Einleitung
Transnationale Räume entstehen durch die Knüpfung von Netzwerken zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Grenzüberschreitende Kontakte werden damit nicht ausschließlich von staatlichen internationalen Akteuren getragen. Die Sozialwissenschaft geht davon aus, dass die Bedeutung transnationaler Räume wächst.
Diese wachsende Relevanz ist plausibel, betrachtet man sowohl den grenzüberschreitenden Einsatz von Produktionsfaktoren (Kapital, Arbeit) und den Handel in Folge der fortschreitenden internationalen Arbeitsteilung als auch weitere Migrationsformen einschließlich des grenzüberschreitenden Tourismus. Hinzu kommt die rasante Entwicklung von Informationstechnologien, welche die Bedeutung räumlicher Entfernung für die Bildung von Netzwerken immer weiter reduzieren. Für das Ausmaß grenzüberschreitender Netzwerke ist von Bedeutung, wie ausgeprägt die Zivilgesellschaft ist.
Im Falle der Türkei und Deutschlands ist von einem ausgeprägten transnationalen Raum auszugehen: Die Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland, der daran anschließende Familiennachzug, Deutschland als lange Zeit wichtigster Handelspartner der Türkei, die Türkei als beliebtes Reiseziel der Deutschen - all dies deutet auf potenziell umfangreiche und differenzierte deutsch-türkische Netzwerke hin, die sich abseits der internationalen Beziehungen und jenseits politischer Steuerungsversuche entwickelt haben. Der vorliegende Artikel skizziert einige wichtige Netzwerke, die den deutsch-türkischen transnationalen Raum konstituieren und verweist auf deren Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit in der Türkei und in Deutschland.
Zivilgesellschaft in der Türkei
Die Vergemeinschaftung jenseits des Staates - Formen freiwilligen, bürgerschaftlichen Engagements, der Zusammenschluss in Vereinen oder auch in Initiativen und anderen informellen Gruppen sind Bestandteile der Zivilgesellschaft eines Landes. In der klassischen Staatsphilosophie, in der über die unterschiedlichen Organisationsmöglichkeiten des Staates reflektiert wird, kommt die Zivilgesellschaft nicht vor. Insofern ist die Existenz differenzierter zivilgesellschaftlicher Strukturen theoretisch nicht unabdingbare Voraussetzung für Demokratie. Tatsächlich zeigt sich aber ein deutlicher empirischer Zusammenhang zwischen demokratischer Staatsform, gesellschaftlicher Pluralität und funktionierenden zivilgesellschaftlichen Strukturen. Autoritäre Staaten neigen dazu, Vergesellschaftungsprozessen außerhalb der staatlichen Strukturen mit Misstrauen zu begegnen, da der Anspruch besteht, den Prozess der Artikulation politischer Interessen zu kontrollieren und auf ein bestimmtes Ergebnis hin zu lenken. Die Existenz einer Zivilgesellschaft ist eine wichtige Voraussetzung für Demokratie; sie gewährleistet quasi deren Bodenhaftung und verhindert, dass Politik die Angelegenheit einer isolierten politischen Klasse wird. Für die Türkei ist die Frage nach der Zivilgesellschaft sehr bedeutend, da seit der Republikgründung von 1923 staatliche Stellen nichtstaatlichen Organisationen misstrauten - eben weil vermutet wurde, der Verzicht auf Steuerung der Interessenartikulation könnte zu unerwünschten Ergebnissen führen (Separation ethnisch-kultureller Gruppen, zuvorderst der Kurden; Re-Islamisierung der türkischen Gesellschaft).
In den vergangenen Jahren hat ein grundlegender Wandel stattgefunden, der die Türkei demokratischer, pluralistischer, ziviler und freiheitlicher gemacht hat. Zum ersten Mal hat eine demokratisch gewählte Regierung Konflikte mit der Armee durchgestanden. Der von dieser dominierte Nationale Sicherheitsrat, eine Art Überregierung, wurde reformiert und der Einfluss des Militärs eingeschränkt. Mit dem laufenden "Ergenekon"-Prozess kommen zum ersten Mal kriminelle Aktivitäten von Offizieren und ehemaligen Offizieren vor Gericht, die sich bisher im Dunklen des sogenannten "tiefen Staates" abspielten und ungesühnt blieben.
Migration und türkische Organisationen in Deutschland
In Deutschland leben heute etwa 2,6 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Ausgangspunkt ihrer Migration nach Deutschland war das deutsch-türkische Abkommen über die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Jahr 1961. Mit dem Anwerbungsstopp 1973 und der anschließenden rechtlichen Regelung des Familiennachzugs folgten den meist männlichen Arbeitern ihre Frauen und Kinder. Heute leben in etwa so viele türkeistämmige Frauen wie Männer in Deutschland, mehr als jede/r dritte besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit.
In der pluralen deutschen Gesellschaft bildeten die Einwanderer rasch zivilgesellschaftliche Organisationen, wobei die Rahmenbedingungen ambivalent waren: Einerseits ermöglichte die grundsätzliche Assoziationsfreiheit in Deutschland die unkomplizierte Etablierung von Organisationen, andererseits wurde deren Arbeit weder aktiv gefördert noch wies man ihnen eine Rolle im politischen Willensbildungsprozess zu. So ist eine komplementäre Organisationslandschaft der türkeistämmigen Bevölkerung entstanden, die deutsche Angebote ergänzt und speziell in die Lebensbereiche hineinwirkt, die sich der Assimilierung widersetzt haben. So werden zuvorderst die Komplexe Religion und Kulturpflege durch eigenethnische türkische Organisationen in Deutschland abgedeckt.
Allerdings ist nicht ausgemacht, ob die eingangs angesprochene fortschreitende Transnationalisierung auch eine Stärkung der aus Arbeitsmigration nach 1961 hervorgegangenen Selbstorganisationen und ihrer grenzüberschreitenden Kontakte bedeutet. Mit dem Heranwachsen der zweiten und dritten Generation von Migrantinnen und Migranten und fortschreitenden Integrationsprozessen verlieren klassische herkunftslandorientierte Organisationen möglicherweise nicht nur zugunsten deutscher Vergemeinschaftungsalternativen an Attraktivität, sondern auch zugunsten von Migrantenorganisationen, die unterschiedliche Herkünfte umspannen.
Transnationale Identitäten
Mit der sich wandelnden Identität der Migrantinnen und Migranten mit türkischem Hintergrund in Deutschland verändert sich auch der deutsch-türkische transnationale Raum. Die Etablierung solch neuer Identitäten vollzieht sich in der Regel im Zuge intergenerativen Wandels, nicht im Rahmen individueller Biographien.
Den 16- bis 29-jährigen türkeistämmigen Teilnehmern einer deutschlandweiten repräsentativen Befragung gelingt es nur selten, deutsche und türkische Identität so zu vereinen, dass sie sich tatsächlich als "Deutsch-Türken" bezeichnen (7 Prozent). Weitere 25 Prozent weisen mit der Angabe, sie seien halb Deutsche und halb Türken, eine Art "Patchwork-Identität" auf. Im Vergleich zur Gruppe der Türkeistämmigen ab 30 Jahren sind damit unter den jungen Befragten die Identitäten deutlich häufiger, die nicht durch eine Nation bestimmt sind. Allerdings bleibt die allein türkische Identität für immerhin noch 59 Prozent unter ihnen bestimmend. Zu beachten ist hier, dass für die kulturelle Identität nicht nur das Lebensalter, sondern auch die Aufenthaltsdauer bestimmend ist. Auch unter den jungen Türkeistämmigen in Deutschland finden sich viele Heiratsmigranten mit eher geringer Deutschlandbindung.
Transnationale Medien
Für die Türkeistämmigen in Deutschland gehörten muttersprachliche Medienangebote fast von Anfang an zum Alltag. Aus der Türkei importierte Zeitungen werden seit Ende der 1960er Jahre angeboten, 1972 produzierte die größte türkische Zeitung "Hürriyet" erstmals Europa-Seiten, welche die Belange der Migrantinnen und Migranten in den Fokus nehmen. Weitere Zeitungen folgten diesem Beispiel. An Funkmedien standen den Zugewanderten bis Ende der 1980er Jahre nur die seit 1964 von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten produzierten muttersprachlichen Sendungen zur Verfügung. Diese sollten als Brücke in die Heimat fungieren. Ende der 1960er Jahre wurden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erste Formate entwickelt, die auch Integrationsziele verfolgten. Mit der Ausbreitung des Satellitenfernsehens schließlich kam es zu einer weiteren Entgrenzung der medialen Räume.
Studien zur Mediennutzung unter den Türkeistämmigen haben ergeben, dass mit fortschreitender Integration, einschließlich des Erwerbs von Sprache und höherer (formaler) Bildung, auch in der jüngeren Generation keine Abkehr von türkischen Medienangeboten feststellbar ist, sondern türkische und deutsche Medienangebote vielmehr komplementär genutzt werden.
Deutsche in der Türkei
Reformen in der Türkei nach dem Militärputsch von 1980 in Richtung einer Abkehr vom etatistischen Wirtschaftsmodell und einer Öffnung zum Weltmarkt ermöglichten nicht zuletzt ein rasches Wachstum des Tourismussektors. Heute ist der Tourismus in der Türkei eine der wichtigsten Dienstleistungsbranchen. Rund 20 Millionen Touristen besuchen jedes Jahr die Türkei, womit sie zu den zehn weltweit bedeutendsten Reisezielen gehört. Die Deutschen stellen unter diesen mit rund vier Millionen Gästen die größte Gruppe.
Bei der Betrachtung der deutsch-türkischen Beziehungen steht in der Regel die Bundesrepublik als Migrationsziel für Menschen aus der Türkei im Vordergrund. Dabei wird oft übersehen, dass die intensiven bilateralen, wirtschaftlichen, zivilgesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen beider Länder auch dazu geführt haben, dass sich schätzungsweise zwischen 44.000 und 52.000 Deutsche dauerhaft in der Türkei niedergelassen haben. Die Anwesenheit des Großteils der heute in der Türkei lebenden Deutschen steht im Zusammenhang mit zwei deutsch-türkischen Entwicklungen: Zum einen hat das rasante Wachstum des Türkeitourismus das Land in den vergangenen Jahren auch für langfristige Aufenthalte insbesondere für Seniorinnen und Senioren interessant gemacht hat. Zum anderen hat die türkische Migration nach Deutschland mittelbar stark begünstigend auf die deutsch-türkischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gewirkt und zusätzliche deutsche Geschäftsleute in die Türkei gelockt. Weiterhin haben im Rahmen binationaler Ehen deutsche Ehegatten in einigen Fällen die Remigration des Partners in die Türkei mit vollzogen. Aus diesen Gruppen rekrutieren sich die heute dauerhaft in der Türkei lebenden deutschen Residenten. Darüber hinaus lassen sich immer mehr Rentnerinnen und Rentner zeitweilig in der Türkei nieder; schätzungsweise 150.000 Deutsche überwintern jedes Jahr dort.
Die Ausübung der christlichen Religion war für die Deutschen in der Türkei lange schwierig, da der türkische Staat unabhängigen Glaubensgemeinschaften keinen Rechtsstatus zubilligt. Gleichwohl haben sich in Istanbul eine evangelische sowie eine katholische Kirchengemeinde gegründet, deren Einzugsbereich sich auf die gesamte Türkei erstreckt. Sie finanzieren sich weitgehend aus Spenden und Beiträgen. In den Räumen Izmir, Ankara und Antalya/Alanya arbeiten weitere deutsche Pfarrer. Eine Stärkung nichtstaatlicher Religionsgemeinschaften, die sich in der Türkei momentan abzeichnet, wird auch zu einer Verbreiterung des transnationalen Raums Deutschland-Türkei führen, indem dieser dann auch die christlichen Kirchen einbezieht.
Wirtschaftsbeziehungen
Seit 1996 hat sich das bilaterale Handelsvolumen zwischen Deutschland und der Türkei fast verdreifacht und betrug 2007 24,8 Milliarden Euro. Zwischenzeitliche wirtschaftliche Krisen in der Türkei wie 1999 und 2001 konnten den langfristigen Wachstumstrend dabei nur kurzzeitig dämpfen. Zugleich hat die Türkei ihre wirtschaftlichen Beziehungen diversifiziert und Kontakte sowohl nach Europa, aber auch in den Nahen Osten und in die Nachfolgestaaten der Sowjetunion geknüpft. Wirtschaftlich ist die Türkei nicht mehr von Europa und von den Überweisungen der türkeistämmigen Auswanderer in Deutschland und anderen EU-Länder abhängig, wie dies noch in den 1960er und 1970er Jahren der Fall war. Unterdessen haben in Deutschland Türkeistämmige zahlreiche Unternehmen gegründet. Für 2004 wurde ihre Zahl mit 60.500 angeben. Seit dem Beginn der 1990er Jahre hat sich ihre Zahl verdoppelt. Diesem sprunghaften Anstieg der Selbständigenquote steht eine deutlich gesunkene Beschäftigungsquote der Gruppe gegenüber.
Demgegenüber stellt Deutschland aber auch die größte Zahl der ausländischen Firmen, die in der Türkei Direktinvestitionen getätigt haben. Die Zahl deutscher Unternehmen bzw. türkischer Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung ist in den vergangenen Jahren nach Auskunft des Auswärtigen Amtes auf über 3100 gestiegen. Diese Aktivitäten werden dadurch begünstigt, dass die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland als eine Brücke zum türkischen Markt fungiert und deutschen Unternehmen den Zugang erleichtert.
Perspektiven
Der transnationale Raum Deutschland-Türkei ist so facettenreich wie widersprüchlich. Die Frage nach seiner zukünftigen Ausgestaltung und den Auswirkungen auf die deutsch-türkische Lebenswirklichkeit ist entsprechend schwer zu beantworten. Im Kern geht es darum, inwieweit Bedingungen des Nationalstaates das Leben auch zukünftig prägen werden. So wurde auf den expandierenden deutsch-türkischen Wirtschaftsraum hingewiesen, der auch die Push- und Pull-Faktoren von Migration verändert. Umfragen zeigen, dass rund ein Drittel der Türkeistämmigen in Deutschland "Rückkehrabsichten" hegt und ihre Zahl in den vergangenen Jahren sogar leicht gestiegen ist.
Die Bewertung transnationaler Erwerbsbiographien ist ebenfalls ambivalent: Die deutsche Gesellschaft verliert einerseits wichtige Potentiale, wenn junge, qualifizierte Menschen Deutschland verlassen, weil sie sich hier vergleichsweise chancen- und perspektivlos sehen. Zugleich kann dieses Mobilitätspotenzial aber transnationale Kontakte und Wirtschaftsbeziehungen schaffen und vorantreiben.
Die Identitäten türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten in Deutschland sind vermehrt als Patchwork aus Deutschland- und Türkeiorientierung zu begreifen, nur selten aber als wirklich transnationale Identitäten. Anlog dazu ist auch die Entwicklung der deutsch-türkischen zivilgesellschaftlichen Organisationen uneindeutig: Der Erleichterung grenzüberschreitender Kontakte und einem fortdauernden Familiennachzug steht die Akkulturation der zweiten und dritten Migrantengeneration entgegen, mit unklaren Folgen für die zivilgesellschaftlichen deutsch-türkischen Netzwerke.
Identitäre Fremd- und Selbstzuschreibungen und funktionale Bezüge sind oft diskrepant; dabei spielen die Rückkehrillusion und die verspätete Wende in der deutschen Einbürgerungspolitik eine große Rolle.