Die Forschung zur späten Sowjetunion hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Aufschwung erlebt. Dominierte in den 1990er Jahren die Stalinismusforschung, ist es jetzt die Forschung zur Zeit nach 1953. Die Historiker*innen haben sich vom Schock des Zusammenbruchs erholt; sie fragen nicht mehr nach den Gründen für den Zusammenbruch – und warum sie diesen nicht vorhergesehen haben –, sondern, warum die Sowjetunion offenbar so lange sehr gut funktionierte. Das Masternarrativ wandelt sich also langsam von einer Niedergangs- zu einer Erfolgsgeschichte – mit jähem Ende.
Darüber hinaus scheint die Zeit der Schulenbildung und Lagerkämpfe vorbei zu sein. Behakten sich bis 1991 Totalitarist*innen, die von der vollkommenen Durchherrschung der Gesellschaft durch Staat und Partei ausgingen, und Revisionist*innen, die den sozialen Gruppen große Handlungsspielräume und Gestaltungskraft zuschrieben, gesellte sich in den 1990er Jahren die Gruppe der Kulturalist*innen hinzu, die den Motor der Geschichte weder in physischer Gewalt noch in sozialen Gruppen, sondern in den Diskursen verorteten. Heute herrscht dagegen ein nahezu fröhliches Miteinander von verschiedenen Theorien und Zugängen. In der Forschung ist es ein zentrales Anliegen, überholte Dichotomien wie Stalinist*in/Reformer*in, Sowjetmensch/Dissident*in, öffentlich äußern/privat denken aufzugeben und integrale Konzepte zu finden. Die neue Integration gilt auch für das Feld der Historiker*innen selbst. Niemand tritt mehr an, andere Herangehensweisen zu verdrängen.
Zu beobachten ist allerdings ein "Performative Shift". Damit folgt auf die "Macht der Sprache" die "Macht der Handlung": Solange eine Person zur Parade am 1. Mai ging, unterstützte sie durch diese Handlung das System, ganz gleich, was sie dazu sagte oder dachte. Auch sind wirtschaftsgeschichtliche Ansätze zurückgekehrt, die lange ein Schattendasein gefristet haben. Schließlich finden zunehmend reportagehafte Schilderungen Einzug in die Historiografie. Die Chance dabei ist, neben dramaturgischen Effekten ein "hautnahes Erleben" zu erzeugen; die Gefahr besteht darin, an kritischer Distanz und Analysekraft zu verlieren.
Unter Chruschtschow und Breschnew
Die späte Sowjetzeit wird weitgehend mit der Herrschaft Nikita Chruschtschows (1953–1964) und Leonid Breschnews (1964–1982) gleichgesetzt. Die Historisierung hat beide Politiker von den Pauschalurteilen aus der Zeit des Kalten Krieges befreit, sodass sie in ihrem Kontext neu betrachtet werden können. William Taubmans große Chruschtschow-Biografie 2003 war ihrer Zeit voraus. Die Faszination für diesen scheinbar widersprüchlichen Mann, der es liebte, seine westlichen Gesprächspartner zu provozieren, und für jeden Redenschreiber ein Albtraum war, da er ständig vom Manuskript abwich und unkontrolliert polterte und drohte, hat einige Werke hervorgebracht, wenngleich Lücken bestehen bleiben. Ein eher kurzes Intermezzo in der Historiografie war der Streit über die wahren Gründe für Chruschtschows Entstalinisierungskurs und die "Geheimrede" auf dem 20. Parteitag 1956. Die von Dissident*innen vertretene und bis dahin unhinterfragte Meinung, Chruschtschow habe dies aus einer "Bewegung der Seele" heraus getan, wurde zwischenzeitlich als naiv verurteilt: Die Abrechnung mit Stalin sei nur eine Flucht nach vorn und Strategie zum Machterhalt gewesen. Indes überwiegt weiterhin die Meinung, nach Stalins Tod hätten die meisten Parteiführer ihr Gewissen entdeckt; Terror und Gewalt hätten nicht mehr ihrem Bild von einem modernen Sowjetstaat entsprochen.
Geht es bei Chruschtschow darum, ihn der Exotisierung zu entreißen, steht bei Breschnew im Vordergrund, das Etikett "Stalinist" zu entfernen. Tatsächlich war Breschnew genauso wenig ein Stalin-Anhänger wie sein Vorgänger Chruschtschow, hielt es aber nach den zwei Putschversuchen gegen Chruschtschow für angeraten, den Stalinisten entgegen zu kommen. Weder war er die treibende Kraft beim Einmarsch in Prag 1968 noch bei jenem in Afghanistan 1979. Dabei geht es nicht um reine Persönlichkeitsprofile, sondern um die Parteinetzwerke und darum, wie die "Patrone" die Loyalität ihrer "Klienten" belohnten oder bestraften: Stalin verhaftete, Chruschtschow entließ, Breschnew lobte Widersacher weg.
Hardliner und Hippies
Nicht nur die Parteiführer, auch die Sowjetmenschen werden dem Schwarz-Weiß-Denken des Kalten Krieges entrissen. Weder waren alle Parteigranden Stalinist*innen, noch bestand die Bevölkerung nur aus Befürworter*innen des Tauwetters. Sehr beeindruckend hat Miriam Dobson gezeigt, dass die Gesellschaft weder bereit war, die amnestierten Gulag-Häftlinge als Nachbar*innen und Arbeitskolleg*innen zu akzeptieren, noch die damit einhergehende Umwertung der Geschichte. Sie fürchteten die aus den Lagern in ihr Leben schwappende Kriminalität genauso wie den Lagerjargon, der sich als subversiver Jugendslang ausbreitete. Daher fiel auch 1962 die Reaktion vieler Leser*innen von Alexander Solschenizyns "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" so empört aus, weil sie die derbe, vulgäre Sprache als Angriff auf die Hochkultur begriffen. Dobson hat damit alle Totalitarist*innen widerlegt, die immer implizierten, der Tod des Tyrannen mache aus allen Untertanen automatisch aufgeklärte Subjekte. Während es auf der einen Seite starke Beharrungskräfte gab, gerade auch mit Blick auf Familien- und Moralvorstellungen, entwickelten sich auf der anderen Seite die stiljagi, die sich bunt, wild und unangepasst kleideten und gebärdeten, oder auch Hippies. Die Antwort waren Nachbarschaftswehren und -gerichte, die von Staat und Partei weniger oktroyiert wurden, als den Anliegen der verunsicherten Sowjetmenschen entsprachen. Wie sehr die Entstalinisierung eine Erschütterung alter Normen und Richtwerte und der Kampf um Sagbarkeitsregime war, zeigen auch zahlreiche andere Werke.
Uneinigkeit herrscht angesichts der Frage, ob die Dissident*innen "Sowjetmenschen" waren oder die direkten Nachfahren der vorrevolutionären Intelligenz. Auch wenn ihr Ursprung in der Chruschtschow-Zeit zu finden ist, traten sie erst unter Breschnew in Erscheinung, als sie die nach 1953 erlangten Freiheiten verteidigten und gegen die Verhaftung Andersdenkender aufbegehrten. Während die einen sie sehr pathetisch als letzte Erb*innen und Träger*innen einer untergegangenen Kultur beschreiben, zeigen die anderen, dass auch die "Petent*innen", wie sie sich selbst bezeichneten, Teil der sowjetischen Kultur waren und sich des sowjetischen Jargons bedienten, um ihre Anliegen vorzutragen. Sie argumentierten im, nicht außerhalb des Systems. Wie Jelena Bonner über ihren Mann Andrei Sacharow gesagt haben soll: "Mein Mann ist Physiker – nicht Dissident."
Meine Wohnung, mein Auto
Chruschtschow und Breschnew erklärten die Anhebung des extrem niedrigen Lebensniveaus zur ersten Aufgabe des Staates beziehungsweise zur Generallinie der Partei. Es war ein flächendeckendes Armutsbekämpfungsprogramm. Darüber hinaus versprach Chruschtschow allen Sowjetmenschen eine eigene Plattenbauwohnung, Breschnew ein Auto, um daran zu schrauben, auf die Datsche zu fahren und Defizitprodukten hinterherzujagen. Auch hier lässt sich darüber streiten, ob dies aus Kalkül geschah, um die Bevölkerung mit einem "kleinen Deal" – Konsum gegen Loyalität – ruhig zu stellen, oder weil für beide die Linderung der Not eine Herzensangelegenheit war. Beide erhöhten die Rente und den Mindestlohn und sorgten dafür, dass der Staat die Landarbeiter*innen erstmals nicht nur in Naturalien bezahlte. Auch der Medienkonsum, das Fernsehen, dessen Bedeutung lange Zeit von den Parteiführern nicht begriffen wurde, die endlos, ohne aufzuschauen, live Reden verlasen, Rundfunk und der Bezug von Rock’n’Roll-Musik aus dem Westen sind in den Fokus von Historiker*innen gerückt.
Mit der Frage "Dissident*in oder Konsument*in?" wird immer auch die Generationenfrage verhandelt: Die Andersdenkenden waren die Kinder der Erbauer*innen der UdSSR, meist in den 1930er Jahren geboren, und damit die zweite sowjetische Generation. Sie brachten um 1950 die "Sputnik-Generation" oder "Babyboomer" zur Welt, die als eher "unpolitisch" gelten; sie kümmerten sich hauptsächlich um eine gute Ausbildung und ihre Karriere. Ihre Kinder, die vierte Generation, zählen als "zynische Konformisten" oder "Konsumgeneration", die sich weder um den Kommunismus noch dessen Reform noch eine gute Ausbildung scherten, sondern sich ganz materiellen Werten verschrieben hatten; das Parteinarrativ und die Festtagsrituale waren für sie nur noch leere Hülsen.
Noch in den Anfängen steckt dagegen die Forschung über Bäuer*innen, über deren Alltag und Lebensrealität nach 1953 wenig bekannt ist. Erstaunlich ist auch, wie wenig bislang zu Chruschtschows Neulandkampagne publiziert wurde, mit der ab 1954 vor allem in Kasachstan unter entsprechender propagandistischer Begleitung ödes Land in ertragreiche Ackerflächen verwandelt wurden. Nahezu unerforscht ist, dass Bäuer*innen bis 1974 kein Anrecht auf einen Inlandspass hatten und damit offiziell ihre Dörfer nicht verlassen durften. Wie Breschnew es formulierte: "Der Sozialismus ist im Dorf noch nicht angekommen."
Neue Wirtschaftsgeschichte
Die UdSSR basierte auf einer technischen Utopie und kollabierte am Ende zusammen mit ihr. Zwar ebbte die Ära der Großbaustellen mit Stalins Tod ab, aber zumindest Breschnew versuchte ein letztes Mal, mit dem Bau der Baikal-Amur-Magistrale an den – vermeintlichen – Enthusiasmus der 1930er Jahre anzuknüpfen. Auch wenn die Zeit der Großprojekte in die Stalin-Ära fiel, beginnt die Wirtschaftsgeschichte gerade für die 1960er bis 1980er Jahre zu florieren. Während Anna Krylova 2016 diagnostizierte, die Kulturgeschichte sei schuld daran, dass Historiker*innen die Wirtschaftsgeschichte aus dem Blick verloren hätten, sehen andere eher eine Chance, beides zu fusionieren und eine Geschichte zu schreiben, die weniger Zahlen und Statistiken als vielmehr Wirtschaftsweisen und menschliches Handeln in den Vordergrund stellt. Bahnbrechend war die These von Oscar Sanchez-Sibony zur "roten Globalisierung", nach der die UdSSR immer, auch unter Stalin, den Handel mit dem Westen gesucht habe und die Märkte immer verflochten waren. In diesem Sinne sind zahlreiche Studien zu den Verhandlungen rund um den Export von "rotem" Gas und Öl entstanden. Sehr aufschlussreich ist auch eine Arbeit zu Moskaus "kapitalistischen Bänkern", die im Westen lebten, um dort das Geld für die Handelsgeschäfte zu besorgen.
Noch gibt es keine erschöpfende Studie zur staatlichen Planungsbehörde Gosplan, die nicht nur für die Fünfjahrespläne, sondern auch für die Ressourcenverteilung in der gesamten UdSSR verantwortlich zeichnete. Ihr Anspruch war, auf der Basis gesicherter Daten und Statistiken aus den Republiken und Regionen auf wissenschaftlicher Basis Produktions- und Wirtschaftspläne auszuarbeiten, die sowohl realistisch als auch bedarfsgerecht waren. Dass die Realität ganz anders aussah, war kein Geheimnis: Daten und Statistiken wurden gefälscht, Ressourcen wurden oft nur auf dem Papier, nicht aber in der Praxis zugeteilt, weshalb sich die Verantwortlichen das Benötigte über ihre eigenen Netzwerke beschafften; der Bedarf der Bevölkerung stand schließlich auf einem ganz anderen Blatt. Und so ist die Behörde Gosplan nicht nur eine Superbehörde, die kaum zu fassen ist; es besteht auch die Gefahr, beim Erforschen ihrer Institutionen die viel wesentlicheren Netzwerke und Praktiken zu übersehen. Diese Geschichte bleibt also vorerst ein Desiderat. Dass Wirtschaften in der UdSSR weder "wissenschaftlich" noch nach Plan lief noch bedarfsgerecht war, zeigt beispielsweise eine Studie von Alexandra Oberländer, wonach die Währungsreform 1961 dazu führte, dass in vielen Regionen der Rubel durch Hühnereier abgelöst wurde – die Läden akzeptierten als Zahlungsmittel nur noch Eier.
Jenseits von Moskau
Es war und ist ein Problem der Historiografie, dass sie sich stark auf die beiden Metropolen – neben Moskau St. Petersburg –, kaum aber auf die Republiken konzentriert. Während sich das für die Zeit des Stalinismus wesentlich gewandelt hat, ändert es sich für die Zeit nach 1953 erst langsam. Aber gerade in den vergangenen Jahren konzentriert sich die Forschung darauf, was Entstalinisierung und Sowjetisierung für die zentralasiatischen Republiken oder im Kaukasus bedeutete und wie "Sozialismus" teilweise sehr erfolgreich in nationale Kategorien übersetzt wurde. Dabei gerät auch das interethnische Zusammenleben in den Vordergrund: sei es der zentralasiatischen Arbeitsmigrant*innen, die ihr Glück in den beiden Metropolen suchten, aber sich dort als Menschen zweiter Klasse wiederfanden, seien es interethnische Ehen, die der Staat als Idealbild der Völkerfreundschaft propagierte, aber in der Praxis tief verwurzelte Vorurteile über ethnische Eigenschaften und Zugehörigkeiten offenbarten.
Daneben geraten auch die transnationalen Beziehungen der Sowjetmenschen ins Visier. Dies ist der Einsicht geschuldet, dass die UdSSR nach Stalin keineswegs so abgeschottet lebte, wie der Westen oft glaubte. Wie Rosa Magnusdottir festgestellt hat, war die Anziehungskraft, die die UdSSR vor dem Krieg auf den Westen ausgeübt hatte, verflogen. Um dem Westen zu beweisen, dass sie immer noch ein unterstützenswertes Projekt war, bedurfte es lebender Beispiele – der "Bürger*innen-Diplomatie". Das begann mit dem Import von Filmen, Romanen und Träumen, setzte sich mit tatsächlichen Reisen ins In- und Ausland fort, fand einen Höhepunkt mit dem Weltjugendtag in Moskau 1957, als erstmals auch kapitalistische junge Menschen eingeladen waren, die Sowjetunion zu bestaunen, und mündete in mehreren Organisationen, die im Sinne des unter Chruschtschow neu entdeckten "Internationalismus" dem Austausch mit dem Ausland und dabei natürlich der Propagierung des sowjetischen Fortschritts dienen sollten. Als Mittler zwischen den Welten fungierten schließlich auch die in Moskau akkreditierten Auslandskorrespondenten.
Kalter Krieg
Die Forschung zum Kalten Krieg ist und bleibt zentral. Eine jüngere Erscheinung ist aber, dass er nicht mehr als rein politische Konfrontation und atomares Wettrüsten gilt, sondern als ein Phänomen, das sich in sämtlichen gesellschaftlichen Sphären niederschlug. Die beiden politischen Systeme wirkten wie zwei magnetische Pole, zwischen denen sich jedes Teilchen unwillkürlich ausrichten musste. Die Primaballerina des Bolschoi Theaters, die in New York Schwanensee tanzte, leistete genauso ihren Beitrag zum Systemwettbewerb wie Jurij Gagarin, als er 1961 ins All flog. Neben den Studien zu den einschlägigen Krisen, Konflikten und Stellvertreterkriegen hat sich daher eine breite Forschung zu den kulturellen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Kalten Krieges sowie zu seinen Erscheinungsformen jenseits der industrialisierten Welt entwickelt.
Es gilt als gesichert, dass Chruschtschow von einem gewaltigen Minderwertigkeitskomplex getrieben war und jede seiner außenpolitischen Handlungen auch darauf zielte, von den USA als gleichberechtigte Supermacht anerkannt zu werden. Breschnew hingegen war nach dem Einmarsch in Prag 1968 und der Verkündung der sogenannten Breschnew-Doktrin vom Westen als starker, ebenbürtiger Partner akzeptiert. Beide aber unternahmen Anstrengungen, ihren Weltmachtstatus dadurch zu unterstreichen, dass sie möglichst viele "Entwicklungsländer" beziehungsweise Staaten im Globalen Süden zu ihren Partnern machten und diese mit ihrer Erfolgsstory vom Agrar- zum Industriestaat einerseits sowie mit Wirtschaftshilfen und Waffen andererseits umwarben. Dabei hat die Forschung der vergangenen Jahre gezeigt, dass trotz des asymmetrischen Machtverhältnisses Moskau eher der Schwächere war: Der Drang, sich selbst als den USA ebenbürtige Supermacht zu profilieren war so groß, dass sich Chruschtschow und Breschnew regelrecht erpressen und zu Leistungen verpflichten ließen, die ihre Ressourcen überstiegen. Aus diesen Beobachtungen der "imperialen Überdehnung" speist sich auch die fortwährende Debatte, ob die Abrüstungsbemühungen Chruschtschows 1955 bis 1959, Breschnews 1969 bis 1975 und schließlich Michail Gorbatschows einem echten Wunsch nach Wandel entsprangen oder nur der wirtschaftlichen Zwangslage geschuldet waren. Diese Frage lässt sich letztlich nur weltanschaulich beantworten: So lange nicht Dokumente auftauchen, in denen das Politbüro formuliert, dass es sich zu Abrüstungsbemühungen gezwungen sah, womit nicht zu rechnen ist, bleibt es eine philosophische Frage, ob man den Motor der Geschichte in der Wirtschaft oder im Weltbild eines Menschen lokalisiert, oder nicht ohnehin beides Hand in Hand geht. Während sich die Politikwissenschaftler*innen mit der Frage befass(t)en, "wer" schuld am Kalten Krieg war – die UdSSR wegen ihrer aggressiven Ideologie (traditionell), die USA, weil sie mit der Bombe die UdSSR in die Defensive trieben (revisionistisch), oder beide, weil sie Fehlwahrnehmungen und Missverständnissen unterlagen (postrevisionistisch) –, fragen Historiker*innen gewöhnlich lieber danach, "wie" etwas kam. Dabei werden zunehmend nicht nur kulturelle und diskursive Unterschiede als "harte Fakten" eingestuft, sondern auch Emotionen und Gefühlslagen als entscheidungsrelevant analysiert. Die Biografen von Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow sind sich darin einig: Es war nicht die Wirtschaft, sondern der Wunsch, die Welt zu verändern, der ihre Protagonisten antrieb.
Katastrophen und Krise
Mit der Umweltgeschichte hat sich auch die Katastrophengeschichte etabliert. Es waren zwei Katastrophen, die zwar unabhängig von Perestroika und Glasnost stattfanden, aber erst in diesem Rahmen ihre Sprengkraft entwickelten: Die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 zerstörte die technische Utopie von der Beherrschbarkeit der Elemente, das Erdbeben in Armenien 1988 die Illusion vom Wohlfahrtsstaat. Auch wenn Kate Brown in ihrem sagenhaften Buch zeigen kann, dass, gemessen an westlichen Staaten, die UdSSR große Anstrengungen unternahm, um ihre Bevölkerung zu retten, und der Versuch, das Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern, keineswegs sowjetischer Geheimniskrämerei entsprang, sondern im Interesse der weltweit agierenden Atomlobby geschah, sprengte die Explosion nicht nur das Reaktordach, sondern auch Teile des Fundaments der UdSSR weg. Auch das verheerende Erdbeben in Armenien im Dezember 1988 entwickelte seine politische Sprengkraft erst durch den bereits offen ausgebrochenen Konflikt um Bergkarabach einerseits und die neue Medienberichterstattung im Zeichen von Glasnost andererseits. Dennoch wirkten beide Katastrophen lediglich als Brandbeschleuniger, keineswegs als Ursachen für das Ende der UdSSR.
Die Frage, warum die UdSSR zusammenbrach, ist, wie angedeutet, inzwischen vor der ihrer erstaunlichen Funktionsfähigkeit verblasst und damit der Streit "Krise oder Selbstmord" in den Hintergrund gerückt. Nach der ersten Ansicht hatte sich die UdSSR delegitimiert: Der Marxismus-Leninismus war zu einer Kulisse verkommen; wirtschaftlich konnte sie mit den USA nicht Schritt halten, der Rüstungswettlauf hatte sie an den Rand des Ruins gebracht, und die aufflammenden Nationalitätenkonflikte taten ein Übriges, um dem maroden Koloss den Todesstoß zu versetzen. Danach war der Zerfall des Vielvölkerreichs eine "nachholende Entwicklung", die die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" beendete. Zuweilen wird auch ein makrohistorischer Rahmen bemüht und die Geschichte Russlands in drei Modernisierungszyklen gepresst: Von Peter I. bis 1856 habe Russland militärisch aufgeholt, bis 1970 industriell, elektronisch habe es dann versagt. Dem widersprechen so prominente Experten wie der Gorbatschow-Spezialist Archie Brown und Stephen Kotkin. Beide vertreten pointiert die "Selbstmord-These" und bestreiten die Krise: Die Wirtschaft lief schlecht, aber sie lief, der "militärisch-industrielle Komplex" verschlang riesige Ressourcen, aber das traf auch auf die USA zu, und die Bevölkerung hatte sich in der Sowjetunion in bescheidenem Wohlstand eingerichtet. Erst der neue Generalsekretär habe so grundlegend an den Säulen des Regimes gerüttelt, dass er den Zusammenbruch nolens volens herbeiführte. "Der Leninismus beging Selbstmord, und nichts trat an seine Stelle", so Kotkin. Die Historisierung der Perestroika-Zeit beginnt gerade erst und wird sicher nicht nur für ein komplexeres Bild dieser Jahre sorgen, sondern auch die Idee von historischen Zwangsläufigkeiten weiter in den Hintergrund drängen.