"Das Lager wird geräumt!" Am 18. Januar 1945 weckten Lautsprecherbefehle die Häftlinge im Interner Link: Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. "Wir mussten uns mit unseren Decken und Habseligkeiten vor der Baracke in Reih und Glied aufstellen", erinnert sich der Überlebende Thomas Buergenthal. "Als Nächstes wurde uns befohlen, durch das Haupttor von Birkenau zu marschieren."
Auf der Straße vor dem Tor standen bereits Tausende Häftlinge in Reihen, immer acht bis zehn nebeneinander. "Es war eiskalt, und ein schneidender Wind fuhr durch unsere dünnen Kleider." Dann sei der Abmarschbefehl gekommen, so Buergenthal. "Der Todestransport von Auschwitz hatte begonnen."
Wehrmacht auf dem Rückzug
Zu diesem Zeitpunkt standen die ersten Panzer der Roten Armee kurz vor Krakau, 60 Kilometer östlich des Lagers. Seit der deutschen Interner Link: Niederlage bei Stalingrad im Januar 1943 verschob sich die Ostfront immer weiter in Richtung des Deutschen Reiches. Bereits im Juni 1944 hatte SS-Chef Heinrich Himmler befohlen, dass beim Herannahen feindlicher Truppen die Konzentrationslager entweder verteidigt oder aufgelöst werden sollten. Himmler änderte seine Anweisungen bis Kriegsende mehrfach: Mal sollten die KZ-Häftlinge aus taktischen Gründen verschont bleiben, um in einer besseren Verhandlungsposition gegenüber den Alliierten zu sein. Dann wieder wollte er sie wegen vermeintlicher Bedrohung der Zivilbevölkerung töten lassen.
Verlegung in andere Lager
Erste Häftlingstransporte von Auschwitz und seinen Nebenlagern in Richtung Westen begannen schon im Sommer 1944, um den Bedarf der deutschen Rüstungsindustrie an Arbeitskräften zu decken. Insgesamt wurden bis Mitte Januar 1945 rund 65.000 Häftlinge zu diesem Zweck in andere Lager oder Standorte im Deutschen Reich gebracht.
Die stufenweise Räumung von Auschwitz wurde ab Juli 1944 vorbereitet, als die sowjetischen Truppen als erstes Konzentrations- und Vernichtungslager das Lager Interner Link: Majdanek erreichten. Dennoch gab es noch im Sommer und Herbst 1944 jüdische Massentransporte nach Auschwitz. Trotz der Verlegungen und Abtransporte befanden sich so am 17. Januar 1945 in den drei Hauptlagern noch insgesamt etwa 42.000 Männer und Frauen, in den Außenlagern knapp 25.000. All diese Menschen sollten innerhalb weniger Tage in andere Lager im Reichsinnern verlegt werden, nachdem die Rote Armee am 12. Januar ihre Winteroffensive an der Weichsel gestartet hatte.
SS erschießt Erschöpfte
Die eingleisige Bahnverbindung von und nach Auschwitz reichte für einen solchen Massentransport nicht aus. 56.000 bis 58.000 marschfähige Häftlinge wurden in Gruppen zu je 1.000 bis 2.500 Menschen aufgeteilt und zu Fuß losgeschickt. Vorläufiges Ziel waren die rund 50 beziehungsweise 60 Kilometer westlich gelegenen Eisenbahnknotenpunkte Gleiwitz und Loslau.
Bewacht wurden die Kolonnen von SS-Leuten, die die frierenden, hungernden und erschöpften Häftlinge pausenlos antrieben. "Wer nicht weitergehen konnte und sich entweder am Straßenrand hingesetzt hatte oder zusammenbrach, war von den SS-Wachen erschossen worden", sagt der Überlebende Thomas Buergenthal. Die Häftlinge nannten die Transporte deshalb "Todesmarsch".
Zwischen dem 19. und dem 23. Januar 1945 erreichten die überlebenden Häftlinge Gleiwitz und Loslau. Einige von ihnen mussten von dort noch 200 Kilometer weiter ins KZ Groß-Rosen marschieren. Die Mehrzahl wurde bei Minustemperaturen in offene Eisenbahnwaggons gepfercht und zu Konzentrationslagern im Westen transportiert, etwa nach Buchenwald, Dachau, Mittelbau-Dora oder Mauthausen. Nach Schätzungen starben bei diesen Räumungstransporten von Auschwitz insgesamt zwischen 9.000 und 15.000 Häftlinge.