Denkt man an Ruinen, kommt einem schnell der Urlaub in Griechenland, in der Türkei oder Italien in den Sinn. Man sieht Relikte griechischer Tempel, Spuren bronzezeitlicher Stadtmauern oder Überreste römischer Amphitheater vor dem geistigen Auge, erinnert sich vielleicht an die in der Antike berühmte kleinasiatische Stadt Ephesos, an Besuche auf Kreta mit seinem minoischen Erbe oder an das Kolosseum in Rom. Vielleicht denkt der eine oder die andere aber auch an ein Gemälde von Caspar David Friedrich, etwa "Ruine Eldena im Riesengebirge" (1830–1834), ein Landschaftsgemälde, das die mittelalterliche Klosterruine Eldena bei Greifswald mit dem weit entfernten Riesengebirge im heutigen Tschechien und Polen kombiniert, oder an den Ruinenberg in Potsdam, der antikisierende, also künstliche, Ruinen als Element der seit dem späten 18. Jahrhundert beliebten Gartenkunst beherbergt. Diese Beispiele stehen für jene Ruinen, die in der modernen Welt positiv besetzt sind – nicht selten schwingt hier eine Ruinenästhetik mit, die ihre Wurzeln in der deutschen Romantik besitzt. Es gibt aber auch andere Ruinen, die deutlich weniger positiv konnotiert sind, beispielsweise die Frauenkirche in Dresden, die als Mahnmal dient, die Garnisonkirche in Potsdam, deren Überreste noch immer umstritten sind, oder etwa die Beelitzer Heilstätten bei Potsdam, denen im wahrsten Sinne des Wortes Ruinöses anhaftet. Letztere wurden Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts als Sanatorium errichtet, dienten den Sowjets nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Abzug in den 1990er Jahren als Militärkrankenhaus und verfielen dann zügig – befördert durch Vandalismus. Sie zählen wie viele andere moderne Ruinen des 19. und 20. Jahrhunderts – beispielsweise aufgegebene Industrieanlagen, nicht mehr benutzte Bunker oder das 1986 havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine – zu den sogenannten Lost Places, die zu den zentralen Destinationen der Ruinentouristen, den sogenannten Urban Explorers, gehören. Zur Auflösung der Fußnote[1]
Zu den modernen Ruinen zählen aber auch Bauwerke der NS-Zeit, vor allem Großanlagen wie etwa das KdF-Seebad Prora auf Rügen, das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder der U-Boot-Bunker Valentin in Bremen. Diese NS-Ruinen sind Teil der deutschen Erinnerungskultur, viele von ihnen wurden musealisiert und sind heute Gedenkstätten, beherbergen Dauerausstellungen oder ein Dokumentationszentrum. Daneben gibt es aber auch zahllose NS-Ruinen, die weitgehend vergessen beziehungsweise "sichtbar-unsichtbar" sind, wie etwa die sogenannten Thingstätten, die das NS-Regime Mitte der 1930er Jahre zu Beginn der Machtübernahme im gesamten Deutschen Reich zu Propagandazwecken erbauen ließ. Mit dem Thing-Begriff, der 1933 von dem Kölner Theaterwissenschaftler Carl Niessen eingebracht worden war, knüpfte man seinerzeit bewusst an das althochdeutsche "thing" (Versammlung) an, um eine Verbindung zu germanischen Versammlungs- und Kultstätten zu suggerieren. Zur Auflösung der Fußnote[2] 400 Anlagen waren geplant, etwa 50 bis 60 wurden erbaut – von Passau bis Bad Segeberg, von St. Goarshausen im Westen bis St. Annaberg/Góra Świętej Anny in Schlesien. Von diesen Repräsentationsbauten haben sich etwa 40 erhalten. Es handelt es sich um monumentale Freilichtbühnen, die eine ovale oder runde und zu den Rängen hin offene Spielfläche besaßen und mehreren Tausend Zuschauern Platz boten. Sie ähnelten damit antiken Theatern. In diesen Stätten kamen sogenannte Thingspiele – Sprechchordramen – zur Aufführung, über die die Trennung von Schauspielern und Publikum aufgebrochen und ein körperlich-affektives Gemeinschaftserlebnis geschaffen werden sollte, um so die sogenannte Volksgemeinschaft zu stärken. Zur Auflösung der Fußnote[3]
Luftbild der NS-Thingstätte auf dem Heiligenberg bei Heidelberg (© Tobias Schreiner, 2022, www.tobias-schreiner.com)
Als "steingewordener Nationalsozialismus", so Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in seiner "Weiherede" zur Eröffnung der Thingstätte auf dem Heiligenberg bei Heidelberg 1935, Zur Auflösung der Fußnote[4] haben diese überdimensionierten Freilichttheater über die Zeit hinweg nicht nur materiell einen mehr oder weniger großen Substanzverlust verzeichnet, sondern auch Nutzungsänderungen erfahren: Sie wurden Ruinen – Objekte, die zwar nicht mehr ganz vollständig, aber auch noch nicht völlig zerstört sind. Zur Auflösung der Fußnote[5] Wie alle Ruinen durchlaufen die NS-Thingstätten einen Transformationsprozess, der sich aber von Anlage zu Anlage verschieden darstellt, sodass ihr Erscheinungsbild recht heterogen ist. Dies hat wiederum Einfluss darauf, wie wir solchen Anlagen begegnen, sie wahrnehmen und erinnern (oder auch nicht), mit ihnen umgehen und sie gesellschaftlich verhandeln – ganz besonders vor dem Hintergrund einer zunehmenden Historisierung der NS-Zeit. Es lohnt sich also, diese Ruinen etwas intensiver in den Blick zu nehmen. An ihnen lässt sich in paradigmatischer Weise nachverfolgen, wie Nicht- und Nachnutzung sowie Praktiken der Aneignung auf sie einwirken beziehungsweise sie verändern und welche Rolle dabei ihr Zwischenzustand spielt.
"Stilllegung"
Die Geschichte der NS-Thingstätten lässt sich als eine Geschichte des Wandels und der Umgestaltung schreiben, kurz: als Transformationsgeschichte. Der Ablauf dieses Prozesses, den es im Einzelnen für jede Anlage herauszuarbeiten gilt, ist dabei sehr verschieden. Es gibt aber durchaus eine Gemeinsamkeit, die alle während der NS-Zeit fertiggestellten Stätten betrifft und als Ausgangspunkt der weiteren individuellen Transformationsgeschichte zu begreifen ist: Die Thingstätten mit ihren neuartigen massentheatralen Sprechspielen konnten Mitte der 1930er Jahre weder Zuschauer noch Vertreter des Regimes tatsächlich begeistern. Gerade die Thingspiele wurden von der zeitgenössischen Kritik, die NS-Presse eingeschlossen, zum Teil vernichtend besprochen. Die anfängliche Euphorie bezüglich der Schaffung eines neuen, nationalsozialistischen Massentheaters wich der Ernüchterung. Das lag zum einen daran, dass der Bau der Anlagen nur schleppend vorankam, zum anderen war aber auch die Thingspieldichtung aus Sicht des NS-Regimes wenig ansprechend. Hinzu kam, dass bereits im Oktober 1935 eine Anweisung aus dem Reichspropagandaministerium die Verwendung des Begriffs "Thing" untersagte und eine neue Sprachreglung forderte. Der Rückgriff auf eine wie auch immer geartete germanische Frühgeschichte galt nicht länger als opportun, stattdessen wurden die Anlagen nun neutral als Feier- oder Weihestätten beziehungsweise Freilichtbühnen bezeichnet. Die Aufführung von Thingspielen lief daher nach und nach aus, ab etwa 1937 nutzte dann vielfach die Hitlerjugend die Anlagen etwa für Aufmärsche oder Fackelzüge. Die Folge war, dass die Anlagen noch während der NS-Zeit ihre eigentliche Funktion verloren und nur spärlich genutzt wurden.
Waren die Stätten ursprünglich als Kulturbauten für die Bevölkerung gedacht, gerieten sie bereits während der NS-Diktatur ins Abseits. Sie wurden von den Nationalsozialisten gewissermaßen "stillgestellt", und das im doppelten Sinne: Erstens hatten sie ihre Funktion als Propagandainstrumente eingebüßt und "verstummten" gleichsam; diese Stillstellung führte zweitens wiederum dazu, dass der Prozess der Ruinierung – und damit der Prozess der Transformation – für alle Thingplätze bereits wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung einzusetzen begann und sich nach den Zweiten Weltkrieg, wenn auch auf unterschiedliche und individuelle Weise, fortsetzte. Denn mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es für die deutsche Gesellschaft zu einer einschneidenden Zäsur, die sich nicht nur in einem veränderten politischen System manifestierte. Der Transformationsprozess vollzog sich vielmehr multidimensional und betraf nicht zuletzt das Wertesystem, den Lebensstil, soziokulturelle Aspekte sowie die materielle Ebene. Die nationalsozialistischen Thingstätten waren ebenfalls von diesem Umbruch betroffen, auch für sie begann gewissermaßen eine "neue" Zeit.
Vielfältiges Ruinenpanorama
Verfolgt man das Ruinenschicksal Zur Auflösung der Fußnote[6] der Thingstätten nach dem Zweiten Weltkrieg, so stößt man auf eine ungewöhnlich vielfältige Entwicklung. Das liegt wiederum daran, dass diese Orte als Ruinen nicht einfach präsent sowie sicht- und greifbar sind; sie stellen im Gegenteil Orte des Verborgenen dar, des Sichtbar-Unsichtbaren beziehungsweise des An- und Abwesenden. Man könnte auch sagen: Ihr Status ist "latent", also "vorhanden, aber nicht hervortretend". Zur Auflösung der Fußnote[7] Und damit geht wiederum eine gewisse Offenheit einher – die Stätten sind offen hinsichtlich ihrer (Nach-)Nutzung, offen in der Frage, wer sie sich wie, wann aneignet, und sie erweisen sich darüber hinaus grundsätzlich als interpretationsoffen. Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich unterschiedliche Städte und Kommunen in Westdeutschland in der Nachkriegszeit mit "ihren" Thingstätten auseinandergesetzt haben. Die Ansätze sind dabei merklich verschieden.
Ruinen sich selbst überlassen
Wer beispielsweise die Thingstätte auf dem Braunschweiger Nußberg besuchen möchte, muss sich auf eine durchaus zeitintensive Spurensuche begeben. Denn von der einstmals großangelegten Stätte ist heute kaum noch etwas zu sehen oder gar zu besichtigen. Die Stadtverwaltung hatte der Anlage nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Beachtung geschenkt, sodass nach und nach der natürliche Zerfall einsetzte. Gemäuer fielen in sich zusammen und Zersetzungen durch Wasser, Hitze und Kälte, Mikroorganismen, sich ausbreitende Pflanzen und stöbernde Tiere folgten; die Natur eroberte sich ihr Territorium gewissermaßen zurück, gleich einem "Kompostierungsvorgang". Zur Auflösung der Fußnote[8] Hier und auch in anderen Fällen bewirkte dieses "Sich-selbst-Überlassen" eine kontinuierliche "Ruinierung" bis hin zu einer Art Trümmerlandschaft. Zur Auflösung der Fußnote[9]
Über die Braunschweiger Thingstätte wuchs also und wächst weiter Gras – und das im doppelten Sinne: Zum einen führt der Wildwuchs ganz praktisch, und sei es in einer fernen Zukunft, zu ihrer völligen materiellen Zersetzung; zum anderen wächst im übertragenen Sinne über das schwierige Erbe der NS-Zeit Gras. Und das hat Folgen: Die einstigen monumentalen Bauwerke werden unsichtbar, weil ihre materielle Kultur nicht mehr wahrnehmbar und erfahrbar ist. In Braunschweig lag darin offenbar das erklärte Ziel der Stadt, denn rückblickend wird der durch die Vegetation bedingte Zerfall als "genau der richtige Umgang" Zur Auflösung der Fußnote[10] beschrieben. Diesen Prozess des "Sich-selbst-Überlassens" kann man als eine Art "Entgiftung" begreifen, schließlich wird Natur – gerade im urbanen Raum – oft positiv konnotiert: Die fortschreitende "Ruinierung" als Option, dem Erinnern an die NS-Geschichte aus dem Weg zu gehen? Begrünung also als (willkommenes) Mittel des Verdrängens und Vergessens oder gar als "Mittel der Heilung"? Zur Auflösung der Fußnote[11]
Ruinen bespielen
Als "unsichtbare Ruine" ist die Braunschweiger Thingstätte zugleich eine "vergessene Ruine". Die Erinnerung an das Bauwerk und die mit ihm verbundene Geschichte verblasst und das hat vor allem mit ihrem kontinuierlichen materiellen Substanzverlust seit 1945 zu tun. Zu den "vergessenen Ruinen" zählen aber auch Anlagen, deren Ruinierung quasi aufgehalten wurde, indem sie konsequent weitergenutzt wurden. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die sogenannte Nordmark-Feierstätte in Bad Segeberg. In der 1937 eingeweihten Freilichtbühne am Kalkberg fand im Oktober 1945 eine der ersten großen Boxveranstaltungen nach dem Krieg statt – mit dem Schwergewichtsweltmeister und in der deutschen Bevölkerung populären Max Schmeling als Ringrichter. Als einschneidend kann jedoch das Jahr 1950 gelten. Damals unterbreitete der Lübecker Oberspielleiter Robert Ludwig der Stadt die Idee, die Anlage für "Winnetou-Festspiele" zu nutzen. Die Stadt zögerte keine Sekunde und der Magistrat stimmte im Juli 1950 im "Interesse der Hebung des Fremdenverkehrs der Vorlage der Stadtverwaltung" zu. Zur Auflösung der Fußnote[12] Auch wenn die für 1950 geplanten Aufführungen aus logistischen Gründen abgesagt werden mussten und die Karl-May-Spiele erst ab 1952 stattfinden konnten, zeigt sich hier ein "zupackendes" städtisches Handeln. Die Gelegenheit, den Monumentalbau weiter etwa für Theateraufführungen zu nutzen, wurde ohne Umschweife ergriffen und umgesetzt. Seitdem spielt die Stadt jedes Jahr in den Sommermonaten "Indianer" Zur Auflösung der Fußnote[13] und zieht damit tausende Besucher an: Der Kalkberg, die als Kalkbergstadion bezeichnete Arena und die Karl-May-Spiele bilden einen integralen und integrativen Teil der Stadtgesellschaft, sie gehören heute zur zentralen Geschichte, die in Bad Segeberg erzählt wird. Diese Transition von einem NS-Propagandaort zu einem populären Veranstaltungsort, dessen kolonialer Anstrich vor dem Hintergrund zeitgenössischer Debatten um kulturelle Aneignung deutlich mehr gesellschaftliche Debatten hervorruft als seine NS-Vergangenheit, fand weitgehend geräuschlos statt.
Das Bespiel illustriert: Die Anlage ist zwar bis heute sicht- und begehbar – über Ein- und Umbauten zweifellos in veränderter Form –, die konstante Nach- und Weiternutzung nach dem Zweiten Weltkrieg hat aber dazu geführt, dass nicht nur der Prozess der Ruinierung aufgehalten wurde, sondern auch die (Vor-)Geschichte des Freilichttheaters verblasst ist. Hier zeigt sich gewissermaßen eine Paradoxie. Denn letztlich ist die Anlage sichtbar-unsichtbar beziehungsweise präsent und abwesend zugleich. Je weiter die Nach- und Weiternutzung fortschreitet und je intensiver sich diese gestaltet, desto mächtiger wird die Schicht des Vergessens, die sich um das Bauwerk legt. Die Überschreibung, die in Bad Segeberg stattgefunden hat – Ähnliches trifft unter anderem auf die Anlagen im sächsischen Borna und im niederbayrischen Passau sowie die heute als Berliner Waldbühne bekannte Stätte zu –, kommt einer performativ hergestellten damnatio memoriae gleich.
Um Ruinen streiten
Die Weiternutzung der Nordmark-Feierstätte in Bad Segeberg nach 1945 verlief weitgehend geräuschlos, schließlich hatte sich die Stadt als zentraler und einziger Akteur hinsichtlich der Thingstätte klar positioniert, indem sie diese weiter als Freilichttheater nutzte. An anderen Orten verlief der Transformationsprozess deutlich lauter, ja kontroverser. Denn nur selten gab es ein klares Konzept, wie man mit diesen speziellen NS-Ruinen umgehen sollte. In Heidelberg etwa diskutierte man Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre in der Stadtverwaltung und in der Öffentlichkeit durchaus intensiv darüber, wie man die riesige Anlage mit ihren etwa 8.000 Sitz- und über 20.000 Stehplätzen auf dem Heiligenberg, idyllisch im Wald gelegen, nutzen könne. Eine Entscheidung wurde allerdings nicht getroffen; man sorgte allenfalls dafür, dass sie nicht verwilderte wie in Braunschweig und hielt sich damit eine zukünftige Nutzung offen. Tatsächlich erarbeitete der Gemeinderat dann in den 1980er Jahren ein Nutzungskonzept, das vier (angemeldete) Großveranstaltungen pro Jahr vorsah. Mit spontanen Veranstaltungen wie den seit Ende der 1990er Jahre einsetzenden Walpurgisfeiern, die über Mund-zu-Mund-Propaganda und abhängig vom Wetter zum Teil weit mehr als 10.000 Menschen an die Thingstätte zogen, hatte man allerdings nicht gerechnet. Das popkulturelle Massenevent sorgte Jahr für Jahr sowohl im Vorfeld als auch im Nachhinein für Aufregung bei zahlreichen Akteuren: bei Stadt und Polizei, beim Forstamt und bei betroffenen Anwohnern. Die Stadt sah sich mit Sicherheitsfragen und die Polizei mit potenziellen Drogendelikten konfrontiert, das Forstamt sorgte sich um den Wald und die Müllmengen, die Anwohner wiederum sahen sich durch die Besucher um ihre Nachtruhe gebracht. Die NS-Ruine avancierte zum jährlichen "Störfall".
Auch die Passauer Anlage wurde zum Streitobjekt als 1980 das erste Passauer Open Air Festival auf dem Platz veranstaltet wurde, von dem damals nur noch spärliche Ruinenreste erhalten geblieben waren. Eine Gruppe junger Erwachsener initiierte die Veranstaltung, um einen Gegenpol zur christlich-konservativ geprägten Stadtkultur zu etablieren. Die Stadt versuchte wiederum das Musikfestival zu verhindern und verbot die Veranstaltung, woraufhin die Initiatoren vor Gericht zogen und Recht bekamen. Im Verlauf der fast 20-jährigen Festival-Geschichte kam es regelmäßig zu Debatten zwischen den Veranstaltern, der Stadtverwaltung und Anwohnern – ganz ähnlich wie in Heidelberg. Gestritten wurde dabei nie um die NS-Ruine beziehungsweise ihre Entstehungsgeschichte, gestritten wurde um die Art der Nutzung und damit um das Massenevent in popkultureller Rahmung mit seinen ganz praktischen Problemen wie Verschmutzung, Lärm und Kriminalität.
Die beiden NS-Ruinen führten also zu latenten Spannungen in der Stadtgesellschaft, allerdings jenseits ihres nationalsozialistischen Bedeutungsgehalts. Zur Auflösung der Fußnote[14] An, um und über die Ruinen entstanden vielmehr neue Geschichten – Geschichten pop- und subkultureller Aneignung und des Aufbegehrens gegen etablierte Normen.
Ruinen sinnlich erfahren
Die Heidelberger Thingstätte gehört zu den ausgesprochen gut erhaltenen NS-Ruinen in Deutschland. Sie bildet mit mehreren, sich in direkter Umgebung befindlichen Bodendenkmälern aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit – einem eisenzeitlichen Ringwall und zwei mittelalterlichen Klosteranlagen – eine Art Ruinenensemble und steht unter Denkmalschutz. Zur Auflösung der Fußnote[15] (Internationale) Besucher, die den Weg auf den Heidelberger Heiligenberg finden, scheint vor allem die massive Monumentalität der Thingstätte, in der der "steingewordene Nationalsozialismus" sichtbar zu Tage tritt, emotional anzusprechen und ein Gefühl hervorzurufen, hier an einem geschichtsträchtigen, ja authentischen, Ort zu sein. Zur Auflösung der Fußnote[16] Über ihre Materialität wird die Stätte nicht nur sichtbar, sondern auch multisensorisch erfahrbar: Es ist möglich, die Treppen hinaufzusteigen, auf den Rängen zu sitzen oder auf der Bühne zu stehen und die Akustik zu spüren: "You really feel the presence of history when you’re here, like the people who once used the stage or sat in the stone benches in the amphitheatre". Zur Auflösung der Fußnote[17] Die an der und über die Ruine erfahrbare Materialität ruft bei den Besuchern ein Präsenzerlebnis hervor –, einen Moment der Unmittelbarkeit und Intensität, Zur Auflösung der Fußnote[18] der zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte beziehungsweise konkreten Geschehnissen an diesem Ort führt. Dabei wird gerade das Latente zum Auslöser der historischen Imagination beziehungsweise stellt es die Brücke zur Vergangenheit dar. Manche Besucher vergegenwärtigen am historischen Ort vor ihrem inneren Auge die NS-Zeit: "If you close your eyes you can almost see the swastika flags and high-ranking Nazis gathering some 80yrs ago." Zur Auflösung der Fußnote[19]
Die Heidelberger Ruine erweist sich somit als Ort der Erinnerung, dessen greifbare und erlebbare Präsenz im öffentlichen Raum die Besucher mit dem Fremden im Eigenen zu konfrontieren vermag und zur Reflexion herausfordert. Sie trägt also einen erinnerungskulturellen Wert mit sich, der sich über das sinnlich-emotionale Erleben aktivieren lässt und im besten Fall die NS-Propaganda und ideologische Durchdringung aller Lebensbereiche nachvollziehbar macht. Parallel besitzt die Thingstätte aber auch einen ästhetischen Wert, denn vielen Besuchern erscheint die moderne Ruine im Grünen geradezu von ihrer historischen Bürde befreit, evozieren doch ihre Lage und die sie umgebende Landschaft und Natur eine besondere Atmosphäre. Eindrücklich zeigt sich das etwa bei denjenigen Besuchern, die während ihres Aufenthalts auf die Abgeschiedenheit mitten im Wald verweisen, die Ruhe und Stille an dem Ort betonen oder gar eine "silent aura" Zur Auflösung der Fußnote[20] verspüren. Sie erleben beziehungsweise imaginieren die NS-Ruine als friedlich-friedvollen Ort. Hier klingt eine gewisse Ruinenästhetik durch, die nicht mit einer Romantisierung oder gar nostalgischen Rückschau auf den NS-Propagandaort gleichzusetzen ist: "Die Ruine kann schön und hässlich, harmonisch und dissonant, melancholisch und belebend, friedlich und zerstörerisch erscheinen; mal überwiegt das eine, mal das andere und zuweilen sind wir gar nicht in der Lage, uns zwischen gegensätzlichen Charakteristiken zu entscheiden – und wir müssen es auch nicht, weil Widersprüchliches legitimerweise gleichermaßen im Spiel ist. Die ästhetische Reflexion hält prinzipiell offen, wie und als was uns die Ruine erscheint und sie darf das, da sie nicht in gelingender oder misslingender Weise instrumentellen Zwecken dienlich sein muss". Zur Auflösung der Fußnote[21]
Das Beispiel veranschaulicht, wie das sinnliche Erleben sowohl Handlungen als auch Deutungen beeinflusst und Imaginationen hervorruft. Der Atmosphäre als wechselseitiges Zusammenspiel von materieller Kultur, Körper und Raum – und damit als Phänomen ähnlich latent wie die Ruine selbst – kommt dabei eine zentrale Rolle zu.
Wert der NS-Ruinen
Die hier vorgestellten NS-Ruinen unterliegen also nicht nur einem temporal-materiellen, sondern auch einem gesellschaftspolitischen und kulturellen Wandel. Sie wurden und werden beständig umgeformt, umgearbeitet und umgedeutet. Wie alle Ruinen sind auch sie Orte im Dazwischen – changierend zwischen (materieller) Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.
Der Philosoph Georg Simmel hat vor über 100 Jahren in seinem Essay "Die Ruine" über ihren Status reflektiert und sie als Stätten des Lebens bezeichnet, aus denen das Leben gewichen sei. Zur Auflösung der Fußnote[22] Für Simmel besitzt die Ruine einen besonderen ästhetischen Wert, der sich aus verschiedenen Eigenschaften speist. Dazu gehört ihr friedvoller Ausdruck, die ihr innewohnende Spannung von Vergangenheit und Gegenwart, die er als "äußerste Steigerung und Erfüllung der Gegenwartsform der Vergangenheit" bezeichnete, und dazu zählt auch der ihr eigene Reiz, dass ein "Menschenwerk" wie ein von der Natur geformtes Objekt empfunden werden kann. Zur Auflösung der Fußnote[23]
Simmel hatte seinerzeit zwar antike Ruinen im Blick, aber sein Entwurf einer Ästhetik der Ruine ist keineswegs aus der Zeit gefallen. Er gilt gleichermaßen für NS-Ruinen, die ebenfalls einen ästhetischen Reiz entwickeln (können), der nicht nur sinnlich-emotional erlebbar ist, sondern auch hinsichtlich Nutzung, Aneignung und Deutung eine Unbefangenheit inkludiert, die sie zu "freien Schauplätzen neuer signifikatorischer Akte" macht. Zur Auflösung der Fußnote[24] Akte dieser Art lassen sich auch an den NS-Thingstätten finden: An ihnen haben sich seit 1945 unterschiedliche (Ge-)Schichten abgelagert. Es ist ein vielfältiges und ganz eigenes Ruinenpanorama entstanden, das sich auf paradoxe Weise zwischen Vergessen und Erinnern sowie alten und neuen Geschichten aufspannt.
Fazit
2014 plädierte der Jenaer Zeithistoriker Norbert Frei in der Wochenzeitung "Die Zeit" dafür, die bereits in einem fortgeschrittenen ruinierten Stadium befindlichen NS-Bauten – sein Beispiel war die Ehrentribüne (sogenannte Zeppelintribüne) auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg – nicht denkmalpflegerisch zu erhalten, sondern der vollständigen Ruinierung preiszugeben. Aus seiner Sicht verdienten die "architektonischen Monstrositäten der NS-Zeit" keinerlei Renovierung oder Restaurierung, wolle man eine "zusehends leerlaufende Erinnerungspolitik" nicht weiter befördern. Er sprach sich für eine De-Auratisierung und einen "kontrollierten Verfall" aus. Zur Auflösung der Fußnote[25] Er hatte damit ein durchaus heikles Thema angesprochen, das sich letztlich auf die Frage zuspitzen lässt: Benötigt Erinnerung Ruinen? Zur Auflösung der Fußnote[26] Und wenn ja: Wieviel architektonische Erinnerung an die NS-Zeit ist dann nötig beziehungsweise benötigen wir (noch)? Die Stadt Nürnberg hat diese Frage für sich eindeutig beantwortet. Sie ist nicht dem radikal anmutenden Weg des Verfallenlassens gefolgt, sondern hat sich dazu entschlossen, die Zeppelintribüne als "Lern- und Begegnungsort mit Informations- und Vermittlungsangeboten zu erhalten". Zur Auflösung der Fußnote[27]
Für viele NS-Ruinen laufen die Fragen allerdings ins Leere beziehungsweise stellen sich erst gar nicht. Die nationalsozialistischen Thingstätten wurden beispielsweise schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg auf ganz unterschiedliche Art nachgenutzt, bespielt und angeeignet; ihre Bedeutung erschöpfte sich aufgrund ihres latenten Status nicht beziehungsweise nie allein in ihrem historischen Wert, sodass sie bis heute gewissermaßen unter dem "erinnerungskulturellen Radar" fliegen konnten. An den NS-Thingstätten als Orten der Latenz manifestieren sich Praktiken und Umgangsweisen, die andernorts – etwa in Museen, Gedenkstätten, Dokumentationszentren – aus erinnerungspolitischen Rahmenbedingungen heraus nicht denkbar sind. Die NS-Thingstätten wurden so zu Veranstaltungsorten, Tourismusdestinationen, Stätten subkultureller Aneignung, Orten gesellschaftlicher Aushandlung und nicht selten: schlicht vergessen. Ihre gesellschaftliche Rolle ist also nicht beschränkt oder gar einseitig auf eine Funktion festgelegt, sondern vielfältig wandel- und formbar. Als NS-Ruinen abseits offizieller Erinnerungsdiskurse liegt in dieser Multidimensionalität und Bedeutungsvielfalt ihr eigentlicher Wert. Nicht selten erweist sich das als gesellschaftlich herausfordernd. Eine gewisse Ambiguitätstoleranz gegenüber den von der erinnerungskulturellen Norm abweichenden Deutungen, Aneignungen und Nutzungen – einschließlich des bewussten Verfallenlassens – scheint dabei erforderlich.