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Aus Politik und Zeitgeschichte

Gespaltene Bürgergesellschaft? Die ungleichen Folgen des Strukturwandels von Engagement und Partizipation

Hermann Norbert / Strasser Brömme

/ 23 Minuten zu lesen

Traditionelle Solidarorganisationen wie Gewerkschaften, Kirchen und Verbände verzeichnen seit längerem einen Mitgliederschwund. Er betrifft überproportional die unteren, vor allem bildungsfernen Bevölkerungsschichten.

I. Zur Problemstellung

Die soziologische und die öffentliche Debatte über sozialen Zusammenhalt, Gemeinschaftsbindungen und Solidarität in Deutschland hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Wendung erfahren. Noch Mitte der neunziger Jahre wurde im Zusammenhang mit der Individualisierungsthese der Niedergang gemeinschaftlicher Beziehungsformen konstatiert und damit eine Diskussion über den Fortbestand von Solidarität und Gemeinsinn entfacht Zur Auflösung der Fußnote[1] . Die Mutmaßung einer Desintegrationskrise und einer damit verbundenen Erosion von Solidarnetzen wurde bald von einer positiven Einschätzung gesellschaftlicher Bindekräfte abgelöst. Das gilt zumindest für Überlegungen, die Partizipation und Engagement in freiwilligen Vereinigungen als zentrale Integrationsmechanismen und als wesentliche Quellen für das soziale Kapital einer Gesellschaft ansehen Zur Auflösung der Fußnote[2] .

Im Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001 wird in der politischen Öffentlichkeit der unverzichtbare Beitrag der Freiwilligenarbeit für die gesellschaftliche Wohlfahrt beschworen. Von bis zu 22 Millionen Bundesbürgern über 16 Jahre, also von jedem dritten Erwachsenen, ist die Rede, die bei Sportvereinen und Feuerwehren, Kirchen und Gewerkschaften freiwillig mitmachen. Wissenschaftlich kommen neue Formen des Engagements und neue Konfigurationen der Gemeinschaft als funktionale Äquivalente für überkommene Bindungs- und Beteiligungsmuster in den Blick. Ein Strukturwandel des zivilen Engagements scheint sich zu vollziehen. Nicht Rückgang, sondern Verlagerung sozialer und politischer Beteiligung in Vereinigungen, Verbänden und Organisationen steht gegenwärtig zur Debatte; bisweilen wird eine Ausweitung des freiwilligen Engagements verkündet Zur Auflösung der Fußnote[3] .

An diesem Punkt scheint die Debatte über gesellschaftliche Beteiligung und sozialen Zusammenhalt ein vorläufiges Ende gefunden zu haben. Beide Argumentationslinien ignorieren jedoch, dass es sich sowohl beim Niedergang als auch beim Wandel von Engagement und Partizipation um sozialstrukturell ungleich verteilte Entwicklungen handelt. Es erhebt sich sogar die Frage, ob dieser Strukturwandel nicht den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen von Feldern sozialer und politischer Beteiligung zur Folge hat.

Der hier unternommene Versuch einer differenzierten Interpretation des Strukturwandels von Engagement und Partizipation erfolgt in drei Schritten: Nachdem wir auf die Relevanz von Mitgliedschaften in freiwilligen Assoziationen für Individuum und Gesellschaft hingewiesen haben, soll im ersten   Teil   die herkömmliche These des Strukturwandels skizziert werden. Anschließend   folgt   eine differenzierte Analyse der Mitgliedschaften in Vereinen, Verbänden und Initiativen sowie der Entwicklung von Mitgliedschaftsquoten zwischen 1956 und 1998. Zur Illustration greifen wir auf ALLBUS-Daten sowie Angaben ausgewählter Studien zurück Zur Auflösung der Fußnote[4] . Schließlich wagen wir im dritten Abschnitt   eine Erklärung der festgestellten Tendenzen.

Um Argumentation und Beweislage überzeugend darlegen und verknüpfen zu können, müssen wir zwei Einschränkungen machen: Erstens zeigt die Entwicklung der gesellschaftlichen Beteiligung in den neuen Bundesländern spezifische Merkmale, die besonderer Erklärungsansätze bedürfen. Der starke Rückgang von Mitgliedschaften seit 1990, insbesondere bei politischen Organisationen und Gewerkschaften, ist u. a. eine Folge des Wandels bzw. des Verschwindens alter DDR-Organisationen, der Veränderung der wirtschaftlichen Lage und des Ausscheidens vieler Ostdeutscher aus dem Erwerbsleben sowie der Normalisierung hoher gesellschaftlicher Beteiligung nach der Umbruchphase Zur Auflösung der Fußnote[5] . Wir beschränken uns daher im vorliegenden Beitrag auf die Verhältnisse im Westen Deutschlands.

Zweitens zwingen uns die Restriktionen des Datenmaterials, aber auch inhaltliche Überlegungen dazu, uns auf Männer als Mitglieder in Organisationen und Vereinen zu konzentrieren. Wenn wir den Schulabschluss und die berufliche Stellung berücksichtigen wollen, kann der Zeitvergleich von Mitgliedschaftsquoten angesichts des zugänglichen Zahlenmaterials nur für Männer erfolgen Zur Auflösung der Fußnote[6] . Gleichzeitig lassen sich geschlechtsspezifische Beteiligungspräferenzen und Entwicklungstendenzen feststellen, die bei einem Vergleich verschiedener Organisationsformen zu berücksichtigen wären. Frauen sind in Selbsthilfegruppen, soziokulturellen Vereinen, informellen Gruppierungen sowie sozialen und personenbezogenen Organisationen stärker vertreten als Männer, die sich vor allem in traditionellen Vereinigungen und prestigeträchtigen Ehrenämtern engagieren Zur Auflösung der Fußnote[7] . Im Gegensatz zur Ent-wicklung der Mitgliedschaften bei Männern weisen Frauen aber nicht nur bei neuen Organisationsformen höhere Beteiligungsraten auf, sie verzeichnen teilweise sogar Zuwächse bei traditionellen Vereinsformen, wie das etwa bei Sportvereinen der Fall ist Zur Auflösung der Fußnote[8] . Obwohl bei Männern und Frauen nach wie vor unterschiedlich hohe Beteiligungsquoten vorliegen, hat es den Anschein, dass Frauen stark aufholen.

II. Freiwillige Mitgliedschaften als soziales Kapital

Partizipation und Engagement verstehen wir als Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben in Form   von   freiwilligen Mitgliedschaften in intermediären Organisationen. Wir schließen jedoch nicht alle freiwilligen Vereinigungen, die dem gesellschaftlichen Bereich zwischen Staat, Markt und "Gemeinschaft" zuzuordnen sind, in unsere Betrachtung ein. Es werden solche Organisationsformen einbezogen, die einen bestimmten Grad an Formalisierung aufweisen, mittel- und längerfristige Ziele verfolgen, tatsächliche Beteiligung und Interaktion ihrer Mitglieder erlauben sowie nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind Zur Auflösung der Fußnote[9] . Diesen Bedingungen entsprechen sowohl Parteien und Interessenverbände als auch kirchliche Vereine, Wohlfahrtsverbände, Gesangs- und Heimatvereine sowie sonstige Sport-, Hobby- und Geselligkeitsvereine.

Mit dem von Robert Putnam (2000) popularisierten Konzept des "sozialen Kapitals" lässt sich die besondere Bedeutung von Mitgliedschaften in freiwilligen Vereinigungen für Individuum und Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Für den Einzelnen bieten sie Identifikationsmöglichkeiten, soziale Kon-takte und Ressourcen und erleichtern den Zugang zu Gütern sowie Informationen. Gleichzeitig stellen freiwillige Vereinigungen Verbindungen zwischen Individuen her, die über den Familien- und Freundeskreis hinausgehen und nicht nur ökonomischen Motivationen entspringen Zur Auflösung der Fußnote[10] . In der Gesellschaft erfüllen freiwillige Vereinigungen die Funktion von Interessenvertretungen und tragen mittelbar zur Ausbildung von zivilen Fertigkeiten ("civic skills") bei Zur Auflösung der Fußnote[11] . Auf diese Weise fördern sie politische Partizipation und das Interesse am Gemeinwesen und erfüllen Aufgaben der Sozial- und Systemintegration Zur Auflösung der Fußnote[12] . Mitgliedschaften in freiwilligen Vereinigungen sind nicht mit sozialem Kapital im Sinne von gesellschaftlichem Vertrauen ("social trust"), das die Textur einer Gesellschaft ausmacht, gleichzusetzen; sie repräsentieren nur einen Teil dieses Kapitals. Sie sind aber an der Herstellung erwünschter Konsequenzen von sozialem Kapital in entscheidender Weise beteiligt Zur Auflösung der Fußnote[13] . Die Annahme liegt daher nahe, dass Mitgliedschaften in Assoziationen generalisiertes Vertrauen und Kontakte im Gemeinwesen fördern Zur Auflösung der Fußnote[14] .

Über die weit verbreitete Einsicht hinausgehend, dass Mitgliedschaften in Vereinen und Organisationen Bestandteile individueller wie kollektiver Wohlfahrt darstellen, rücken wir den Verteilungsaspekt des Sozialkapitals in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wir gehen davon aus, dass soziales Kapital - wie andere Kapitalsorten - ungleich verteilt ist. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, ob diese Form der Verteilungsungleichheit in den letzten Jahren zu- oder abgenommen hat. Bezogen auf die hier betrachtete Komponente des sozialen Kapitals, wollen wir daher untersuchen, wie und warum eine Diskrepanz von Mitgliedschaftsquoten zwischen sozialen Gruppen entstanden ist. Nicht Rückgang oder Zunahme von sozialer und politischer Beteiligung als konstitutiver Komponente sozialen Kapitals liefert die entscheidende Forschungsfrage, sondern die Verteilung von bzw. der Zugang zu diesen Formen des Kapitals.

III. Strukturwandel von Engagement und Partizipation

Die Diskussion über den Wandel von Engagement und Partizipation und damit über einen möglichen Niedergang oder eine Umverteilung sozialen Kapitals dreht sich im Wesentlichen um zwei Aspekte Zur Auflösung der Fußnote[15] :

- um den Rückgang der Partizipation in "klassischen" Organisationen sozialer und politischer Teilhabe wie in Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und Parteien und

- um die starke Zunahme kleiner, selbstorganisierter und projektorientierter Organisationenformen wie Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen, Tausch- und Kooperationsringe.

Prozesse gesellschaftlicher Modernisierung und Individualisierung werden als die eigentlichen Motoren ausgemacht, die eine Bewegung weg von traditionsgebundenem, normgeleitetem und fremdorganisiertem Engagement sowie dauerhaften Mitgliedschaften hin zu zeitlich befristeten, eigeninteressierten, selbstorganisierten und eher professionalisierten Formen freiwilliger Aktivitäten in Gang gesetzt hätten Zur Auflösung der Fußnote[16] . Im politischen Bereich zeige sich diese Entwicklung in abnehmenden Partei- und Gewerkschaftsmitgliedschaften und in der Zunahme von kleinen, problemorientierten Initiativen und Organisationen; im sozialen und gesundheitlichen Bereich lasse sich schwindendes Engagement in großen Wohlfahrtsverbänden oder in kirchlichen Vereinen zugunsten des Anwachsens von Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftsvereinigungen, Elterninitiativen etc. feststellen, während im Freizeitsektor eine Transformation der Sportvereine von "Gesinnungsge-meinschaften" zu "Dienstleistungsunternehmen" Zur Auflösung der Fußnote[17] gesehen werde.

Auch die vorliegenden ALLBUS-Daten bestätigen die Annahme, dass eine Verlagerung von Mitgliedschaften weg von den etablierten Organisationen stattfindet Zur Auflösung der Fußnote[18] . Tabelle 1 macht in einem Zeitraum von 16 Jahren einen merklichen Rückgang der Mitgliedschaften in diesen traditionellen Vereinigungen deutlich. Die Anzahl der Nicht-Mitglieder (in einer der genannten freiwilligen Vereinigungen) stieg um 14 Prozentpunkte, während die Zahl der Einfach- und Mehrfachmitglieder drastisch sank.

Die Dritte-Sektor-, Vereins- und Selbsthilfeforschung stellt dagegen eine starke Zunahme kleiner, selbstorganisierter Assoziationen fest Zur Auflösung der Fußnote[19] . Insbesondere bei Selbsthilfegruppen Zur Auflösung der Fußnote[20] wird ein deutlicher Mitgliederanstieg dokumentiert Zur Auflösung der Fußnote[21] . Auch die ALLBUS-Daten zeigen von 1980 bis 1998 eine steigende Beteiligung in Bürgerinitiativen, die aber in absoluten Zahlen eher gering ausfällt.

Die neuen Formen der sozialen und politischen Beteiligung haben ein zentrales Charakteristikum gemeinsam: den Anspruch, auch eigeninteressierte Motive der gesellschaftlich Engagierten mit zu berücksichtigen. Normen direkter und nicht nur generalisierter Wechselseitigkeit stehen im Vordergrund des Handelns. Wenn aber soziale Beziehungen in der individualisierten Kommunikationsgesellschaft immer häufiger frei gewählt, aber auch kurzfristiger eingegangen werden, tritt die soziale Welt als ego-zentriertes Netzwerk in den Vordergrund, in dem die Bereitschaft zur Gegenleistung aktiviert wird - auch zum Schutz gegen die wachsenden Risiken oberflächlicher, oft zufälliger Kontakte Zur Auflösung der Fußnote[22] . Angesichts der gewandelten Motivstrukturen nehmen daher Mitgliedschaften zunehmend instrumentellen Charakter an Zur Auflösung der Fußnote[23] . Dabei kann es sich sowohl um das Interesse an beschäftigungsrelevanten Qualifikationen und Kontakten als auch um Selbstfindungsprozesse handeln. Die neuen Assoziationsformen mit konkreten Zielsetzungen und zeitlicher Befristung erlauben ihren Mitgliedern sehr viel mehr als den Mitgliedern traditioneller Organisationen, Eigeninteressen zu verfolgen.

Diese Befunde stimmen auch mit der Individualisierungsthese überein, in der Individualisierung als "historisch widersprüchlicher Prozess der Vergesellschaftung" Zur Auflösung der Fußnote[24] begriffen und u. a. eine Ausweitung zweckrationaler Handlungsmotive postuliert wird. Zugespitzt kann aus dieser Perspektive "En-gagement grundsätzlich als eine Form des Tausches interpretiert (werden), die Solidarität als Resultat der Verfolgung von Eigeninteressen hervorbringt" Zur Auflösung der Fußnote[25] . Solidarität entpuppt sich so "als eine kluge Form der Verfolgung individueller Interessen" Zur Auflösung der Fußnote[26] .

Dass Gemeinsinn und Eigeninteresse sich nicht ausschließen, wird nicht zuletzt bei den Selbsthilfegruppen und selbstorganisierten Initiativen deutlich Zur Auflösung der Fußnote[27] . Die kollektive Bearbeitung individueller Problemlagen oder die Suche nach Übergängen in den ersten Arbeitsmarkt durch Formen des freiwilligen Engagements sind Beispiele für die Verbindung von Eigennutz und Gemeinwohlorientierung. Das freiwillige Engagement jüngerer, arbeitsloser Akademiker, das in Westdeutschland zwischen 1984 und 1994 stark angestiegen war, ist ein treffender Beleg für eigeninteressiertes und solidarisches Handeln Zur Auflösung der Fußnote[28] . Es zeichnen sich im Prozess des Strukturwandels demnach wechselseitige Veränderungen auf der Ebene der Individuen und der Organisationen ab.

Das "Aussterben der Stammkunden" Zur Auflösung der Fußnote[29] von Großorganisationen als Folge gesellschaftlicher Wandlungsprozesse ist demnach nicht mit dem Ableben gesellschaftlicher Beteiligung und dem Niedergang von sozialem Kapital gleichzusetzen. Es bringt vielmehr deren Transformation mit sich, denn gesellschaftliche Beteiligung verlagert sich in kleine und eher informelle Zusammenschlüsse. Im Vergleich zu den Mitgliedschaften in großen Organisationen verbessert dieser Wandel zunächst die Bedingungen für Vertrauen und gegenseitige Aufmerksamkeit, da die Mitglieder in direkte Interaktionen stärker eingebunden sind. Der Strukturwandel von Engagement und Partizipation könnte somit mit einer Steigerung von gesellschaftlich verfügbarem Sozialkapital einhergehen. Damit ist aber nur eine Seite, die Bestandseite der Sozialkapital-Bilanz beleuchtet. Über die Verteilung wissen wir noch nichts.

IV. Sozialstrukturelle Konfigurationen von Mitgliedschaften

Allein die alltägliche Beobachtung, wie unterschiedlich individuelle Bedürfnisse, gesellschaftliche Interessen und kommunikative Fähigkeiten ausgeprägt sind, legt nahe, dass Mitgliedschaften in Vereinen, Verbänden, Parteien und Initiativen nicht über alle sozialen Gruppen gleichmäßig verteilt sind Zur Auflösung der Fußnote[30] . Die Auswertung der ALLBUS-Daten über Mitgliedschaften nach Schulabschluss, beruflicher Stellung und Haushaltsäquivalenzeinkommen bestätigt diese Annahme für alle Erhebungszeitpunkte. Personen mit hohem Sozialstatus verfügen danach eher über Mitgliedschaften als Angehörige anderer Gruppen Zur Auflösung der Fußnote[31] . Auffällig ist vor allem der starke Zusammenhang zwischen Mitgliedschaft und Bildungsabschluss. Unsere Auswertung der ALLBUS-Daten zeigt für alle Erhebungszeitpunkte, dass Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen hinsichtlich ihrer Mitgliedschaftsquote unterrepräsentiert sind Zur Auflösung der Fußnote[32] .

Betrachtet man dagegen unterschiedliche Organisationsformen, kommt man zu einem differenzierten Ergebnis. Werden Mitgliedschaften im DGB, in kirchlichen Vereinen und in Wohlfahrtsverbänden - also traditionsreiche, "vertikal integrierte und hierarchisch strukturierte Organisationen" Zur Auflösung der Fußnote[33] - als Untersuchungseinheiten unterschieden, kehrt sich die Zusammensetzung der Mitglieder nach dem Bildungsgrad teilweise um: Personen mit Fachhochschul- oder Hochschulreife sind als Mitglieder in Gewerkschaften stark unterrepräsentiert.

Das Gegenteil trifft zu für Volks- und Hauptschulabsolventen, die in diesen Organisationen stärker vertreten sind, als man erwarten würde. In kirchlichen Vereinen und Wohlfahrtsverbänden lässt sich wiederum ein Zusammenhang zwischen Mitgliedschaft und Bildungsabschluss kaum feststellen. Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen sind in diesen Organisationen nicht unterrepräsentiert. Diese Struktur der Mitgliedschaften in einzelnen Organisationsformen nach Bildungsabschluss hat sich über den Zeitraum von 1980 bis 1998 im Wesentlichen nicht verändert.

Überraschend ist dieses Ergebnis deswegen nicht, da sich das Engagement in Gewerkschaften, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden aus einer kulturellen Tradition speist und eng mit anderen Lebensbereichen, insbesondere der Erwerbsarbeit, verschränkt ist. Zum einen haben diese Organisationen ihre Wurzeln in "sozialmoralischen Milieus" Zur Auflösung der Fußnote[34] mit vergleichsweise homogener Sozialstruktur. Wie die katholischen und protestantischen Milieus, begann auch das sozialdemokratische Milieu erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, sich aufzulösen. Andererseits sind zumindest die Gewerkschaften eng an die berufliche Tätigkeit als "Transmissionsriemen" für Mitgliedschaften gekoppelt. Milieuspezifische Integration und Interessenorganisation vermischen sich hier als Auslöser für gesellschaftliche Beteiligung.

Neben Strategien der Durchsetzung von Interessen im Erwerbsleben führen tradierte Weltanschauungen und milieugebundene Kontaktnetzwerke zur Teilhabe in "traditionellen" Vereini-gungen. Vor allem die Kultur der Arbeiterbewegung in Form von Bildungs-, Gesangs-, Sport-, aber auch Pfarrvereinen, Genossenschaften und Jugendbewegungen brachte in enger Verflechtung mit familialer und betrieblicher Sozialisation verschiedene Formen der Geselligkeit hervor. Diese durch "Klasseninteressen" und traditionelle Milieus geprägten Assoziationsmuster boten für einen Teil der sozioökonomisch schlechter gestellten Bevölkerungskreise gleichsam "niedrigschwellige" Partizipationschancen Zur Auflösung der Fußnote[35] .

Neuartige Gruppen und Initiativen, deren Zahl zunimmt, weisen eine andere sozialstrukturelle Konfiguration auf. Im Gegensatz zur Verteilung der Mitgliedschaften in "traditionellen" Vereinigungen weisen Personen mit niedrigem Bildungsgrad unterdurchschnittliche Mitgliedschaftsanteile beispielsweise in Bürgerinitiativen auf Zur Auflösung der Fußnote[36] . Diese Einsicht wird durch die gegenwärtige Forschung auch für andere Assoziationsformen bestätigt Zur Auflösung der Fußnote[37] . Die Träger neuer sozialer Bewegungen und Initiativen werden übereinstimmend in den besser gestellten Schichten verortet Zur Auflösung der Fußnote[38] . Eine Studie zu Umweltinitiativen zeigt deutlich ein Übergewicht von Mitgliedern aus höheren Bildungsschichten auf Zur Auflösung der Fußnote[39] . Eine "Demographie der an Selbsthilfe interessierten Bürger in Städten und ländlichen Regionen" Zur Auflösung der Fußnote[40] weist ebenso klar auf die Überrepräsentanz von Personen mit höheren Bildungsabschlüssen hin. Forschungsarbeiten zu Kooperations- und Tauschringen, Nachbarschaftszentren und Initiativen im Sozialbereich betonen durchweg die "Mittelschichtszentriertheit" dieser Organisationsformen Zur Auflösung der Fußnote[41] . Selbstorganisierte, kleinräumige, eher informelle und situative Organisationsformen unterscheiden sich demzufolge sozialstrukturell von freiwilligen Vereinigungen der traditionellen Art. Mit anderen Worten, Personen mit höheren Bildungsabschlüssen prägen als Mitglieder die "neuen" Assoziationsformen.

V. Die ungleiche Mitgliedschaftsentwicklung als Umverteilung von sozialem Kapital

Welche Bedeutung hat der Befund unterschiedlicher sozialstruktureller Konfigurationen von freiwilligen Vereinigungen? Seine Brisanz tritt durch eine Verbindung mit dem Mitgliederrückgang in traditionellen Organisationen bei gleichzeitiger Ausweitung des Engagements in neuen Assoziationen zu Tage. Es lässt sich daher folgende These

formulieren: Wenn traditionelle Organisationen massive Mitgliederverluste verzeichnen, während neue Assoziationsformen "boomen", müsste sich aufgrund der unterschiedlichen sozialstrukturellen Zusammensetzung dieser Organisationen auch eine ungleiche Mitgliedschaftsentwicklung abzeichnen.

Ein Rückgang von Mitgliedschaften bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hätte sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene unerwünschte Nebeneffekte. Auf der einen Seite gingen damit Möglichkeiten des Zugangs zu Organisationsressourcen und den damit verbundenen Kontaktnetzwerken verloren. Auf der anderen Seite könnte ein soziales Segment entstehen, das von konventionellen Formen der Partizipation weitgehend ausgeschlossen wäre.

Ein Blick auf die vorliegenden Daten zur Entwicklung der Beteiligung in Vereinen und Verbänden, die in den Tabellen 2 und 3 zusammengefasst sind, bestätigt die These von der ungleichen Mitgliedschaftsentwicklung Zur Auflösung der Fußnote[42] .

Männer mit Volks- und Hauptschulabschluss bzw. Arbeiter verzeichnen von 1956 bis 1998 den größten Rückgang in der Mitgliedschaftsquote. Waren nach der Erhebung des UNESCO-Instituts für Sozialwissenschaften in Köln 1956 noch 72 Prozent der Volks- und Hauptschüler Mitglieder "irgendwelcher Vereine" Zur Auflösung der Fußnote[43] , sind dies 1998 nur noch 58 Prozent. Auch bei den Arbeitern nimmt der Anteil der Vereins- oder Verbandsmitglieder um 20 Prozentpunkte ab, während es bei den Angestellten nur vier Prozentpunkte sind. Damit ist nicht nur der Rückgang der Mitgliedschaften für unterschiedliche Bildungs- und Berufsgruppen ungleich ausgeprägt, auch die Diskrepanz in der gesellschaftlichen Beteiligung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen hat zugenommen Zur Auflösung der Fußnote[44] .

Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich eine zunehmende Ungleichverteilung von sozialem Kapital zwischen verschiedenen sozialen Gruppen. Geht man davon aus, dass nicht nur die Höhe von sozialem Kapital in einer Gesellschaft Einfluss auf den sozialen Zusammenhalt hat, sondern auch dessen Verteilung, dann gibt der vorliegende Befund Anlass zu Besorgnis. Aufgrund der Abnahme des Anteils von Hauptschulabsolventen und Arbeitern an der Gesamtbevölkerung hat es zunächst den Anschein, als ob die Höhe gesellschaftlicher Beteiligung stabil bliebe. Dennoch lassen sich zwischen den einzelnen Gruppen zunehmende Ungleichheiten feststellen. Das sagt zum einen etwas über die Integrationsfähigkeit neu entstehender Organisationsformen aus und macht zum anderen auf die Determinanten für Mitgliedschaften unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen aufmerksam. In jedem Falle setzen Investitionen in soziales Kapital bereits verfügbare Ressourcen - z. B. in Form von Bildungsqualifikationen und Kontaktnetzwerken - voraus, wie auch umgekehrt die meisten Studien belegen, dass soziales Kapital die Erträge des kulturellen Kapitals erhöht Zur Auflösung der Fußnote[45] .

VI. Wandel der Rekrutierungspfade und Verlust der "integrierten Kernpopulation"

Für diese Ergebnisse bieten sich zwei Erklärungen an: erstens das Verschwinden traditioneller Rekrutierungspfade und Kontaktnetzwerke und/oder zweitens die größere Selektivität der unteren Bildungsgruppe.

Erstens: Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse - im Wesentlichen ausgelöst durch vermehrten Wohlstand und die Bildungsexpansion sowie die damit verbundene soziale und räumliche Mobilität - haben zur Transformation traditioneller Sozialmilieus geführt Zur Auflösung der Fußnote[46] . Das hat eine "Austrocknung der vororganisatorischen Quellen formaler Organisierung" Zur Auflösung der Fußnote[47] zur Folge, bewirkt aber auch, dass neue Assoziationsformen aufkommen, die den gewandelten Motivlagen, Ansprüchen und Fähigkeiten sowie den zeitlichen und materiellen Möglichkeiten besser entsprechen.

Das Wegbrechen überkommener, an sozialdemokratische oder konfessionelle Milieus gebundener Rekrutierungswege in intermediären Organisationen wird durch neue Integrationsmechanismen nur teilweise aufgefangen. Da sich die mit hohen Bildungsabschlüssen einhergehenden Qualifikationen und Qualitäten als wichtiges Zugangskriterium zu neuen Gruppen und Initiativen erweisen, werden Personen ohne solche Vorzüge kaum Zugang zu diesen Assoziationsformen finden. Die Beteiligung in Selbsthilfegruppen, neuen sozialen Bewegungen und ähnlichen Initiativen stellt daher nicht immer einen Ersatz für schwindende traditionelle Organisationsmuster dar.

Dass neue Assoziationsformen steigende Anforderungen an ihre Mitglieder stellen, liegt an deren besonderen Organisationsprinzipien. Selbsthilfegruppen und neue Initiativen sind an der Erreichung persönlicher Anliegen orientiert, selbstorganisiert oder stärker auf professionalisiertes Engagement ausgerichtet. Nicht die Zugehörigkeit zu einem besonderen moralischen Milieu, sondern kommunikative Kompetenzen, Organisationsgeschick, Verhandlungsqualifikationen und die Fähigkeit, seine eigenen Interessen aktiv einzubringen und damit die persönliche Weiterentwicklung zu verbinden, sind wichtige Bestimmungsgründe für diese Art von Engagement. Die Tendenz vom Helfer zum freiwilligen Experten scheint immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Engagements zu erfassen Zur Auflösung der Fußnote[48] . Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen verfügen aber im gleichen Ausmaß über diese Qualifikationen. Bildung und berufliche Tätigkeit sind von zentraler Bedeutung für den Erwerb dieser Fähigkeiten, ebenso wie eine Anerkennungskultur von Preisen und Auszeichnungen, Einladungen und Würdigungen den "freiwilligen" Einsatz dieser Fähigkeiten befördert.

Es ist daher kaum überraschend, dass die soziale Homogenität freiwilliger Assoziationen eng mit der Rekrutierung über Kontaktnetzwerke zusammenhängt. Meist werden Personen durch den direkten Kontakt aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zur Mitgliedschaft in einem Verein, Club oder einer Initiative bewogen. Da Selbsthilfegruppen und neue Initiativen in erster Linie in Mittelschichten verankert sind, führt bereits dieser Rekrutierungsmechanismus zur Reproduktion der Mitgliederbasis und damit zum Ausschluss anderer sozialer Gruppen Zur Auflösung der Fußnote[49] .

Für die Annahme des weitgehend ersatzlosen Verlusts von sozialem Kapital, das über Mitgliedschaften in traditionellen Assoziationen zugänglich war, spricht auch der konstatierte Trend zur Informalisierung bzw. "Privatisierung" sozialer Beteiligung Zur Auflösung der Fußnote[50] . Die Verlagerung der Aktivitäten hin zu informellen Beziehungsnetzen im sozialen Nahraum und damit eine Distanzierung zu Mitgliedschaften in formalen Organisationen zeigt sich in der Tat vor allem bei Arbeitern Zur Auflösung der Fußnote[51] . Soziale Bindungen nehmen durch diese Verlagerung zwar nicht ab, aber soziales Kapital geht verloren - auf individueller Ebene ebenso wie auf kollektiver. Nicht weniger problematisch ist der Befund einer jüngsten Studie des Hamburger BAT-Freizeit-Forschungsinstituts einzuschätzen, nach der sich innerhalb des letzten Jahrzehnts ein Wertewandel weg von sozialen Zielen vollzogen hat: Das Zusammensein mit anderen sei zweitrangig geworden, vor allem Jüngeren mache es keinen Spaß, sich gegenseitig zu helfen. Die Spaßgesellschaft scheint ihre Kinder zu fressen Zur Auflösung der Fußnote[52] .

Zweitens: Weiterhin kann die veränderte soziale Zusammensetzung der niedrig qualifizierten Bevölkerungsgruppe als wichtiger Hinweis zur Erklärung des ungleich verteilten Mitgliederschwunds gelten. Mit der Abnahme des Anteils der Hauptschulabsolventen an allen Schulabgängern von 70,6 Prozent im Jahr 1960 auf 26,5 Prozent im Jahr 1998 hat auch die soziale Homogenität dieser Bildungsgruppe zugenommen Zur Auflösung der Fußnote[53] : Die Hauptschulabsolventen kommen einer negativen Auswahl gleich, werden zu einer "wesentlich selektiveren Population" Zur Auflösung der Fußnote[54] .

Der ungleich verteilte Rückgang der Mitgliedschaftsquoten könnte daher damit erklärt werden, dass insbesondere Personen, die aus vergleichsweise gut integrierten Teilen der niedrig qualifizierten Bevölkerungsgruppe stammen, ihre Bildungschancen genutzt haben. Die Gruppe der Hauptschulabsolventen hätte demnach im Laufe der Zeit ihre "integrierte Kernpopulation" verloren. Die Übriggebliebenen müssen nicht nur als Verlierer der Bildungsexpansion gelten, sie sind auch von der Beteiligung in freiwilligen Vereinigungen weitgehend abgekoppelt.

VII. Schlussbemerkung

Solange traditionelle Milieus in der Lage waren, Bindungen zu intermediären Organisationen vergleichsweise leicht herzustellen, hatte zumindest ein Teil der ressourcenschwachen Bevölkerungsgruppen gute Chancen, diese Form des sozialen Kapitals zu erwerben, auch wenn nicht alle Personen davon Gebrauch machen konnten. Das Fehlen dieser "vororganisatorischen Integrationsmechanismen" kommt der Schließung eines Beteiligungspfades gleich, der bisher - alternativ zum Einstieg in freiwillige Assoziationen via ökonomisches und kulturelles Kapital - Mitgliedschaften ermöglicht hat. Neue Formen des sozialen Kapitals, die Selbsthilfegruppen und modernen Initiativen entspringen, erweisen sich so als exklusiv.

Die veränderten Produktionsbedingungen von sozialem Kapital haben nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Auswirkungen. Sollte sich langfristig ein Rückzug wenig privilegierter Bevölkerungsgruppen aus der gesellschaftlichen Beteiligung abzeichnen bzw. sollten die neuen Formen des gesellschaftlichen Engagements ihre Homogenität bewahren, dann wären bislang wirksame Formen der sozialen und politischen Integration gefährdet. Dann wäre auch die Rede von einer gespaltenen Bürgergesellschaft nicht mehr fern. Ganz abgesehen davon, dass für die betroffenen Personen eine wichtige soziale Ressource verloren ginge.

Politik, die sich für ein Erstarken der Zivilgesellschaft einsetzt, muss daher ihre Aufmerksamkeit stärker auf Formen des sozialen Kapitals lenken, die möglichst vielen Teilen der Bevölkerung zugänglich sind. Aber auch traditionelle Organisationen wie die Gewerkschaften müssen sich zu Service-Agenturen wandeln und ihren Mitgliedern bei der Bewältigung des wirtschaftlichen Strukturwandels durch Kontakte, Kurse und Kultur helfen, wollen sie nicht weiter Mitglieder verlieren. Freilich ist es mit attraktiveren Organisationen, Ehrenämtern auf Zeit und den vermehrten Möglichkeiten durch Arbeitszeitkonten und Gleitzeit allein nicht getan, wenn der Zugang zu sozialkapitalträchtigen Mitgliedschaften nur bestimmten Kreisen offen steht.  

Internetverweise der Autoren:

Stichwort "Freiwilligen-Engagement":  

www.buerger-fuer-buerger.de (Stiftung Bürger für Bürger - Service für freiwilliges Engagment)

www.isab-institut.de/home/fh-pe010.htm (Bürgerbefragung zum freiwilligen Engagement in 4 Kommunen)

www.bagso.de/718/02_4_01.htm (BAGSO Nachrichten Online, Sonderauswertung der repräsentativen Befragung zum freiwilligen Engagement in Deutschland 1999)

Bürgergesellschaft/Zivilgesellschaft:

www.arbeit-buerger-zukunft.de (Veranstaltungsliste mit Erklärungen, mit Titeln wie "Arme werdet ihr immer haben!, Neue Wege der Sozialpolitik einer Bürgergesellschaft")

www.demo-online.de/1299/b1299_11.htm (NRW auf dem Weg zur Bürgergesellschaft, Monatszeitschrift für Kommunalpolitk)

Fussnoten