In den vergangenen Jahren wurden immer wieder stereotype Darstellungen von bestimmten Bevölkerungsgruppen in Kinderbüchern kritisiert und diskutiert. Blick in eine Bücherei in Oberhaching, Bayern, im Jahr 2018 (© Süddeutsche Zeitung Photo: Sebastian Gabriel)
„Medienkompetenz“ und „Medienbildung“ sind zwei unterschiedliche medienpädagogische Fachbegriffe. Beide Begriffe können als Antworten der Medienpädagogik auf gesellschaftlich-technologische Entwicklungen und Herausforderungen verstanden werden und darauf, dass Medien eine zentrale Bedeutung für Menschen und Gesellschaft zukommt.
Medienbildung und Medienkompetenz als unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven
Medialer Wandel und gesellschaftlicher Wandel gehen Hand in Hand und beeinflussen sich wechselseitig: Neue Medien werden auf neuartige, vielfältige und unterschiedliche Art und Weise im Alltag von Menschen genutzt. Gleichzeitig verändern sich Medien und werden (permanent) weiterentwickelt. Beispielhaft für diese wechselseitige Beeinflussung sozialer und medialer Entwicklungen können soziale Medien wie Instagram oder Tiktok genannt werden, die sich in einem ständigen und unabgeschlossenen Prozess der Weiterentwicklung befinden.
Was ist über diese Entwicklungen und Zusammenhänge von Menschen und Medien bekannt? Wie können solche Zusammenhänge wissenschaftlich untersucht werden? Wie können zum Beispiel Potenziale, Herausforderungen oder Risiken wissenschaftlich analysiert und beurteilt werden? Welche gesellschaftlichen, technologischen und pädagogischen Konsequenzen und Forderungen können aus solchen Analysen abgeleitet werden?
Bei einer solchen Analyse kommen wissenschaftlichen Fachbegriffen wie Medienkompetenz und Medienbildung eine zentrale Bedeutung zu (weitere Begriffe sind z. B. Medienerziehung, Mediensozialisation und Mediendidaktik), die wie Geräte und wie Hilfsmittel verwendet werden. Unterschiedliche optische Geräte – wie beispielsweise Mikroskop oder Fernglas – stellen dabei unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung und erfüllen unterschiedliche Zwecke und Funktionen. In diesem metaphorischen Verständnis können Fachbegriffe als Brillen verstanden werden, die aufgesetzt werden, um bestimmte Dinge besser und genauer erkennen zu können.
In diesem Zusammenhang ist wichtig zu verstehen, dass wissenschaftliche Fachbegriffe nicht von allen Forschenden einheitlich und in gleicher Weise verwendet werden. Dies ist kein Manko, sondern eine Grundbedingung von Wissenschaft. Da sich Gesellschaft und Technologien verändern, werden auch Begriffe weiterentwickelt und angepasst. Sie spiegeln damit einen Wettstreit wider, mit Begriffen bestimmte Phänomene besser (als mit anderen Begriffen) erklären zu können. Und dies gilt auch für die Begriffe der Medienkompetenz und der Medienbildung, für die viele unterschiedliche Begriffsverständnisse bzw. Definitionen entwickelt wurden und werden.
Aus Gründen der Verdeutlichung wird in diesem Artikel auf das Konzept der Medienkompetenz nach Dieter Baacke Bezug genommen, auf den dieser Begriff zurückgeht. Das Konzept der Medienbildung wird am Ansatz der Strukturalen Medienbildung dargestellt, wie er von den Erziehungswissenschaftlern Winfried Marotzki und Benjamin Jörissen mit bildungswissenschaftlichem Bezug formuliert wurde. Auch hier gibt es vielfältige Weiterentwicklungen und unterschiedliche Begriffsverständnisse, die – mit spezifischer Zielrichtung – z. B. stärker didaktisch, soziologisch oder kommunikations- und medienwissenschaftlich argumentieren.
Nehmen wir als Beispiel für ein solches soziales und mediales Phänomen gegenwärtig populäre Online-Netzwerke (Social Network Sites, SNS) wie Instagram oder Tiktok (oder alternativ, aber gegenwärtig weniger populär: Pixelfed oder Signal). Diese Online-Netzwerke sind im Alltag weit verbreitet und werden mit vielfältigen Absichten genutzt: Kontakt zu Freund:innen, Geschwistern, Eltern, Großeltern, Verwandten oder Kolleg:innen; um auf dem Laufenden zu bleiben auf der Grundlage von Text, Fotografie und Video; zur Pflege von Freundschaften und Bekanntschaften; zum Erkunden von Neuem und Aktuellem; zur Teilhabe an einer Community und vielem anderen mehr.
Online-Netzwerke durch die Brille der Medienkompetenz:
Ein Blick auf Online-Netzwerke durch die Brille der Medienkompetenz rückt die Frage nach Fähigkeiten und Fertigkeiten des Mediengebrauchs in den Mittelpunkt. Ausgehend vom Modell der Medienkompetenz steht dabei die folgende Frage im Zentrum: Über welche Fähigkeiten und Kenntnisse sollten Nutzende verfügen, um Online-Netzwerke kritisch und kreativ zu nutzen – und darüber hinaus an der gegenwärtigen Mediengesellschaft insgesamt teilzuhaben?
Zentrale Begriffe: Medienkompetenz (© Eigene Darstellung Stefan Iske)
Diese zentrale Frage kann in weitere Teilaspekte der Medienkompetenz untergliedert werden:
Medienkritik: Gibt es Aspekte in Online-Netzwerken, die als problematisch eingeschätzt werden müssen? Was bedeuten diese problematischen Aspekte für die Nutzenden? Was bedeuten diese problematischen Aspekte für die Gesamtgesellschaft? Als beispielhafte Aspekte könnten genannt werden: Wie unterscheidet sich in Online-Netzwerken personalisierte Werbung für Mädchen von der für Jungen? Welche Schönheitsideale für Mädchen und für Jungen werden transportiert und reproduziert? Wie verhalten sich Nutzende zu diesen Idealen? Was bedeuten diese Schönheitsideale für die einzelne Person und für die Gesellschaft insgesamt, in der sie leben?
Medienkunde: Was sollten Nutzende über die Plattform wissen, um diese kritisch und kreativ im alltäglichen Leben nutzen zu können? Beispielhaft könnten genannt werden: Was sollten Nutzende über das zugrundeliegende Geschäfts- und Finanzierungsmodell wissen? Was über die Eigentumsverhältnisse? Was über die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte und darüber, wie unterschiedliche Plattformen miteinander zusammenhängen, weil sie zum gleichen Internetkonzern gehören? Oder dass Plattformen auch keinem Internetkonzern gehören können, wie z. B. Plattformen des Fediverse (der Begriff Fediverse ist ein Kunstwort aus der Kombination von „Federation“ und „Universe“. Er steht für ein System unabhängiger dezentraler Dienste).
Mediennutzung: Welche Kompetenzen sind erforderlich, um Online-Netzwerke aktiv zu nutzen? Als beispielhafte Aspekte könnten genannt werden: Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sind erforderlich, um selbst Inhalte zu erstellen und zu veröffentlichen? Um sich aktiv zu beteiligen, zum Beispiel in Diskussionen? Um sich mit Freund:innen zu verbinden und Freundesgruppen einzurichten?
Mediengestaltung: Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sind erforderlich, um sich in Online-Netzwerken innovativ und kreativ zu bewegen? Auf welche innovativen, neuartigen Weisen können zum Beispiel Online-Netzwerke konkret genutzt werden, die über gewohnte Handlungsweisen hinausgehen? Wie können sich Nutzende innovativ, kreativ und auch kritisch durch eigene Beiträge zur Frage typischer Schönheitsideale positionieren, beispielsweise in Form von Tiktok-Videos oder Internet-Memes?
Mit dem Konzept von Medienkompetenz ist ein konkretes Ziel verbunden: medienkompetente Nutzende. Dieses Ziel wird auch in der Formulierung der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK) deutlich: „Kreativ und kritisch mit Medien leben“. Im Zentrum stehen dabei die Entwicklung von (individuellen) Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die Teilhabe an der Gesellschaft. Dieses Ziel wird in der medienpädagogischen Praxis mit der Frage verknüpft, was genau Medienkompetenz bezogen auf neuartige und sich permanent weiterentwickelnde Medien bedeutet und wie die Entwicklung von Medienkompetenz gefördert, unterstützt und entwickelt werden kann.
Als beste Methode gilt dabei die aktive Medienarbeit, das heißt das aktive Handeln und die eigene Erfahrung mit Medien, die dann den medienpädagogischen Anknüpfungspunkt der Reflexion und Diskussion (in einer Gruppe) bilden. Medienkompetenz kann demzufolge nicht über einen bloßen Frontalvortrag oder eine Belehrung entwickelt werden; es geht nicht nur um Wissen, sondern auch um Können, Handeln und Reflektieren. Darüber hinaus ist Medienkompetenz eine Lernaufgabe und eine Fähigkeit, die beispielsweise nicht bei allen Jugendlichen in gleicher Form und in gleichem Umfang allein durch das Aufwachsen mit Medien automatisch entsteht (vgl. die Interner Link: Diskussion um Digitale Spaltung und Digitale Ungleichheit).
Online-Netzwerke durch die Brille der Medienbildung:
Ein Blick auf Online-Netzwerke durch die Brille der Medienbildung stellt die Frage der Bildung in den Mittelpunkt. Ausgehend vom Modell der Strukturalen Medienbildung steht dabei die Erforschung von Bildungsprozessen und Bildungspotenzialen im Zusammenhang mit Medien im Zentrum der Betrachtung: Wie verändert sich durch Medien die Art und Weise, wie ein Mensch die Dinge, andere Menschen und sich selbst sieht?
Und bezogen auf das Ausgangsbeispiel: Wie verändert sich durch die Nutzung von Online-Netzwerken die Art und Weise, wie Nutzende die Dinge der Welt, andere Menschen und sich selbst sehen? Wie verändert sich das Selbst- und Weltbild? Wie verändert sich das Selbstbild vor dem Hintergrund von (impliziten und expliziten) Schönheitsidealen? Wie wandelt sich beispielsweise das Verhältnis zu Freundinnen und Freunden und das Verständnis von „Freundschaft“ vor dem Hintergrund von Online-Netzwerken?
Dabei wird ein spezifisches Verständnis von Bildung zugrunde gelegt, das sich von anderen wissenschaftlichen Verständnissen und vor allem davon unterscheidet, wie es die meisten Menschen im Alltag verstehen:
Bildung wird verstanden als ein spezifischer Prozess der Veränderung von Selbst- und Weltbildern, der sich über das gesamte Leben erstreckt. Insbesondere ist Bildung nicht mit dem Ende der Schulzeit oder des Studiums abgeschlossen – sie findet nur in Teilen überhaupt dort statt.
Bildung wird verstanden als ein spezifisches Verhältnis: dem Verhältnis eines Menschen zu Dingen, zu anderen Menschen und zu sich selbst. Insbesondere wird Bildung gerade nicht als „Kanon“ verstanden, das heißt als konkrete inhaltliche Vorgabe und Aufzählung, was man alles kennen und wissen muss, um als gebildet zu gelten.
Bildungsprozesse und Menschen sind miteinander verbunden und bedingen sich wechselseitig: Menschen verändern sich aufgrund von Bildungsprozessen, die zu neuen und veränderten Sichtweisen und veränderten Selbst- und Weltbildern führen. Diese bilden den Ausgangspunkt für nachfolgende Bildungsprozesse. Insbesondere gibt es keinen „bildungsfreien“ Ausgangspunkt, Menschen sind von klein auf in Bildungsprozesse eingebunden.
Bildungsprozesse sind offen und unbestimmt: Es kann im Vorhinein nicht gesagt (oder festgelegt) werden, wie sich Selbst- und Weltbilder (zukünftig) verändern werden. Das Resultat von Bildungsprozessen ist dementsprechend grundsätzlich offen. Bildungsprozesse (im Gegensatz zu Lernprozessen, s.u.) lassen sich nicht „von außen“ lenken, entwerfen und festschreiben. Insbesondere kann es kein Bildungsziel geben, das „von außen“ (z. B. in Form von Kompetenzkatalogen) bestimmt werden könnte. Der Mensch als Subjekt ist gegenüber dem Versuch einer direkten (bildungsbezogenen) Beeinflussung „unverfügbar“.
Bildungsprozesse können rückblickend rekonstruiert und analysiert werden als Prozesse, in denen sich das Verhältnis eines Menschen im Laufe der Zeit verändert hat. Den Ausgangspunkt für solche Analysen bilden Methoden der qualitativen Sozial- und Biografieforschung (z. B. narrativ-biografische Interviews).
Bildung als dreifaches Verhältnis (© Eigene Darstellung Stefan Iske)
In diesen Aspekten spiegelt sich das Bildungsverständnis von Wilhelm von Humboldt (1767–1835), preußischer Gelehrter und Staatsmann, wider, nach dem Bildungsprozesse auf der Wechselwirkung und wechselseitigen Durchdringung von Ich und Welt sowie auf einer möglichst umfassenden Entwicklung der „inneren Kräfte“, also der inneren Möglichkeiten und Anlagen jedes Menschen, beruhen. Eine herausgehobene Bedeutung für Bildungsprozesse kommt bei Humboldt den (Fremd-)Sprachen zu.
Der Ansatz der Strukturalen Medienbildung greift Humboldts Verständnis von Bildung auf und aktualisiert es mit Blick auf die „Sprachen“ neuer, digitaler und vernetzter Medien:
Der Fokus liegt dabei auf der Analyse der Struktur von Medien; auf der grundlegenden Form sowie deren Bestandteilen und Eigenschaften. Und bezogen auf das Ausgangsbeispiel: Wie ist das konkrete Online-Netzwerk aufgebaut, welche Struktur und welche Funktionalität hat dieses Netzwerk? Gibt es beispielsweise Möglichkeiten der Vernetzung mit bekannten oder unbekannten Personen? Welche Reaktionsmöglichkeiten stehen zur Verfügung (z. B. Likes, Emoticons, Kommentare)? Ist die Kommunikation eher bild- oder textbetont? Sind Profile öffentlich zugänglich oder privat? An diese strukturellen Aspekte schließt sich die Frage an, welche Potenziale für Bildungsprozesse mit der Struktur und der Funktionalität verbunden sind. Dieser Fokus auf die Struktur unterscheidet sich von der Analyse von Medieninhalten und deren Nutzung; beide Schwerpunkte schließen sich jedoch nicht aus und können ergänzend kombiniert werden.
Mit der Brille der Medienbildung ist ein spezifischer Blick auf Medien verbunden, der unter dem Aspekt der Medialität bzw. dem Aspekt der Medien-als-Umgebung analysiert wird: Um sich auszudrücken, sind Menschen auf Medien angewiesen (wie z. B. Sprache, Schrift, Film, Fotografie oder auch Online-Netzwerke). Aufgrund deren unterschiedlicher Struktur bieten diese Medien(-umgebungen) unterschiedliche Möglichkeiten des Ausdrucks. Und bezogen auf das Ausgangsbeispiel: Gibt es eine Zeichenbegrenzung für Text? Eine Maximallänge von Bewegtbildern? Stehen Gruppenmodi zur Verfügung, Freundes- oder Abonnentenlisten? Gibt es Formen der Ästhetisierung wie etwa Bildfilter, Symbole oder Musik?
Dieses Sich-Ausdrücken wird als Artikulation bezeichnet und steht in engem Zusammenhang mit Medialität: Artikulation ist nicht von Medialität zu trennen. Welche (strukturellen) Möglichkeiten gibt es für Nutzende, sich in einem konkreten Online-Netzwerk auszudrücken (zu artikulieren) und zum Beispiel mit anderen Nutzenden zu kommunizieren und zu kooperieren? Welche Potenziale für Bildungsprozesse sind mit unterschiedlichen Medialitäten und Artikulationsmöglichkeiten verbunden?Bildungsprozesse sind unhintergehbar medial vermittelt (siehe oben, Medialität). Bei der Entwicklung eines Verhältnisses zu Dingen, zu anderen und zu sich selbst kommt Medien eine grundlegende Bedeutung zu. Insofern können Bildungsprozesse nicht „medienfrei“ gedacht werden – wie schon Humboldt mit Verweis auf Sprache belegt.
Wie entwickeln und verändern sich konkrete Selbst- und Weltbilder angesichts einer komplexen und unübersichtlichen Welt? Wie orientieren sich Menschen in ihrem Alltag mit Hilfe und auf der Grundlage von Medien? Wie fügen Menschen Erfahrungen und Wissen zu einem individuellen Selbst- und Weltbild zusammen? Vor dem Hintergrund von Bildungsprozessen werden Möglichkeiten der Orientierung in unterschiedlicher Hinsicht analysiert (mit Blick auf Wissen, Handeln, Grenzen, Biografie).
Zentrale Begriffe: Medienbildung (© Eigene Darstellung Stefan Iske)
Mit der Brille der Medienbildung werden Struktur und Medialität als Bedingung für den Aufbau und die Entwicklung von Selbst- und Weltbildern und damit als Bedingung für Bildungsprozesse verstanden. Struktur, Medialität, Artikulation und Orientierung haben folglich grundlegende Bedeutung für Bildung und werden in unterschiedlichen Bereichen und anhand unterschiedlicher Medien analysiert.
Auslöser und Potenziale von Bildungsprozessen
Bildungsprozesse werden als Prozesse des Aufbaus und der Entwicklung von Selbst- und Weltbildern und damit als Veränderung verstanden: Was können Auslöser, was können Startpunkte solcher Veränderungs- und Bildungsprozesse sein?
Besondere Potenziale für Bildungsprozesse liegen in der Begegnung mit anderen Menschen und deren Selbst- und Weltsichten, die sich von meinen unterscheiden. Das eigene Selbst- und Weltbild ist dann nicht mehr selbstverständlich und wird ggf. hinterfragt, irritiert oder scheitert sogar. An dieser Stelle verortet Humboldt die Bedeutung von Sprachen und des Reisens. Begegnungen mit Fremdem und Unbekanntem können zu einer produktiven Auseinandersetzung führen, die verschiedene bildungsbezogene Potenziale beinhalten:
Potenzial der Reflexion: Die Begegnung mit den Weltsichten anderer Menschen kann den Ausgangspunkt bilden für eine kritische Reflexion der eigenen Weltsicht. Einen weiteren Auslöser von Bildungsprozessen können Krisenerfahrungen sein, in denen das bestehende Selbst- und Weltbild eines Menschen in Frage gestellt oder erschüttert wird. In einem Schritt der Distanzierung können (zuvor) als selbstverständlich geltende Annahmen hinterfragt werden.
Potenzial der Flexibilisierung: Aufgrund von Reflexion und Distanzierung können eigene Weltsichten nicht nur hinterfragt, sondern auch verändert, weiterentwickelt und differenziert werden.
Potenzial der Dezentrierung: Neben der eigenen Weltsicht kann erkannt werden, dass weitere Weltsichten anderer Menschen mit eigenem Recht bestehen. Dieses Zulassen und Anerkennen anderer Weltsichten kann einen Ausgangspunkt für die Veränderung der eigenen Weltsicht darstellen. Diese anderen Weltsichten können sowohl aus fremden Kulturen wie auch der eigenen Kultur (aus regionalen oder sozialen Unterschieden) stammen.
Mit Blick auf diese möglichen Auslöser von Bildungsprozessen wird deutlich, dass Bildungsprozesse keine Automatismen oder Selbstläufer sind. Voraussetzung für gelingende Bildungsprozesse ist zum Beispiel eine gewisse Offenheit für Andersartigkeit und für (zunächst) Unbekanntes und Fremdes. In Auseinandersetzung mit anderen Weltsichten und Krisen können ganz im Gegensatz zu Bildungsprozessen auch Prozesse der Abgrenzung und der Schließung beobachtet werden. Dabei wird eine (produktive) Auseinandersetzung mit unbekannten Perspektiven vermieden. Bei Prozessen der Vereinfachung wird dementsprechend eine simple und pauschale Antwort auf komplexe gesellschaftliche Fragestellungen und Herausforderungen gegeben.
Unterscheidung von Lernen und Bildung
Der besondere Charakter von Bildung kann auch durch eine Abgrenzung vom Begriff des Lernens verdeutlicht werden: Ein Mensch erfährt Neues und macht neue Erfahrungen. Wenn dieses Neue als verfügbares Wissen in sein bestehendes, bisheriges mentales Netz (oder auch: mentales Modell, Weltsicht bzw. Weltbild) eingefügt wird, spricht man von Lernen. Lernen führt demzufolge zu einer (quantitativen) Zunahme von Wissen. Demgegenüber ist Bildung der Prozess, in dem das bestehende mentale Netz verändert wird. Bildungsprozesse führen zu einer (qualitativen) Veränderung des Aufbaus des mentalen Netzes.
Den Ausgangspunkt für Bildungsprozesse bildet zum Beispiel die Konfrontation mit Neuem, das nicht umstandslos in das bestehende mentale Modell eingefügt werden kann, sondern vielmehr die Veränderung (z. B. Differenzierung) dieses Modells erforderlich macht. Dieses Neue kann beispielsweise in einer spezifischen Irritation liegen: Ich erfahre etwas Neues über Klimawandel, Ernährung, Politik, Nachhaltigkeit oder soziale Netzwerke, das nicht zu meiner bisherigen Sichtweise passt und mich zu einer Veränderung (Weiterentwicklung, Differenzierung) meiner bisherigen Sichtweise veranlasst: Ich verändere meine bisherige Welt- und Selbstsicht.
Fazit
Anhand des Begriffs der Medienkompetenz und der Medienbildung wurden zwei unterschiedliche medienpädagogische Brillen bzw. Hilfsmittel zur Analyse medialer Phänomene skizziert. Beide Begriffe können als Antworten der Medienpädagogik auf gesellschaftlich-technologische Entwicklungen verstanden werden und darauf, dass Medien eine zentrale Bedeutung für Menschen und Gesellschaft zukommt. Wie bei den optischen Hilfsmitteln Mikroskop, Fernglas und Brille kann jedoch auch hier nicht gesagt werden, ob das eine Hilfsmittel grundsätzlich besser ist als das andere. In dieser Hinsicht handelt es sich bei Medienkompetenz und Medienbildung um zwei unterschiedliche und sich ergänzende Perspektiven.
Dabei beziehen sich die Begriffe Medienkompetenz und Medienbildung auf unterschiedliche theoretische Grundannahmen, und mit der Verwendung bewegt man sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen und Diskussionen: Mit der Verwendung des Begriffs der Medienbildung in einem bildungstheoretischen Diskurs; mit Verwendung des Begriffs der Medienkompetenz in einem kompetenz- und lerntheoretischen Diskurs.
Dementsprechend müssen die Gleichsetzung und synonyme Verwendung der beiden Begriffe als kritisch eingeschätzt werden – insbesondere im Feld der Bildungspolitik –, bei der durch eine fehlende Differenzierung die erläuterten Unterschiede, Schwerpunkte und Potenziale nicht berücksichtigt werden und damit verloren gehen. Ausgehend vom oben Dargestellten kann auch der Begriff (bzw. die Brille) der „Digitalen Bildung“ kritisch diskutiert werden mit der Frage, was genau an Bildung „digital“ ist oder sein kann oder ob nicht genauer von „Bildung in einer digitalen Welt“ oder von „Bildung im Kontext von Digitalität“ gesprochen werden sollte. Zu kritisieren ist auch eine Verwendung beider Begriffe als reine Schlagworte ohne jeden theoretischen medienpädagogischen Bezug.
Der verwendete Vergleich mit Geräten und mit optischen Hilfsmitteln weist jedoch enge Grenzen auf: Im Gegensatz zu Geräten können Medienkompetenz und Medienbildung nicht rein instrumentell betrachtet werden; vor allem können Menschen nicht als Objekte und Gegenstände aufgefasst werden. Insbesondere können individuelle Absichten der Mediennutzung, Gründe, Bewertungen und Überzeugungen nicht direkt von außen beobachtet bzw. gesehen werden.
Durch Medienkompetenz und Medienbildung können Wechselverhältnisse von Menschen und Medien durch unterschiedliche Brillen wissenschaftlich untersucht werden. Damit können Potenziale, Herausforderungen und Risiken von Medien aus medienpädagogischer Perspektive beurteilt und insbesondere medienpädagogische Konsequenzen und Handlungsmöglichkeiten abgeleitet und begründet werden.