"Der Islam wird Europa erobern, ohne Schwert und ohne Kampf." Bemerkenswert deutlich ließ der wohl einflussreichste zeitgenössische Denker und Agitator der weltweiten Muslimbruderschaft (MB) Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926) im katarischen Fernsehen verlauten, was das Ziel seiner Bewegung auch für Europa ist. Diese Form der friedlichen Eroberung durch Mission und gezielte Einflussnahme habe ihre Begründung im Islam und werde von Erfolg gekrönt sein. Europa, so der Scheich weiter, sei in einem miserablen Zustand aus Unmoral, Materialismus und Promiskuität und müsse vom Islam aus diesem Elend befreit werden. "Europa wird keinen Lebensretter, kein Rettungsboot außer dem Islam finden." Zur Auflösung der Fußnote[1]
Der islamistische Prediger Yusuf al-Qaradawi beim Freitagsgebet auf dem Tahrir-Platz in Kairo am 18.02.2011. (© picture-alliance/AP)
Ziel der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft ist ein durch und durch islamisches Gemeinwesen, dessen Oberhaupt sich einzig durch die umfassende und ausschließliche Anwendung der Scharia legitimiert. Diese vermeintliche Ordnung Gottes gilt als alternativlos, sie ist weder wählbar noch abwählbar – eine Haltung, die die MB als zutiefst undemokratisch und Vertreterin eines politischen Islam entlarvt, der mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten nicht vereinbar ist.
Die Scharia ist ein Normen- und Regelsystem für alle Lebensbereiche der Muslime. Sie regelt sowohl die rituellen Pflichten des Menschen gegenüber Gott (z. B. Beten und Fasten) als auch das zwischenmenschliche Zusammenleben, insbesondere das Ehe- und Familienrecht, aber auch das Wirtschaftsleben und das Strafrecht mit Körper- und Todesstrafen. Größtenteils betrifft dies Vergehen, die aus deutscher Sicht nicht strafwürdig sind, wie Ehebruch, Abfall vom Islam oder Alkoholkonsum.
Nach den Maßgaben der freiheitlich demokratischen Grundordnung verletzt die umfassende Anwendung der Scharia eklatant die Menschenwürde, die Rechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Leben und körperliche Unversehrtheit, Religionsfreiheit und die Freiheit von Meinung und Presse. Auch dem Gleichheitsgrundsatz steht sie diametral gegenüber, denn sie unterscheidet zwischen den Rechten von Muslimen und Nichtmuslimen und von Männern und Frauen.
Um ihre Ziele zu erreichen, setzt die MB vor allem auf eine langsame Durchdringung der Gesellschaft durch eine entsprechend geschulte muslimische Elite, die als Multiplikator fungiert. Die Basis der Mitglieder ist in Zellen von jeweils mehreren Personen organisiert. Die Durchdringung soll vom Individuum über die Familie, die Gesellschaft und den Staat bis zur weltweiten Vorherrschaft des Islams führen, wobei man vorrangig auf Infiltration in allen maßgeblichen Segmenten der Gesellschaft sowie auf Bildungs- und Erziehungsarbeit hin zu einer ‚islamischen Persönlichkeit‘ setzt. Nachdem der Gründer Gewalt anfänglich ablehnte, wurde der bewaffnete Kampf im Laufe der weiteren Entwicklung dort zu einer Option, wo er erfolgversprechend oder alternativlos erscheint. So wurden unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel 1948 bewaffnete Kämpfer in die Region entsandt, und bis heute werden das militante Vorgehen der Hamas wie auch Selbstmordattentate in der Region legitimiert. Viele Aktivisten im Jihad sind durch die ideologische Schule der MB und insbesondere ihres Chefideologen Sayyid Qutb (1906-1966) gegangen und haben sich hierdurch inspirieren lassen. Mehrheitlich wird heute allerdings auf die von Qaradawi eingangs auch für Europa postulierte friedliche Eroberung gesetzt, die in diesem Kontext zielführender erscheint. Die sukzessive Ausbreitung des Islams kann eben auf friedliche wie auch auf gewaltsame Art und Weise erreicht werden; was zählt ist das Ziel, die Wahl der Mittel ist diesem unterzuordnen und anzupassen.
Nach der Mitte des 20. Jahrhunderts trieben die zunehmenden Repressionen gegen die politisch immer ambitionierter werdende Bewegung in Ägypten und Syrien die führenden Köpfe ins Exil und die MB in Deutschland nahm ihren Anfang. Yusuf al-Qaradawi begab sich 1961 nach Katar. Dort erstellt er bis ins hohe Alter mit beispielloser Medienpräsenz und Produktivität Rechtsgutachten und religiöse Leitfäden und verbreitet somit Strukturen und Gedankengut der Bewegung unbehelligt weiter. 1960 erscheint die Erstauflage seines Werkes ‚Erlaubtes und Verbotenes‘ im Islam, das sich insbesondere an die Muslime in westlichen Gesellschaften richtet, um sie vor der Übernahme unislamischer Lebensweisen zu bewahren.
Der ägyptische MB-Aktivist Said Ramadan (1926-1995), ein Schwiegersohn des Gründers Hasan al-Banna, sowie der seinerzeit führende Kopf der syrischen MB Issam al-Attar (geb. 1927) ließen sich in Deutschland nieder, wo sie unbehelligt von politischer Verfolgung arbeiten konnten. Etwa zeitgleich mit der Fertigstellung des Islamischen Zentrums München wurde 1958 mit der Moscheebaukommission in München die Vorläuferin der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) gegründet, die sich Ende 2018 in Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) umbenannte. Mit 340 Mitgliedern und deutlich mehr Anhängern gilt sie als die wichtigste und zentrale MB-nahe Organisation in Deutschland. Die Leitung übernahm für die ersten 10 Jahre bis 1968 Said Ramadan selbst, doch auch darüber hinaus sollte die IGD fest in der Hand der Muslimbruderschaft bleiben. Von 1984 bis 1987 war Muhammad Mahdi Akif (1928-2017) leitender Imam am IZ München, ein einflussreicher Funktionär der Bewegung, der 2004 bis 2010 gar der siebte oberste Führer der weltweiten MB war. Neben dem bekannten Eintreten für eine sukzessive Einführung der Scharia machte Akif besonders durch seine Leugnung des Holocaust von sich reden und gab dem bekannten Antisemitismus der Bruderschaft eine neue Dimension. Zur Auflösung der Fußnote[2] "Die Muslimbruderschaft hat ein großes islamisches Zentrum in München", Zur Auflösung der Fußnote[3] so Akif über seine Moschee und die damalige Zentrale der IGD, die heute jede Verbindung zur MB in Geschichte und Gegenwart bestreitet. Das Islamische Zentrum München ist auch nach der sukzessiven Verlegung des Hauptsitzes der IGD nach Köln Anfang der 2000er Jahre der Bewegung weiter verbunden. Nach außen gibt es sich so neutral wie nur möglich, hat es aber im Unterschied zu anderen Verbänden versäumt, seine Position zur Stellung der Frau im Islam von der Website zu löschen. Zur Auflösung der Fußnote[4]
Etwa 50 Islamische Zentren kooperieren heute nach eigenen Angaben eng mit der Zentrale der DMG (IGD), zahlreiche weitere Moscheen und Gebetshäuser kommen hinzu. Insgesamt dürfte die Reichweite bei mehreren 10.000 Menschen muslimischen Glaubens liegen, die über Predigten, religiöse Angebote, Vorträge, Bildungsmaßnahmen etc. erreicht werden. Zur Auflösung der Fußnote[5] Fußläufig erreicht man von der Zentrale aus die Abu Bakr Moschee in Köln Zollstock. Leitender Imam ist seit Jahren Scheich Mitwalli Mousa, der 2007 die filmisch dokumentierte Radikalisierung des Konvertiten Barino Barsoum zu verantworten hatte. Am Ende spricht sich der junge Mann für die islamischen Körperstrafen und den bewaffneten Jihad aus und meidet jeden Kontakt zu "Ungläubigen". Als er sich einige Zeit später anders besinnt und dem Christentum zuwendet will in der Moschee niemand mehr mit ihm sprechen. Mitwalli Mousa plädierte einstweilen für die Tötung derer, die sich öffentlich vom Islam lossagen. Zur Auflösung der Fußnote[6] Mit seinem Bundesverband für islamische Tätigkeiten ist Mousa Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD).
Mohamad Hajjaj, stellvertretender Vorsitzender des Teiba Kulturzentrums in Berlin und Landesvorsitzender des ZMD Berlin. (© picture-alliance/dpa)
Als weiteres Beispiel für das Netzwerk sei die Teiba-Moschee in Berlin erwähnt; zum Thema ‚Frau und Familie‘ findet sich auf der Homepage exakt derselbe Text wie beim IZ München; Zur Auflösung der Fußnote[7] der zuständige Imam Ferid Heider bewirbt Schriften von Yusuf al-Qaradawi und tritt als Redner und Prediger in MB-nahen Vereinen auf. Sein Studium absolvierte er am Institut Européen des Sciences Humaines, Zur Auflösung der Fußnote[8] das dem europäischen Geflecht der MB zuzuordnen ist.
Auch das Islamische Zentrum Aachen (IZ Aachen) mit der Bilal-Moschee ist bis in die frühen 1960er Jahre hinein zurückzuverfolgen. Issam al-Attar, seinerzeit Kopf der syrischen MB, wollte den Repressionen in der Heimat entgehen und ließ sich in Aachen nahe der Technischen Hochschule mit zahlreichen Studenten aus arabischen Ländern nieder. Der syrische Geheimdienst verfolgte den Aktivisten bis in seine Wahlheimat, 1981 wurde seine Ehefrau von einem syrischen Matrosen in Aachen erschossen. Das Attentat galt wohl Issam selbst. Zur Auflösung der Fußnote[9] Bis 1996 leitete Attar das zwischenzeitlich ausgebaute Zentrum und prägte dessen Ausrichtung. Das IZ Aachen gibt sich nach außen unpolitisch, konzentriert seine Aktivitäten auf islamische Bildung und Erziehung und beteiligt sich gerne an interreligiösen Initiativen. Über seine Website bietet es allerdings Bücher des Chefideologen der MB Sayyid Muhammad Qutb (1906-66), von Yusuf al-Qaradawi sowie dem syrischen MB-Aktivisten Mustafa as-Siba‘i (1915-1964) an Zur Auflösung der Fußnote[10] und lässt auf Veranstaltungen einschlägige Redner zu Wort kommen wie den erwähnten Imam der MB-nahen Kölner Abu Bakr Moschee Mitwalli Mousa und Khaled Hanafy. Letzterer ist mit dem EIHW (Europäisches Institut für Humanwissenschaften), dem RIGD (Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland) und dem ECFR (Europäischer Fatwarat) gleich in mehreren MB-affinen Organisationen tätig. Zur Auflösung der Fußnote[11]
Nachdem in den 1960er Jahren der Grundstein der MB-Präsenz in Deutschland gelegt wurde und sich ihre Strukturen und Aktivitäten sukzessive ausbreiteten und etablierten, sind insbesondere die 1990er Jahre von Vernetzung und Stärkung der eigenen Interessenvertretung geprägt. Als europäischer Dachverband der MB- nahen Institutionen wird 1989 die Federation of Islamic Organizations in Europe (FIOE) mit Sitz in Marksfield/GB gegründet. Seit 1996 verfügt sie mit Europe Trust (ET) über eine Treuhandstiftung zur Verwaltung von Spendengeldern, die vorwiegend in den Bau von Moscheen und Bildungseinrichtungen investiert werden. FIOE-Präsident ist seit 2018 der vormals IGD-Vorsitzende Samir Falah. Mit Sitz in Brüssel wurde 1996 die zugehörige Jugendorganisation Forum of European Muslim Youth and Student Organizations (FEMYSO) ins Leben gerufen, 2006 die Frauenorganisation European Forum of Muslim Women (EFOMW). Die 1994 mit Unterstützung des Konvertiten Muhammad Siddiq Borgfeldt als Juniororganisation der IGD gegründete Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) ist Mitglied bei FEMYSO und kooperiert auf verschiedenen Ebenen mit der FIOE. Sie richtet sich mit islamischen Bildungs- und Freizeitangeboten an muslimische Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 30 Jahren, denen auf diese Weise die Notwendigkeit der Abgrenzung von Andersgläubigen zur Einhaltung islamischer Normen vermittelt wird.
Zur gezielten Beeinflussung in Deutschland und Europa lebender Muslime wurde 1997 in Dublin der Europäische Fatwarat (European Council for Fatwa and Resaerch ECFR) unter dem Vorsitz von – einmal mehr – Yusuf al-Qaradawi gegründet. Der Fatwarat ist ein Zusammenschluss muslimischer Geistlicher, der Rechtsgutachten zur spezifischen Situation von Muslimen in der Minderheit erstellt. Prägend ist hier das Qaradawi-Konzept der ‚Wasatiya‘, eines Islams der Mitte, der aber keinesfalls eine Mäßigung oder gar Reform bedeutet, sondern einen pragmatischen Umgang mit Regeln und Vorschriften, wenn das übergeordnete Ziel der Ausbreitung des Islams es erfordert. Dialog und Demokratie sind Mittel zum Zweck, der Blick auf die westliche Gesellschaft abschätzig, manchmal geradezu verachtend. Zur Auflösung der Fußnote[12] Zur weiteren Spezifizierung der Vorgehensweise des Fatwarats dienen nationale Verzweigungen; seit 2016 gibt es den Fatwa-Ausschuss Deutschland (FAD) unter dem Vorsitz von Khaled Hanafy.
Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, am 19.03.2015 auf einer Pressekonferenz in Köln. (© picture-alliance/dpa)
In Deutschland wird 1994 mit erheblicher Beteiligung der MB-nahen Organisationen IGD, IZ München und IZ Aachen der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) gegründet. Zu seinen etwa 30 Mitgliedsverbänden zählen u.a. die ATİB, eine Abspaltung der rechtsextremen Auslandsvertretung der Grauen Wölfe, die sich heute nach eigenem Bekunden auf die islamische Religionsausübung konzentriert; das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) als Satellit der iranischen Geistlichkeit und Regierung auf deutschem Boden; sowie der erwähnte Bundesverband für Islamische Tätigkeiten mit seinem Vorsitzenden Mitwalli Mousa. Liberale Stimmen des Islams in Deutschland sucht man im Zentralrat vergebens, stattdessen ist man eifrig bemüht, selbige mundtot zu machen. In der Kampagne gegen den reformorientierten Münsteraner Theologen Mouhanad Khorchide war der stellvertretende Vorsitzende des ZMD Mohammed Khallouk federführend. Zur Auflösung der Fußnote[13] Der ZMD hat nach vorsichtigen Schätzungen 10.000 bis 15.000 Mitglieder, nach eigenen Angaben 30.000, vertritt also so oder so deutlich unter einem Prozent der in Deutschland lebenden Muslime, die mit großer Mehrheit angeben, noch nie etwas vom Zentralrat gehört zu haben. Zur Auflösung der Fußnote[14] Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit Mitgliedern und Positionen des ZMD 2016 Zur Auflösung der Fußnote[15] wurde der Internetauftritt des Verbandes neutralisiert: die Namen der Mitgliedsverbände werden aufgrund erhöhter Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr genannt, Zur Auflösung der Fußnote[16] die -FAQ-Seite ist leer und wird seit über zwei Jahren aktualisiert und überarbeitet. Zur Auflösung der Fußnote[17] Zuvor wurden bspw. bezüglich der Stellung der Frau durchweg klare Scharia-Positionen vertreten, teilweise wortgleich mit den Empfehlungen des IZ München. Zur Frauenbeauftragten des ZMD passt das gut; Dr. Houaida Taraji war von 2006 bis 2010 Vizepräsidentin der IGD.
Mit Islamic Relief Deutschland wurde 1996 eine Hilfsorganisation mit Sitz in Köln gegründet, der ebenso wie dem Dachverband Islamic Relief Worldwide deutliche personelle und ideologische Verflechtungen zur MB nachzuweisen sind. Zur Auflösung der Fußnote[18] Diese Bewertung wird auch in der arabisch-islamischen Welt geteilt; so veröffentlichte die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate 2014 eine Liste Terrorismus-verdächtiger Organisationen; neben der weltweiten Muslimbruderschaft und diversen Unterorganisationen werden hier explizit auch die IGD sowie Islamic Relief genannt. Zur Auflösung der Fußnote[19]