Innovativ zu sein und innovativ zu agieren, ist heute ein Imperativ in allen Wirtschaftsbereichen, insbesondere auch im Finanzsystem. Prozesse sollen kostengünstiger, effizienter, aber auch flexibler, Produkte dynamischer, zugänglicher und individueller werden. Dazu sollen neue Zieldimensionen erreicht werden, die lange vernachlässigt wurden, wie die ökologische und soziale Nachhaltigkeit.
Große Hoffnungen für die Neugestaltung des Finanzsystems ruhen heute auf den unterstellten Potenzialen der Digitalisierung und spekulativer Digitaltechnologien. Fortschritte in der Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien haben schon in den vergangenen Jahrzehnten das Finanzsystem entscheidend geprägt. Die Entstehung des modernen Finanzsystems wäre ohne sie undenkbar. Die Aktivitäten des Finanzsystems werden heute von sehr unterschiedlichen Technologien geprägt: Das Repertoire reicht von mondänen Technologien wie der E-Mail bis zum Hightech-Wettrüsten des Hochfrequenzhandels; von jahrzehntealten Mainframes bis zu modernen Userinterfaces im Onlinebanking.
Eine spekulative Digitaltechnologie, die sich im vergangenen Jahrzehnt entwickelt hat und ursprünglich Banken und andere Finanzintermediäre überflüssig machen sollte, sind Kryptowährungen. Sie kamen 2008 mit der ersten Anwendung Bitcoin auf. Seitdem wurden Tausende weitere Versionen in Umlauf gebraucht. Es handelt sich um alternative digitale Gelder, die nicht von Banken oder Zentralbanken verwaltet werden, sondern von einem Netzwerk global verteilter Computer. Sie verdanken ihren Namen der Nutzung von kryptografischen Technologien. Kryptografie ist die Wissenschaft vom Ver- und Entschlüsseln von Informationen. Im Falle von Kryptowährungen werden kryptografische Technologien eingesetzt, um die Schöpfung, Knappheit und Versendung von digitalen Geldern zuverlässig abzusichern.
Im Kern bauen Kryptowährungen auf dem Misstrauen gegenüber Banken, Zentralbanken und vor allem gegenüber dem Staat auf. Der oder die Erfinder der ersten Kryptowährung Bitcoin waren der Ansicht, dass die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass jemand die Kontrolle über das Geldsystem missbraucht, ist, niemandem die Kontrolle zu überlassen. Anstatt die Kontrolle über die digitale Buchführung einer zentralen Instanz wie einer Bank zu überlassen, ist sie bei Kryptowährungen wettbewerblich organisiert. Global verteilte Computer (vermehrt auch große Rechenzentren) konkurrieren darum, durch die Lösung eines kryptografischen Puzzles die nächste "Seite" der gemeinsamen Buchführung schreiben zu dürfen. Anstatt von Seiten spricht man bei Kryptowährungen von "Blöcken" von Transaktionen, die durch die Lösung des kryptografischen Puzzles so miteinander verkettet sind, dass sie sich rückwirkend kaum manipulieren lassen. Als Anreiz für die Erbringung der Rechenleistung erhält derjenige, der das rechenintensive Puzzle zuerst löst, eine Belohnung in der Währung des jeweiligen Netzwerks, die heute auf Onlinebörsen leicht gegen Tausende von Dollar oder Euro eingetauscht werden kann. Zwar ist der Wert von Kryptowährungen nicht durch Staaten garantiert, der rege Onlinehandel hat jedoch trotzdem (oft stark schwankende) Wechselkurse in bestehende Währungen etabliert.
Entgegen ihrem ursprünglichen Ziel erfreuen sich Kryptowährungen bei Finanzinstituten wachsender Beliebtheit. Selbst Zentralbanken, deren Macht Bitcoin ursprünglich in Frage gestellt hat, setzen sich heute mit ähnlichen Anwendungen in Form digitaler Zentralbankwährungen (CBDCs) auseinander.
Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, einen Schritt zurückzutreten und eine wichtige Unterscheidung einzuführen. In einem Blogpost hat der Software-Engineer Stephen Diehl zur Euphorie um Kryptowährungen bemerkt, dass diese eher von der Finanzbranche ausgeht, während viele Software-Spezialist*innen eher frustriert und enttäuscht sind.
Kryptowährungen als Technikinnovation
Im technischen Kern geht es um ein Koordinationsproblem in einer verteilten Netzwerkstruktur. Obwohl es heute viele verschiedene Kryptowährungen gibt, lässt sich deren Grundprinzip am besten anhand des Bitcoin erklären. Bitcoin wurde 2008 in einem Whitepaper von einem Autor oder einer Gruppe unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto vorgestellt. Der erste Satz formuliert das ambitionierte Ziel für Bitcoin: "A purely peer-to-peer version of electronic cash would allow online payments to be sent directly from one party to another without going through a financial institution."
Bitcoin soll also ermöglichen, dass sich zwei Personen eine Form elektronischen Geldes direkt schicken können, ohne eine Finanzinstitution zwischenzuschalten. Wer heute eine Überweisung tätigt, tut dies nicht direkt, sondern erteilt einer Bank den Auftrag, einen Betrag von einem Konto auf ein anderes zu buchen. Die Rechte von Kund*innen sind zwar vertraglich geregelt, technisch handelt es sich aber um ein hierarchisches Verhältnis, bei dem die Kontrolle bei der Finanzinstitution verbleibt. Der direkte Peer-to-Peer-Ansatz soll die Finanzinstitution aus dem Prozess ausgliedern, was man als "Disintermediation" bezeichnet. "Peer-to-Peer" meint dabei ein Netzwerk von Computer-Verbindungen, bei denen die beteiligten Rechner einander mehr oder minder gleichgestellt sind.
Double-Spending
Jedes digitale Geldsystem muss mit zwei widersprüchlichen Medien umgehen. Das Geldmedium, etwa eine Silbermünze, ist knapp, das Digitale dagegen kann beliebig oft verlustfrei kopiert werden. Im Buchungssystem der Banken wird das Problem hierarchisch gelöst, weil Regeln asymmetrisch durchgesetzt werden können. Wie soll ein Netzwerk aus gleichberechtigten Computern jedoch verhindern, dass Geldbeträge mehrfach ausgegeben werden?
Die Lösung dieses "Double-Spending"-Problems ist der eigentliche technisch-innovative Beitrag von Bitcoin. Nakamoto beschreibt diese Lösung als "timestamp[ing] transactions by hashing them into an ongoing chain of hash-based proof-of-work".
Der Arbeitsnachweis, im Englischen "Proof-of-Work" (PoW) genannt, beschreibt das Verfahren, dass Bitcoin zuverlässig und sicher macht, weil es eine Einigung über die zeitliche Reihenfolge von Transaktion trotz verteiltem Netzwerk erzielt, ist jedoch auch für den astronomischen Energieverbrauch von Bitcoin verantwortlich. PoW ist zugleich ein Konsensmechanismus, weil es dem gesamten Netzwerk erlaubt, eine Einigung über den aktuellen Stand der gemeinsamen Buchführung zu erzielen.
Beim PoW kommen zwei Eigenschaften zusammen: erstens lässt er sich kaum fälschen, weil das gesuchte Muster nur durch intensive Rechenarbeit gefunden werden kann; zweitens können andere Netzwerkteilnehmer*innen weit weniger aufwendig prüfen, ob die Lösung stimmt. Im Ergebnis sorgt das Verfahren dafür, dass der/die Erbringer*in der richtigen Lösung einmalig zum Schreiben der nächsten Seite der gemeinsamen Buchführung berechtigt wird, weil er sich durch den nachweislichen Energieverbrauch als jemand ausweist, der in den Erhalt des Netzwerks "investiert" ist.
In der Nomenklatur von Bitcoin wird der Vorgang als "Mining" bezeichnet, also eine Art Rohstoffabbau. Das liegt daran, dass das Finden der Lösung mit einem fixen Betrag frisch geprägter Bitcoins vergütet wird; zugleich weckt die frenetische Suche nach der passenden Lösung Assoziationen mit der Suche nach Gold und Edelmetallen. Durch diesen Aufbau ist es möglich, dass das Netzwerk von sich einander fremden Teilnehmer*innen betrieben wird, weil sich die Beteiligten für jeden Schreibvorgang erneut als hinreichend investiert in den Erhalt des Netzwerks ausweisen müssen.
Blöcke, Ketten, Vertrauen
Der letzte wichtige Aspekt taucht im eingangs wiedergegebenen Satz als "hash-based proof-of-work" auf. Damit wird der erbrachte Arbeitsnachweis noch einmal präzisiert. Der Arbeitsnachweis erbringt nicht nur die Lösung für eine aufwendige Rechenaufgabe, sondern erbringt diese Lösung in Form eines "Hashs", einer Art spezifische Prüfsumme, durch die sich nachvollziehen lässt, welche Transaktionen in einem Block enthalten sind.
Im Ergebnis führt das dazu, dass die Veränderung eines beliebigen vorangegangen Blocks dazu führt, dass die neue Prüfsumme nicht mehr zu den folgenden Prüfsummen passt und der Manipulationsversuch auffliegt. Die Verbindung aus PoW-Verfahren und Hashing macht es praktisch unmöglich, die Transaktionshistorie von Bitcoin rückwirkend zu verändern.
Der technische Aufbau wird in der medialen Darstellung oft als vertrauenslos und unveränderlich beschrieben. Der Soziologe Niklas Luhmann sagt über das Vertrauen: "Wer Vertrauen erweist, nimmt Zukunft vorweg. Er handelt so, als ob er der Zukunft sicher wäre."
Kryptowährungen als Finanzinnovation
Bitcoin und viele alternative Kryptowährungen bauen auf zwei altbekannten Strömungen der Geldtheorie auf: dem Metallismus einerseits und den Ideen privaten Geldwettbewerbs andererseits.
Der Metallismus geht davon aus, dass der Wert des Geldes historisch zumeist den verarbeiteten Materialien entspringt, wie Gold oder Silber.
Dieser digitale Metallismus wird durch einen zweiten Ansatz ergänzt, den wir am ehesten in den Arbeiten des Ökonomen und Philosophen Friedrich A. von Hayek wiederfinden. In seinem 1976 erschienenen Buch "The Denationalisation of Money" entwickelt er die Vision eines Geldsystems, in dem Geld nicht von staatlichen Stellen ausgegeben wird, sondern von privaten Geldanbietern, die im ständigen Wettbewerb stehen.
Warum machen diese zwei altbekannten Ansätze Kryptowährungen aber vermehrt zum Darling der Finanzbranche? Der digitale Metallismus gibt Kryptowährungen ein Doppelleben als Tauschmedium einerseits und als Spekulationsobjekt andererseits. Als Tauschmedium halten sich die Vorteile von Kryptowährungen, zumindest im Vergleich zu den Bezahldiensten, die ansonsten im Globalen Norden verfügbar sind, stark in Grenzen. Auch wenn Verfechter von Kryptowährungen gerne vermeintliche oder wirkliche Erfolgsgeschichten von Finanzinklusion und Akzeptanz erzählen, ist der Hauptbeitrag für das Finanzsystem heute die Schaffung von Volatilität. Kryptowährungen liefern dabei vor allem ein Narrativ, die mit dem digitalen Metallismus und der unterstellten Knappheitsdynamik eine formale Existenzberechtigung als investierbares Asset liefert, dessen Preise sich sehr stark von vermeintlich realen Faktoren wie der Nutzung als Tauschmittel entkoppelt haben. Kryptowährungen sind faktisch eher spekulative Anlageobjekte als Währungen.
Abseits der technischen und finanziellen Dimension gibt es noch drei Unterpunkte die hier gesondert aufgeführt werden, weil sie in aktuellen Debatten um Kryptowährungen präsent sind: der Stromverbrauch, Sicherheitsbelange und der Umgang mit Anleger*innen.
Strom und Sicherheit
Bitcoin verbrauchte 2021 0,55 Prozent des globalen Energieaufkommens – etwa so viel wie Malaysia oder Schweden.
Verfechter*innen von Kryptowährungen argumentieren, der Verbrauch von Bitcoin sei viel niedriger als der des konventionellen Finanzsystems. Dieser Vergleich hinkt jedoch gleich doppelt: einerseits bedeutet das nur, dass es hier ein weiteres Problem gibt und wir uns mit dem Stromverbrauch des Finanzsystems auseinandersetzen sollten; andererseits ist der Vergleich irreführend, wenn er nicht berücksichtigt, wie viele Nutzer*innen das jeweilige System hat. Der Stromverbrauch von Bitcoin mag geringer sein als das des konventionellen Finanzsystems, bietet gleichzeitig aber einen weitaus geringeren Nutzen. Durch alternative Konsensverfahren oder Skalierungslösungen wäre zwar ein niedrigerer Stromverbrauch pro Transaktion denkbar. Diese Lösungen sind heute aber nur bedingt im Einsatz und weisen wiederum eigene Schwächen und Probleme auf, die es zumindest problematisch machen, hier von einer Weiterentwicklung zu sprechen. Insofern sollte die Energieproblematik nicht als Durchgangsproblem behandelt oder kleingeredet werden.
Die Implikationen von Kryptowährungen für Fragen der nationalen und internationalen Sicherheit haben jüngst besonders an Relevanz gewonnen. Im Fokus stehen dabei Themen wie Sanktionsvermeidung, Terrorismusfinanzierung, Geldwäsche, Drogenhandel und insbesondere Ransomwarezahlungen. Es finden sich zwar relevante Fälle, wenn beispielsweise Bestände von terroristischen Vereinigungen beschlagnahmt werden, der Anteil an der Terrorismusfinanzierung insgesamt scheint aber eher überschaubar zu sein.
Im Kontext der Finanzierung sanktionierter Staaten scheint die Situation heute etwas ambivalenter. Nordkoreanische Hacker sollen 2021 über 400 Millionen US-Dollar durch Angriffe auf Investmentfirmen und zentralisierte Handelsbörsen erbeutet haben.
Bis heute sind Handelsbörsen das mit Abstand erfolgreichste Geschäftsmodell im Universum der Kryptowährungen. In der Vergangenheit sind solche Börsen mit zahlreichen Problemen aufgefallen, beispielsweise durch die Manipulation des Handelsvolumens;
Potenziale fürs Finanzsystem?
Auf der technischen Ebene sind Kryptowährungen trotz aller Euphorie immer noch ein Nischenphänomen, das die Lösung eines Spezialproblems darstellt. Bitcoin und einige andere Kryptowährungen können heute zuverlässig eine beschränkte Anzahl von Transaktionen in einem verteilten Netzwerk abbilden. Damit steht aber die Frage im Raum, ob diese Speziallösung genug Mehrwert schafft, um die enormen Kosten, die sie verursacht, zu rechtfertigen. Hier lautet die Antwort heute eher nein. Die Annahmebereitschaft ist nach wie vor gering, die Probleme sind erheblich, und die negativen Folgen enorm, von Stromverbrauch bis Ransomware und dem Umgang mit Anleger*innen.
Die Euphorie um Kryptowährungen wird vor allem klar, wenn man die Technikdimension der Rolle als Finanzinnovation gegenüberstellt. Was dann deutlich wird ist, dass es nicht die Marktbewertungen sind, die der Technologie folgen. Stattdessen sehen wir, wie die Marktbewegungen explodiert sind und jetzt versucht wird, diese spekulativen Entwicklungen rückwirkend durch ein vermeintliches Technikpotenzial zu rechtfertigen. Kryptowährungen werden heute vor allem von ihrer Existenz als Anlageobjekt im Kontext der Finanzinnovation getragen, daraus sollte aber nicht auf das Technikpotenzial geschlossen werden, dass, wie die Darstellung zeigt, sehr viel beschränkter ist.
Für die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Kryptowährungen ist diese Entwicklung aber durchaus riskant. Durch die Kombination aus horrenden Marktbewertungen und schwacher, aber faszinierender Technik laufen wir Gefahr, unsere Energie darauf zu verschwenden, die Probleme zu suchen, die zu unseren vermeintlichen Lösungen passen. Anstatt sich die Richtung so vorgeben zu lassen, ist es heute wichtiger zu fragen, welche gesellschaftlichen Ziele wir mit unserem Finanzsystem erreichen wollen.