18. Januar 1945: Todesmarsch aus Auschwitz | Hintergrund aktuell | bpb.de

18. Januar 1945: Todesmarsch aus Auschwitz

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Am 18. Januar 1945 wurden die Häftlinge aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz auf sogenannte Todesmärsche Richtung Westen geschickt. Der Grund: Die Alliierten rückten näher.

Beim sogenannten Marsch der Lebenden erinnern jährlich Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt an der Gedenkstätte des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an die Opfer des Holocaust.
Beim sogenannten "Marsch der Lebenden" erinnern jährlich Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt an der Gedenkstätte des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an die Opfer des Holocaust. (© picture-alliance, NurPhoto)

"Das Lager wird geräumt!" Am 18. Januar 1945 weckten Lautsprecherbefehle die Häftlinge im Interner Link: Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz

. "Wir mussten uns mit unseren Decken und Habseligkeiten vor der Baracke in Reih und Glied aufstellen", erinnert sich der Überlebende Thomas Buergenthal. "Als Nächstes wurde uns befohlen, durch das Haupttor von Birkenau zu marschieren."

Auf der Straße vor dem Tor standen bereits Tausende Häftlinge in Reihen, immer acht bis zehn nebeneinander. "Es war eiskalt, und ein schneidender Wind fuhr durch unsere dünnen Kleider." Dann sei der Abmarschbefehl gekommen, so Buergenthal. "Der Todestransport von Auschwitz hatte begonnen."

Wehrmacht auf dem Rückzug

Zu diesem Zeitpunkt standen die ersten Panzer der Roten Armee kurz vor Krakau, 60 Kilometer östlich des Lagers. Seit der deutschen Interner Link: Niederlage bei Stalingrad

im Januar 1943 verschob sich die Ostfront immer weiter in Richtung des Deutschen Reiches. Bereits im Juni 1944 hatte SS-Chef Heinrich Himmler befohlen, dass beim Herannahen feindlicher Truppen die Konzentrationslager entweder verteidigt oder aufgelöst werden sollten. Himmler änderte seine Anweisungen bis Kriegsende mehrfach: Mal sollten die KZ-Häftlinge aus taktischen Gründen verschont bleiben, um in einer besseren Verhandlungsposition gegenüber den Alliierten zu sein. Dann wieder wollte er sie wegen vermeintlicher Bedrohung der Zivilbevölkerung töten lassen.

Verlegung in andere Lager

Erste Häftlingstransporte von Auschwitz und seinen Nebenlagern in Richtung Westen begannen schon im Sommer 1944, um den Bedarf der deutschen Rüstungsindustrie an Arbeitskräften zu decken. Insgesamt wurden bis Mitte Januar 1945 rund 65.000 Häftlinge zu diesem Zweck in andere Lager oder Standorte im Deutschen Reich gebracht.

Die stufenweise Räumung von Auschwitz wurde ab Juli 1944 vorbereitet, als die sowjetischen Truppen als erstes Konzentrations- und Vernichtungslager das Lager Interner Link: Majdanek

erreichten. Dennoch gab es noch im Sommer und Herbst 1944 jüdische Massentransporte nach Auschwitz. Trotz der Verlegungen und Abtransporte befanden sich so am 17. Januar 1945 in den drei Hauptlagern noch insgesamt etwa 42.000 Männer und Frauen, in den Außenlagern knapp 25.000. All diese Menschen sollten innerhalb weniger Tage in andere Lager im Reichsinnern verlegt werden, nachdem die Rote Armee am 12. Januar ihre Winteroffensive an der Weichsel gestartet hatte.

SS erschießt Erschöpfte

Die eingleisige Bahnverbindung von und nach Auschwitz reichte für einen solchen Massentransport nicht aus. 56.000 bis 58.000 marschfähige Häftlinge wurden in Gruppen zu je 1.000 bis 2.500 Menschen aufgeteilt und zu Fuß losgeschickt. Vorläufiges Ziel waren die rund 50 beziehungsweise 60 Kilometer westlich gelegenen Eisenbahnknotenpunkte Gleiwitz und Loslau.

Bewacht wurden die Kolonnen von SS-Leuten, die die frierenden, hungernden und erschöpften Häftlinge pausenlos antrieben. "Wer nicht weitergehen konnte und sich entweder am Straßenrand hingesetzt hatte oder zusammenbrach, war von den SS-Wachen erschossen worden", sagt der Überlebende Thomas Buergenthal. Die Häftlinge nannten die Transporte deshalb "Todesmarsch".

Zwischen dem 19. und dem 23. Januar 1945 erreichten die überlebenden Häftlinge Gleiwitz und Loslau. Einige von ihnen mussten von dort noch 200 Kilometer weiter ins KZ Groß-Rosen marschieren. Die Mehrzahl wurde bei Minustemperaturen in offene Eisenbahnwaggons gepfercht und zu Konzentrationslagern im Westen transportiert, etwa nach Buchenwald, Dachau, Mittelbau-Dora oder Mauthausen. Nach Schätzungen starben bei diesen Räumungstransporten von Auschwitz insgesamt zwischen 9.000 und 15.000 Häftlinge.

Beweise werden vernichtet

In der Zwischenzeit verwischte die SS die Spuren des industriellen Massenmordes in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Sie vernichtete Dokumente und brannte Gebäude ab, in denen unter anderem die Habseligkeiten der Deportierten lagerten. Das erste von vier Krematorien in Birkenau wurde im Herbst 1944 demontiert, das letzte in der Nacht zum 26. Januar 1945 gesprengt. Einen Tag später, am 27. Januar 1945, erreichte die Rote Armee Auschwitz und befreite schätzungsweise 7.500 Häftlinge. Den Plan, sie zu töten und ihre Leichen zu beseitigen, hatte die SS nicht mehr umsetzen können.

Todesmärsche durch Ortschaften

Der Todesmarsch aus Auschwitz blieb nicht der einzige. Da die Fronten im Osten und im Westen immer näher heranrückten und Interner Link: Nazi-Deutschland

weiter Territorium verlor, wurden bald auch im Reichsinneren KZ-Häftlinge in die Ungewissheit geschickt. Vom KZ Sachsenhausen gingen sie in Richtung Wittstock, aus dem KZ Flossenbürg in Richtung Dachau, von dort später weiter nach Österreich. Da die Marschrouten jedoch teilweise versperrt waren, irrten die Häftlinge unter Bewachung der SS oft wochenlang ohne ausreichende Verpflegung umher. Im immer enger werdenden Korridor zwischen der Ostsee und den Alpen schleppten sich die Kolonnen über Straßen und durch Ortschaften – sichtbar für die Bevölkerung. Tausende Leichen lagen entlang der Routen.

Die Konfrontation mit den Todesmärschen nahmen die Einheimischen als Zumutung wahr und reagierten weitgehend passiv auf das Leiden vor ihren Augen. Teilweise wurden die Wachmannschaften jedoch auch aktiv unterstützt – beim Weitertransport der Häftlinge, bei deren Ermordung und beim Verscharren der Leichen. Neben Funktionsträgern wie Polizisten, lokalen NSDAP-Funktionären oder Mitgliedern von "Volkssturm" und "Hitler-Jugend" beteiligten sich auch sogenannte Normalbürger. Die Akteure kamen aus allen Schichten und Altersgruppen. Versuche der Hilfeleistung für die KZ-Häftlinge blieben die Ausnahme. Akteure und Situationen ähnelten sich dabei im gesamten Reichsgebiet, ohne dass es eine zentrale Steuerung oder eine funktionierende Kommunikationsstruktur gegeben habe. Die Räumung der Konzentrations- und Vernichtungslager sei so "zum letzten nationalsozialistischen Gesellschaftsverbrechen" geworden, sagt der Historiker Martin Clemens Winter.

Jagd auf Häftlinge und Verbrennungstod

Auch große Massaker wurden begangen: Beim ostpreußischen Dorf Palmnicken trieben SS-Männer, Angehörige des "Volkssturms", "Hitlerjungen" und örtliche NS-Funktionäre am 31. Januar 1945 rund 3.000 jüdische Frauen aus dem KZ Stutthof an den Strand. Dort wurden sie in die eisige Ostsee getrieben, erschossen oder erschlagen.

In Gardelegen in Sachsen-Anhalt pferchten SS-Männer zusammen mit Angehörigen von Wehrmacht, Reichsarbeitsdienst und "Volkssturm" mehr als 1.000 KZ-Häftlinge in eine Scheune, die am 13. April 1945 angezündet wurde. Fast alle starben. Mitglieder des "Volksturms", der Feuerwehr und der "Technischen Nothilfe" begannen die Spuren zu beseitigen – bis US-Soldaten eintrafen und die Leichen fanden.

Insgesamt starben auf Todesmärschen Schätzungen zufolge etwa 200.000 bis 350.000 der über 700.000 Menschen, die im letzten Kriegsjahr noch in Konzentrationslagern inhaftiert waren.

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