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Aktienbestand und Aktienhandel
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In absoluten Zahlen, Umschlagshäufigkeit pro Jahr, weltweit, 1980 bis 2023
In absoluten Zahlen, Umschlagshäufigkeit pro Jahr, weltweit, 1980 bis 2023
In Billionen US-Dollar, weltweit (Börsen des Verbandes WFE), 1990 bis 2023
Quelle: World Federation of Exchanges (WFE): www.world-exchanges.org: Statistics Portal, Annual Statistics Reports
Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
Im Jahr 1980 hielten die Käufer von Aktien diese rund zehn Jahre in ihrem Besitz. Mit dem Kauf einer Aktie verband sich ein langfristiges Investitionsinteresse.
Hingegen liegt die durchschnittliche Haltedauer in allen Jahren seit 2005 bei weniger als einem Jahr.
Gerade beim computergestützten, automatisierten Handel stehen kurzfristige Kursveränderungen im Mittelpunkt.
In Krisenzeiten verkürzt sich die Haltedauer nochmals – 2008 wurden Aktien im Durchschnitt nach knapp vier Monaten Haltedauer wieder verkauft, 2022 nach sechs Monaten.
Fakten
Zwischen 1980 und dem Jahr 2023 sind der Aktienbestand und der Handel mit Aktien stark gestiegen. In den 1990er-Jahren wuchsen Aktienbestand und -handel nahezu in jedem Jahr, seit dem Jahr 2000 verläuft die Entwicklung wechselhafter. In der Boomphase der ersten zwei Dekaden hat sich die Marktkapitalisierung mehr als verzehnfacht, nach der Jahrtausendwende hingegen nur etwas mehr als verdreifacht.
Der Börsenwert oder Aktienkurs eines Unternehmens wird durch zwei Faktoren beeinflusst, die erwarteten zukünftigen Gewinne des Unternehmens/Dividenden (Fundamentalwert) und die preisgetriebene Nachfrage (Spekulationsmotiv). Beide Faktoren stiegen im Zeitablauf. Insbesondere technische Entwicklungen steigerten die Produktivität und damit die Ertragskraft und in der Folge die Dividenden, also den Fundamentalwert der Unternehmen. Die spekulative Nachfrage zielt in der Regel auf Gewinne durch Kurssteigerungen ab und ist eher kurzfristiger Natur. Gute Fundamentalwerte erhöhen die spekulative Nachfrage zusätzlich. Entsprechend ist der Börsenwert der einzelnen Unternehmen seit 1980 insgesamt stetig gewachsen – mit zwei Einbrüchen nach dem Platzen der Dotcomblase 2001/2002 und bei der globalen Finanzkrise 2008.
Der Aktienhandel und -bestand entwickelten sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit: Der Aktienhandel hat sich zwischen 1990 und dem Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2019 mehr als verzwanzigfacht. Der Aktienbestand stieg um das 9,5-fache und damit deutlich langsamer. Der Aktienhandel ist in dieser Zeit also rund doppelt so schnell gewachsen wie der Aktienbestand, was sich in deutlich geringeren Haltezeiten widerspiegelt. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass Aktien nicht nur der Investitionsfinanzierung und der langfristigen privaten Vermögensanlage dienen, sondern zunehmend auch zur Finanzspekulation genutzt werden. Die immer höhere Aktivität von spekulativen Anlegern treibt dabei die Preise weiter in die Höhe. Anders formuliert galt die Aktie in den 1980er- und 1990er-Jahren primär als Investment mit dem Fokus auf Dividenden, die als Hauptbestandteil der Rendite angesehen wurden, während Kursgewinne eher als Bonus betrachtet wurden. Heute hat sich das Bild grundlegend gewandelt: Kursgewinne sind der dominierende Bestandteil der Rendite und treiben ein spekulativeres Marktverhalten mit kürzeren Haltedauern voran. Fundamentaldaten wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder die Dividendenrendite spielen eine untergeordnete Rolle, da die erwartete Preisentwicklung und Trends den Markt bestimmen. Die Wertpapiere werden heute viel schneller ge- und verkauft: Im Jahr 1980 lag die jährliche Umschlagshäufigkeit bei 0,1 – im Durchschnitt hielten die Käufer von Aktien diese also knapp zehn Jahre in ihrem Besitz. Mit Schwankungen fiel die Haltedauer auf etwa sieben Monate seit den 2010er-Jahren.
In Krisenzeiten nimmt die Umschlagshäufigkeit häufig deutlich zu. Dies gilt insbesondere für die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, die auf den Finanzmärkten ihren Ausgangspunkt hatte: Von 2007 auf 2008 hat sich die durchschnittliche Umschlagshäufigkeit mehr als verdoppelt. Während der Aktienhandel dabei weiter zunahm (von 104,0 auf 116,1 Billionen US-Dollar), reduzierte sich die Marktkapitalisierung drastisch (von 67,8 auf 35,8 Billionen US-Dollar) – im Krisenjahr 2008 wurden Aktien im Durchschnitt nach nur knapp vier Monaten Haltedauer wieder verkauft.
Auch im Zuge der Corona-Pandemie erhöhte sich die Umschlagshäufigkeit, da der Aktienhandel von 2019 auf 2020 deutlich stärker zunahm als der Aktienbestand (47,7 gegenüber 18,9 Prozent). Die Umschlagshäufigkeit stieg dabei von 1,4 auf 1,7. Im Jahr 2022 hat insbesondere der Krieg Russlands gegen die Ukraine die Unsicherheit auf den Aktienmärkten erhöht. Die Umschlagshäufigkeit erreichte mit 2,0 den höchsten Wert seit der Finanzkrise im Jahr 2008 – die durchschnittliche Haltedauer sank 2022 auf sechs Monate bzw. auf den zweitniedrigsten Wert der hier betrachteten Jahre. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Aktienhandel 2023 etwas beruhigt, die durchschnittliche Haltedauer bewegte sich mit siebeneinhalb Monaten aber immer noch auf einem niedrigen Niveau.
Die im Gesamttrend zunehmend kürzere Haltedauer hängt auch mit der verstärkten Technisierung des Aktienhandels zusammen. Der sogenannte automatisierte bzw. algorithmische Handel hat zu einer deutlichen Beschleunigung des Börsengeschehens geführt, da Computer innerhalb von Millisekunden auf Handelssignale reagieren können. Der automatisierte Handel ist ursprünglich für das Eigenhandelsgeschäft von Banken entwickelt worden, wird heute aber auch insbesondere von Hedge-Fonds und anderen institutionellen Investoren genutzt. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank machte der Hochfrequenzhandel (High-Frequency Trading, HFT) als Subkategorie des allgemeinen computerisierten Handels bereits im Jahr 2016 nahezu 50 Prozent der Handelsaktivitäten in den liquidesten Marktsegmenten in den USA und Europa aus.
Der zunehmende Einfluss des Computerhandels auf die Preisbildung birgt ein weiteres Problem: Während Marktpreise traditionell als Indikator für Knappheit und bei Aktien als Ausdruck von Erwartungen bezüglich Gewinnen, Marktchancen und des unternehmerischen Handelns gelten, dominieren beim Computerhandel Algorithmen, die fast ausschließlich auf Preisbewegungen reagieren. Durch die Konzentration auf wenige Informationen bzw. auf einen sehr kleinen Ausschnitt des Marktes verstärken diese automatisierten Systeme oft irrationale Kursentwicklungen, da sie selbstreferenziell agieren und Marktbewegungen durch Herdeneffekte und chaotische Muster zusätzlich verzerren. Anstatt die Marktpreise auf der Basis fundierter Erwartungen zu reflektieren, führt dies zu einer stärkeren Volatilität und einer potenziellen Entkopplung von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten.
Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen
Die Darstellung und die Angaben im Text beziehen sich auf die Börsen, die Mitglieder des World Federation of Exchanges (WFE) sind. Der WFE ist der weltweit größte Börsenverband. Der direkte Verkauf von Aktienpaketen ohne Zwischenschaltung einer Börse ist nicht erfasst. Der Aktienbestand wird durch die Marktkapitalisierung ausgedrückt. Sie gibt hier die mit den jeweiligen Kursen bewertete Zahl der Aktien an (bis einschließlich 2002: Marktkapitalisierung am Jahresende; ab 2003: Jahresdaten nach Angaben des WFE). Im Unterschied zu dieser Bestandsgröße ist der Aktienhandel eine Stromgröße, die den gesamten Aktienumsatz während des jeweiligen Jahres misst.
Die Umschlagshäufigkeit ist der Quotient aus Handel und Bestand und gibt an, wie oft der Aktienbestand im Durchschnitt des Jahres die Besitzer gewechselt hat.
Aktienbestand und Aktienhandel
In absoluten Zahlen, Umschlagshäufigkeit pro Jahr, Haltedauer in Jahren, weltweit 1, 1980 bis 2023
Aktienbestand, in Bill. US-Dollar | Aktienhandel, in Bill. US-Dollar | Umschlags- häufigkeit, pro Jahr 3 | Haltedauer, in Jahren 4 | |
---|---|---|---|---|
2023 | 113,8 | 183,5 | 1,6 | 0,6 |
2022 | 101,4 | 200,0 | 2,0 | 0,5 |
2021 | 121,0 | 213,9 | 1,8 | 0,6 |
2020 | 106,8 | 186,6 | 1,7 | 0,6 |
2019 | 89,8 | 126,3 | 1,4 | 0,7 |
2018 | 76,8 | 141,2 | 1,8 | 0,5 |
2017 | 87,7 | 119,0 | 1,4 | 0,7 |
2016 | 89,9 | 117,3 | 1,3 | 0,8 |
2015 | 76,8 | 147,5 | 1,9 | 0,5 |
2014 | 77,1 | 110,6 | 1,4 | 0,7 |
2013 | 74,9 | 94,5 | 1,3 | 0,8 |
2012 | 62,9 | 84,6 | 1,3 | 0,7 |
2011 | 56,5 | 102,9 | 1,8 | 0,5 |
2010 | 64,6 | 102,9 | 1,6 | 0,6 |
2009 | 56,7 | 97,0 | 1,7 | 0,6 |
2008 | 35,8 | 116,1 | 3,2 | 0,3 |
2007 | 67,8 | 104,0 | 1,5 | 0,7 |
2006 | 56,1 | 71,5 | 1,3 | 0,8 |
2005 | 47,7 | 53,8 | 1,1 | 0,9 |
2004 | 41,8 | 43,4 | 1,0 | 1,0 |
2003 | 35,5 | 34,7 | 1,0 | 1,0 |
2002 2 | 22,8 | 33,1 | 1,5 | 0,7 |
2001 | 26,6 | 38,1 | 1,4 | 0,7 |
2000 | 31,0 | 49,8 | 1,6 | 0,6 |
1999 | 35,0 | 33,1 | 0,9 | 1,1 |
1998 | 25,4 | 23,5 | 0,9 | 1,1 |
1997 | 21,7 | 19,6 | 0,9 | 1,1 |
1996 | 19,5 | 14,0 | 0,7 | 1,4 |
1995 | 17,1 | 10,8 | 0,6 | 1,6 |
1994 | 14,5 | 9,5 | 0,7 | 1,5 |
1993 | 12,9 | 8,1 | 0,6 | 1,6 |
1992 | 10,1 | 5,6 | 0,6 | 1,8 |
1991 | 10,6 | 5,7 | 0,5 | 1,9 |
1990 | 8,9 | 5,7 | 0,6 | 1,6 |
1980 | 2,9 | 0,3 | 0,1 | 9,7 |
Fußnote: 1 Aktienbestand und Aktienhandel bezogen auf die Börsen, die Mitglieder des World Federation of Exchanges (WFE) sind. Der WFE ist der weltweit größte Börsenverband.
Fußnote: 2 Bis einschließlich 2002: Marktkapitalisierung am Jahresende; ab 2003: Jahresdaten nach Angaben des WFE.
Fußnote: 3 Quotient aus Aktienhandel/Aktienbestand.
Fußnote: 4 Quotient aus Aktienbestand/Aktienhandel.
Quelle: World Federation of Exchanges (WFE): www.world-exchanges.org: Statistics Portal, Annual Statistics Reports