einen festen Beobachtungsstützpunkt im Haus gegenüber eingerichtet, das spielte aber alles keine große Rolle mehr. Vor der Kamera in ihrem Hinterhof redeten die jungen Leute offen über die Repressionen, die sie satthatten, und über den Stalinismus in der DDR, den es endlich zu überwinden gelte.
Es war das erste Mal, dass Radomski und Schefke offen eine Menschengruppe filmten. Und es war das erste Mal, dass sie wie ein normales Kamerateam von Profijournalisten offen in der ganzen Stadt drehten und ein Dutzende ganz „normale“ Leute interviewten, keine bekannten Oppositionellen, keine Pfarrer. „Leipzig – eine Stadt im Zerfall“ hieß der Film, der Anfang September 1989 ausgestrahlt wurde. Der Wittenberger Pfarrer Schorlemmer, der ihn im Fernsehen gesehen hatte, gab mir später zu Protokoll: „Bei diesem Film ging allen das Messer in der Tasche auf über die Zustände, in denen wir leben mussten. Wir hatten uns daran so sehr gewöhnt, aber es wie in einem Spiegel im Fernsehen so vorgehalten zu bekommen, war höchst emotionalisierend. Diese Bilder haben allen den letzten Kick gegeben, all das nicht mehr länger hinzunehmen, zu sagen: So geht das nicht weiter. Diese Sendung hat wesentlich mit dazu beigetragen, dass hier in und um Leipzig die Menschen, die ihn gesehen hatten, kurz darauf die ersten Schritte hinaus auf die Straßen wagten.“
Der 9. Oktober 1989 - "konspirativ" gefilmt
Ein besonderer Höhepunkt waren wenige Wochen später die angesprochenen Aufnahmen von Schefke und Radomski am 9. Oktober 1989 von der entscheidenden Demonstration in Leipzig, die das Ende der DDR besiegelte.
Schlüsselmoment der Friedlichen Revolution: Die Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989
Eine wesentliche Rolle bei der Friedlichen Revolution in der DDR spielten Fernsehbilder - wie die am 9.10.89 heimlich in Leipzig von Aram Radomski und Siegbert Schefke aufgenommen Bilder.
Die Videobilder der weit über 100.000 friedlichen Demonstrierenden in der abgeriegelten Stadt wurden heimlich von einem Kirchturm aus aufgenommen. Schefke und Radomski übergaben die Kassetten noch in einem Leipziger Hotel an den Spiegel-Korrespondenten Ulrich Schwarz, der sie über die Grenze brachte.
Die VHS-Kassette kam noch in der Nacht im Sender an, und die Bilder konnten anderntags in der Tagesschau und dann weltweit verbreitet werden. Schefke resümiert heute: „Diese Bilder vom Abend des 9. Oktobers trugen wesentlich mit dazu bei, dass in den folgenden Tagen und Wochen es überall in der DDR zu Demonstrationen und Kundgebungen kam, bis schließlich die Regierung abtrat, der Stasi-Chef Erich Mielke verhaftet wurde und die Mauer fiel. Damit endete für uns die Arbeit des ‚Fernsehens der Opposition‘. Wir hatten unser Ziel erreicht, die Pressefreiheit und noch einige weitere Freiheiten mehr.“
Radomski und Schefke wurden nach dem Fall der Mauer mehrfach für ihre mutige Arbeit ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Ihre Geschichte wurde von SAT 1 frei verfilmt und in vielen Fernsehdokumentationen gewürdigt. Uli Neumann arbeitete jahrelang weiter für die politischen Magazine der ARD, vor allem für Report Baden-Baden. Schefke filmte weiter für das Fernsehen, vor allem für den MDR und die ARD-Tagesthemen. Roland Jahn wurde als Bundesbeauftragter Herr über die Stasi-Akten und ich verließ 1993 die Kontraste-Redaktion und ging zum Spiegel.
Zitierweise: Peter Wensierski, „„Wir wollten nicht länger auf Pressefreiheit warten“", in: Deutschland Archiv vom 04.04.2025. Link: www.bpb.de/561031. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Peter Wensierski, Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer, kam im Juni 1954 in der Gerhart-Hauptmann-Straße 13 in Heiligenhaus zur Welt und besuchte von 1960 bis 1964 die Gemeinschaftsschule am Sportfeld, danach das Theodor- Heuss-Gymnasium in Kettwig an der Ruhr bis zum Abitur 1973. An der Freien Universität Berlin studierte er Politik, Geschichte und Publizistik. Nach dem Abschluss begann er 1978 mit Reportagen aus der DDR für den Evangelischen Pressedienst (epd), dem SPIEGEL, dem Deutschlandfunk und viele andere Medien. Wensierski besuchte als vom Außenministerium der DDR akkreditierter Westjournalist Partei- und Massenveranstaltungen der SED ebenso wie Kirchentage, Synoden oder Punkkonzerte, Bluesmessen und Friedenswerkstätten in der DDR und erlebte die aufkommende Oppositionsbewegung der Jugend, in Kirchen-, Künstler- und Intellektuellenkreisen. Ab 1986 arbeitete er als Fernsehjournalist der ARD für aktuelle Brennpunkte, Sondersendungen und vor allem für das politische Magazin KONTRASTE.
1993 wechselte er zum SPIEGEL und arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte lang als Redakteur im Deutschlandressort und auch als Auslandskorrespondent in Rom und im Vatikan, wo er den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und dessen Vertuschung öffentlich machen konnte. 2006 erschien sein Buch "Schläge im Namen des Herrn - Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik", das mehrfach verfilmt wurde. Für seine Verdienste um die Aufarbeitung dieses Kapitels der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte erhielt Wensierski 2012 das Bundesverdienstkreuz. Durch seine Enthüllungen über den Limburger Bischof Tebartz van Elst kam es erstmals zum Abtritt eines Bischofs in Deutschland. 2014 erschien „Die verbotene Reise – Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht“, 2017 „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution – wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte“, über den Hintergrund der Friedlichen Revolution. Es wurde unter gleichem Titel für die ARD verfilmt.
2023 erschien nach mehrjährigen Recherchen sein Buch über den in Stasi-Haft zu Tode gekommenen Jenaer Jugendlichen Matthias Domaschk unter dem Titel „Jena Paradies“, der auch in der bpb-Schriftenreihe erschienen ist. Peter Wensierski kehrt regelmäßig in seine Geburtsstadt Heiligenhaus zurück und besucht Freunde, Verwandte und Nachbarn in der Straße und der Stadt, in der er aufgewachsen ist.