Das Reden über Ostdeutschland hat Konjunktur. Bis vor wenigen Jahren wurde das Gebiet der ehemaligen DDR noch vorsichtig als „neue Bundesländer“ umschrieben. Das betonte einerseits die Zugehörigkeit zur alten Bundesrepublik, deutete aber auch einen Prozess des „Anlernens“ im neuen Staat an. Heute deuten Szenemusiker wie Finch es als Ausdruck eines gesunden Lokalpatriotismus, wenn eine Menschenmenge die rechte Faust hebt und gemeinsam „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ ruft.
Doch nicht nur in der Popkultur wird das Erbe der DDR und der gegenwärtige Zustand der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg, Thüringen und (Ost-)Berlin verhandelt. 2023 stieß der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann eine intellektuelle Debatte darüber an, ob „der Osten“ nicht lediglich eine Erfindung der Westdeutschen sei – oder ob diese Region nicht vielmehr eine mit politischen und sozialen Eigenheiten sei, die sie vom Rest des Landes unterscheide. Im selben Jahr erntete die in Großbritannien arbeitende Historikerin Katja Hoyer viel Widerspruch aus der deutschen Wissenschaft mit ihrer Sicht auf die Geschichte der DDR. Sie stellte vor allem die Alltagserfahrungen der Menschen in den Mittelpunkt, jenseits der Bespitzelung der Stasi und Schüssen an der Mauer.
Eine besondere politische Brisanz gewann das Thema nach der Europawahl 2024 und der Bundestagwahl 2025. So lässt die Wahlkreiskarte der vergebenen Direktmandate auf den ersten Blick die innerdeutsche Grenze in einem schwarz-blauen Kontrast wieder auferstehen.
In dieser politischen Großwetterlage, unmittelbar nach den drei Landtagswahlen im Spätsommer 2024 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, veranstaltete das Verlagshaus des Tagesspiegels die zweite Auflage der Konferenz „DER OSTEN“, die Anfang November 2024 erneut „Ideen und Macher“ zusammenbringen sollte. Partner waren neben der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb auch zahlreiche Akteure aus der Wirtschaft . In mehreren Gesprächsrunden und Workshops diskutierten Akteur*innen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft über Entwicklung und Chancen der in Wahrheit sehr heterogenen Region von der Ostsee bis zum Erzgebirge.
4. November 1989: Geburtsstunde eines neuen politischen Selbstbewusstseins?
Für ein neues ostdeutsches Selbstbewusstsein konnte auch der Tag der Konferenz stehen. Mit dem 4. November wählten die Organisator*innen den 35. Jahrestag der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz – die größte nicht staatlich organisierte Kundgebung in der Geschichte der DDR. Der Tag, an dem die DDR-Bürger*innen endgültig den Respekt vor der Staatsmacht verloren, wie Stefan Wolle im Deutschland Archiv schrieb.
Organisiert und angemeldet hatten die Demonstration ursprünglich Künstler*innen und Kulturschaffende. Allerdings war der Protest offiziell genehmigt worden, womit die SED wohl die Hoheit über die Reformbewegung zurückgewinnen wollte. Mindestens 500.000 Menschen kamen, sparten nicht mit Kritik am neuen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz und pfiffen die Vertreter*innen des noch herrschenden Regimes, die sich ebenfalls unter die Redner*innen mischten, rigoros aus.
Diesem genehmigten und im DDR-Fernsehen übertragenen Protest auf dem Alexanderplatz waren zahlreiche verbotene Demonstrationen vorausgegangen, auf denen die Teilnehmenden zum Teil ihre körperliche Unversehrtheit riskierten. Die größte von ihnen fand am 9. Oktober 1989 in Leipzig statt – ein Datum, das der Bürgerrechtler und SPD-Mitbegründer in der DDR, Konrad Elmer-Herzig, auf dem Podium der Tagesspiegel-Konferenz kurzerhand als Nationalfeiertag für das vereinigte Deutschland vorschlug. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider (SPD), wies auch auf die Demonstration zwei Tage zuvor in Plauen hin, bei der die SED-Führung die friedlichen Demonstrierenden nach einem vergeblichen Wasserwerfereinsatz zum ersten Mal gewähren ließ.
Viele ostdeutsche Städte erlebten in dieser Zeit die bis heute größten Demonstrationen ihrer Geschichte. So gingen am 4. November nicht nur in Berlin die Menschen auf die Straße, auch in Jena beispielsweise protestierten an diesem Tag 40.000 Menschen gegen das SED-Regime.
Marianne Birthler (© Screenshot)
Marianne Birthler (© Screenshot)
„Wir waren uns ziemlich einig, wogegen wir waren. Aber wofür wir waren, das hätten wir nicht genau beschreiben können”, beschrieb Marianne Birthler, die ebenfalls vor 35 Jahren Rednerin auf dem Alexanderplatz war, die damalige politische Gemütslage innerhalb der Bürgerbewegung. Dass sich die Beteiligten von 1989 bis heute noch nicht über alles einig sind, bewiesen Birthler, Elmer-Herzig und Ronald Freytag, der als Sprecher eines oppositionellen Studierendenrats auf dem Alexanderplatz sprach, in der folgenden Podiumsdiskussion.
Dr. Konrad Elmer-Herzig (© Screenshot)
Dr. Konrad Elmer-Herzig (© Screenshot)
Es entwickelte sich ein anregendes Streitgespräch über Deutungen und Erbe der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland. Uneinig waren sich die Diskutant*innen unter anderem darüber, inwieweit die Bürgerrechtler*innen auf dem Alexanderplatz bereits „die Machtfrage” gestellt hätten, ob die Demonstrierenden einen Wunsch nach der Wiedervereinigung gehabt hätten und wie das Verhalten in der Diktatur bis heute das Leben in Ostdeutschland präge. Auch die Frage nach einem „aufrechten Gang“ der Ostdeutschen beschäftigte das Podium.
Prof. Dr. Ronald Freytag (© Screenshot)
Prof. Dr. Ronald Freytag (© Screenshot)
Während Ronald Freytag, der nach der Wiedervereinigung eine Karriere als Marktpsychologe machte, sich mehr Selbstkritik aus der ostdeutschen Bevölkerung wünschte, forderte Elmer-Herzig die Erwähnung der Friedlichen Revolution 1989 in der Präambel des Grundgesetzes. Dieser solle das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen stärken. Marianne Birthler, ab dem Jahr 2000 elf Jahre lang Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, widersprach denen, die die Aufarbeitung des DDR-Unrechts als misslungen bezeichnen. Gerade mit Blick auf andere ehemalige kommunistische Staaten sei dort einiges erreicht worden. Sie verstehe jedoch den Unmut, wenn ein Ex-Häftling heute weniger Rente erhalte als der ihn damals verhörende Stasi-Offizier.
Einig waren sich die drei hingegen in einer nostalgischen Erinnerung an das „Dazwischen”, das sie in den ersten Novembertagen 1989 empfunden hätten. Man sei auf eine angenehme Weise von der damaligen Situation überfordert gewesen: Die alte Macht sei schon verschwunden, aber noch nicht durch eine neue ersetzt gewesen.
Die Ideen und die Macher
Neben der historischen Bürgerrechtsbewegung war auch die aktuelle Zivilgesellschaft Thema der Konferenz. Das Problem, dass Unternehmen in Ostdeutschland mit dieser stärker fremdeln als im Rest der Bundesrepublik, zeigte sich im Vorhaben der Konferenz, „Ideen“ und „Macher“ zusammenzubringen. Auf Appelle der Bundesfamilienministerin und Grünen-Politikerin Lisa Paus, auch wirtschaftliche Akteure müssten sich stärker an der Verteidigung der Demokratie beteiligen, gab es hingegen wenig Resonanz aus dem Publikum.
Das folgende Panel setzte diese Problemanalyse fort. Olaf Ebert, der als geschäftsführender Vorstand von „Bürger für Bürger“ kleinen zivilgesellschaftlichen Initiativen Finanzmittel großer privater Geldgeber*innen vermittelt, wies darauf hin, dass das Spendenaufkommen durch Unternehmen in Ostdeutschland deutlich geringer sei als im Westen.
Divergierende Zukunftsperspektiven der Region zeigten sich auch bei einer Diskussion über die Förderung Ostdeutschlands als Wissenschaftsstandort. Maren Düsberg und Sebastian Holze, die beide zivilgesellschaftliche Akteure vertraten, berichteten von regelmäßigen Bedrohungen und tätlichen Übergriffen gegen Menschen, die sich politisch engagieren. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sophia Keil von der Hochschule Zittau/Görlitz versuchte ein zuversichtlicheres Bild zu zeichnen. Ihre Region befinde sich mit zahlreichen Ansiedlungen aus der Wissenschaft im Aufschwung und sehe sich mit mehr Chancen als Problemen konfrontiert. Ob verbreiteter Alltagsrassismus möglicherweise nicht auch ein nachteiliger wirtschaftlicher Standortfaktor ist, wurde nur am Rande diskutiert.
Einhellig war jedoch der Appell zu hören, neben der notwendigen Problemberichterstattung auch Lichtblicken in den Medien Geltung zu verschaffen. Maren Düsberg, die mit der RAA Sachsen (Regionale Arbeitsstellen und Angebote für Bildung, Beratung und Demokratie e.V.) Demokratieprojekte unterstützt, schlug vor, nicht nur Negativbeispiele in Sachsen zu thematisieren, sondern regelmäßig auch einer engagierten Person oder kleinen Initiative aus der Region Öffentlichkeit zu verschaffen.
Wie steht es um die politische Bildung im ländlichen Raum?
Die Wahlergebnisse der Landtagswahlen 2024 in Ostdeutschland zeichnen ein klares Bild: In Sachsen und Brandenburg wurde die AfD zweitstärkste Kraft, in Thüringen gewann sie sogar die Wahl. Besonders alarmierend ist, dass immer mehr junge Menschen von der Partei angezogen werden. Doch woran liegt das? Und was bedeutet es für die politische Bildung sowie die Beteiligung junger Menschen am demokratischen Prozess?
Mit diesen Fragen eröffnete Moderator und Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff das Panel „Zukunftsperspektiven für die Demokratie – braucht es neue Beteiligungsformen für Jugendliche im ländlichen Raum?“. Der Anstieg rechter Parteien werfe eine zentrale Herausforderung auf: Wie kann es gelingen, jungen Menschen alternative Zukunftsaussichten zu bieten – und damit die Demokratie im ländlichen Raum zu stärken?
Für David Jugel, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der John-Dewey, Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie an der TU Dresden, ist es kaum überraschend, dass in Sachsen nur noch AfD, CDU und das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht zweistellige Ergebnisse eingefahren haben. Vielmehr sah er darin ein „Schauspiel mit Ängsten“, dass die politische Landschaft präge.
Lilly Blaudszun (© Screenshot)
Lilly Blaudszun (© Screenshot)
Die Podcasterin Lilly Blaudszun bezeichnete die anhaltende Vernachlässigung der Probleme junger Menschen als ein „offensichtliches Problem“, das seit Jahren ungelöst bleibe. Die gebürtige Ludwigslusterin agierte 2021 als SPD-Mitglied im Social-Media-Bundes- und Landeswahlkampf. Die Jura-Studentin sieht die Konsequenzen deutlich: Zu viele junge Menschen verließen Ostdeutschland, insbesondere Frauen. Seit 1991 sind rund 720.000 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren in den Westen abgewandert.
Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, betonte einen weiteren Aspekt: Wer bleibe, sei häufig bildungsbenachteiligt und habe geringere wirtschaftliche Chancen – ein Teufelskreis, der den Aufstieg der AfD begünstige. Krüger erklärte, dass sich besonders in der politischen Bildung eine Strukturschwäche durch den Politik- und Geschichtsunterricht zeige, der oft von fachfremden Lehrkräften erteilt werde. Außerdem gebe es eine mangelnde Projektfinanzierung. Auch im Freizeitbereich fehlten vielfach Alternativen, was laut David Jugel
Lilly Blaudszun (© Screenshot)
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dazu führe, dass beispielsweise rechtsextreme Gruppen wie der Dritte Weg das Angebot mitgestalteten.
Wie die Wiederbelebung des ländlichen Raums in Ostdeutschland besser gestaltet werden könne, zeigte
Luca Piwodda (© Screenshot)
Luca Piwodda (© Screenshot)
Luca Piwodda, der seit Juni 2024 Bürgermeister der Stadt Gartz (Oder) ist. In seiner Stadt, in der jeder zweite Einwohner über 65 Jahre alt ist und Kultur- sowie Infrastrukturangebote zunehmend schwinden, setzt er gezielt auf Erneuerung. Dafür gründete Piwodda eine „Kulturallianz“, mit der er der schwindenden Zivilgesellschaft entgegenwirken und jungen Menschen eine Stimme geben will. Dieses Bündnis soll den kulturellen Austausch fördern und verhindern, dass rechte Strukturen die Stadt prägen. Darüber hinaus gründete er 2018 die Kleinpartei Freiparlamentarische Allianz (FPA), seit 2024 Partei des Fortschritts. Sein Engagement zeigt, wie gezielte Maßnahmen und neue politische Impulse dazu beitragen können, gesellschaftlichen Wandel aktiv zu gestalten. Mit generationsübergreifenden Initiativen setzt Piwodda als Bürgermeister darauf, die Gemeinschaft zu stärken und einen Wandel in der Stadt anzustoßen. So hat er das Rathaus von Gartz als Treffpunkt für Vereine neu belebt und schafft mit einer Mischung aus dem Trinkspiel Bierpong und Kaffeeklatsch ungezwungene Begegnungsmöglichkeiten für Bürger*innen. Durch projektorientierte Angebote möchte er insbesondere junge Menschen dazu ermutigen, sich aktiv in das Stadtleben einzubringen. Piwodda ist überzeugt, dass er die junge Generation eher mit praxisnahen und kreativen Angeboten erreicht als mit klassischen Parteistrukturen. Die Panelist*innen waren sich einig darüber, wie wichtig es ist, den Bedürfnissen von jungen Menschen im ländlichen Raum entgegenzukommen. Trotz der bestehenden Herausforderungen gebe es auch positive Entwicklungen und Grund zur Hoffnung. Besonders unter Erstwähler*innen sei das Wahlverhalten stark durch das Elternhaus geprägt. Die Bereitschaft, beim nächsten Wahlgang eine andere Entscheidung zu treffen, sei laut David Jugel hoch. Junge Menschen neigten oft dazu, ihren Unmut über die Regierung an der Wahlurne auszudrücken – ein Trend, der sich auch bei der Bundestagswahl 2025 zeigte, bei der insbesondere die AfD und Die Linke bei jungem Wähler*innen deutlich zulegen konnten.
Thomas Krüger (© Screenshot)
Thomas Krüger (© Screenshot)
Um nachhaltige Impulse zu setzen, hält Thomas Krüger es für entscheidend, junge Menschen direkt in Bildungseinrichtungen einzubinden. Wie das gelingen kann, zeige sich durch innovative Ansätze der politischen Bildung – etwa beim Projekt „Einfach gut gemacht“ in Sachsen. Mit einem Wiederbeleben des Freizeitangebotes durch Schwimmbäder, Kneipen oder Fahrradwerkstätten werde hier das Potenzial genutzt, ländliche Räume neu zu beleben.
Auch eine Initiative namens „Radikale Töchter“ inspiriere in Brandenburg und Sachsen junge Menschen dazu, sich durch künstlerischen Aktivismus aktiv in die Demokratie einzubringen. Für Krüger ist klar: Es braucht mehr solcher Projekte, die aufzeigen, wie Emotionen in politisches Engagement verwandelt werden können. Unterstützt werden solche Vorhaben durch Programme wie das Jugendbudget oder „Demokratie leben!“, die Finanzierungsmöglichkeiten auch für kleinere Projekte bieten.
Von Polen lernen?
In drei verschiedenen Ideenwerkstätten versuchten die Teilnehmer*innen, von den Herausforderungen und Problembearbeitungen in anderen Kontexten zu lernen und daraus praktische Lösungsansätze zu entwickeln.
Die Ideenwerkstatt „Auf dem Rückweg zur Rechtsstaatlichkeit – was Deutschland und Europa von Polen lernen können“ beriet unter der Leitung von Anna Delius, Referentin der Bundeszentrale für politische Bildung,
Dr. Anna Delius (© Screenshot)
Dr. Anna Delius (© Screenshot)
Bedrohungen und Wehrhaftigkeit der Demokratie. Im Mittelpunkt standen dabei die jüngsten politischen Entwicklungen in dem Nachbarland, das einerseits als abschreckendes Beispiel, aber auch als mögliches ermutigendes Vorbild angesehen wurde. Schließlich gelang es dort Donald Tusk 2023, an der Spitze einer breiten politischen Koalition eine rechtsautoritäre Regierung wieder abzulösen und den Abbau der liberalen Demokratie vorerst zu stoppen. Die Administration in Warschau steht nun vor der schwierigen Aufgabe, Lösungen für die schwerwiegenden Schäden an Polens liberal-demokratischen System zu finden.
Von diesem Unterfangen berichtete unter anderem Michał Sutowski, der als Publizist und Politikwissenschaftler die Entwicklungen im politischen Warschau verfolgt. Zu Gast war auch die stellvertretende Direktorin des Jaques Delores Centre an der Hertie School, Thu Nguyen, die außenpolitische Perspektiven einbrachte. Im Gespräch mit den Konferenzteilnehmern zeigte sich unter anderem die tiefe Verflechtung der Nachbarländer Deutschland und Polen: Viele schilderten persönliche Erfahrungen und drückten ihre Betroffenheit über die politische Entwicklung in dem Land unter der PiS-Regierung aus. Über seine Forschungen zur Frage, wie sich eine autoritäre Regierung in Deutschland etablieren könnte, konnte Jannik Jaschinski vom „Thüringen-Projekt“ des Verfassungsblogs berichten. Die Mitglieder des Projekts hatten bereits vor den Wahlerfolgen der AfD in Thüringen vor der Möglichkeit gewarnt, dass die rechtsextreme Partei zum Beispiel das Amt des Alterspräsidenten zu ihren Gunsten ausnutzen könnte. Ein Szenario, dass der AfD-Landtagsabgeordnete Jürgen Treutler im September 2024 in die Tat umsetzte. Treutler ließ in der konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtags Geschäftsordnungsanträge nicht zu und schien stattdessen mit einer schnellen Wahl Björn Höcke ins Amt des Ministerpräsidenten heben zu wollen . Es entstand ein verfahrenstechnisches Patt, das erst das Thüringer Landesverfassungsgericht aufheben konnte.
Auf die Frage nach einer zentralen Erkenntnis aus der Ideenwerkstatt gab Anna Delius im Anschluss dem Konferenzplenum eine klare Antwort: Man dürfe es erst gar nicht so weit kommen lassen, dass liberale Demokratien „kippen“ und sich in autoritäre Systeme verwandeln.
Fazit
Auch im 35. Jahr nach der deutschen Einheit gibt es weiterhin gravierende Unterschiede zwischen Ost und West, das zeigt nicht zuletzt ein Blick in die Statistik: In Deutschland werden rund 74 Prozent der Kreisregionen als „ländlicher Raum“ definiert, der von 47 Millionen Menschen besiedelt wird.
Besonders Ostdeutschland ist eher durch ländlichen Raum geprägt.
Die Konferenz „Der Osten“ verdeutlichte jedenfalls, dass die vielfältigen Aspekte der ostdeutschen Lebensrealität eng miteinander verwoben. Ein zentrales Fazit lautet: Wenn rechtsextreme Strukturen eingedämmt werden sollen, muss der Wandel jetzt eingeleitet werden. Besonders die Rolle der jungen Generation sei zu lange in den Hintergrund gerückt – daher sei es an der Zeit, die junge Generation Z und die ihnen nachfolgende viel gezielter anzusprechen und in Entscheidungen einzubeziehen. Dabei sind nicht einmal radikale Innovationen erforderlich, vielmehr brauche es flächendeckend eine Stärkung grundlegender Strukturen von politischer Bildung.
Dafür bedarf es auch eines kritischen Umgangs mit der eigenen Geschichte. Die Wiedervereinigung und die Friedliche Revolution in einem dominanten Diskurs ausschließlich als „Glücksgeschichte“ zu erzählen, wird dem nicht gerecht. Dabei müssen nicht nur die Transformationserfahrungen der 1990er-Jahre, sondern auch migrantische Perspektiven, die in dieser Debatte oft zu kurz kommen, stärker mit einbezogen werden. Schließlich begannen für von Rassismus betroffene Menschen nach 1990 die sogenannten „Baseballschlägerjahre“. Eine kritische Bestandsaufnahme der politischen Diskurse der 1990er-Jahre könnte vielleicht dabei helfen, aufgeregte Debatten der aktuellen Tagespolitik besser zu verstehen. Den Anfang dazu hat die Zeitgeschichtsforschung bereits geleistet.
Trotz aller Herausforderungen eröffnen sich vielversprechende Perspektiven: Positive Entwicklungen in einzelnen Regionen, das engagierte Wirken zivilgesellschaftlicher Initiativen und neue wirtschaftliche Impulse belegen das Potenzial für Wandel. Die Diskussion in Berlin zeigte klar, dass nachhaltige Lösungen durch politisches Handeln und gesellschaftliches Engagement möglich sind – und dass es konkrete Wege gibt, um eine gerechtere und optimistischere Zukunft für Ostdeutschland zu gestalten. Auch wenn nur drei Monate nach der Konferenz das Ergebnis der Bundestagswahl vom 23. Februar wieder stark ernüchtert hat: Ein lauter Weckruf ist es allemal.
Zitierweise: , Lea Montag und Jan Kuipers, „Der Osten: Ideen und Macher? Ein Konferenzbericht", in: Deutschland Archiv vom 2.4.2025. Link: www.bpb.de/560995. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar. (al)