Einführung in das Thema
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Deutschland versteht sich in der offiziellen Politik erst mit dem Zuwanderungsgesetz vom 1. Januar 2005 als Zuwanderungsland und stellt sich mehr und mehr den damit verbundenen Herausforderungen. Trotz dieser zögerlichen offiziellen Anerkennung wurden in Deutschland absolut gesehen europaweit die meisten Immigranten aufgenommen. Fast jeder fünfte Bewohner des Landes (19%) hat heute einen Migrationshintergrund, insgesamt leben hier über 15 Millionen Menschen, die selbst oder deren Familien nach Deutschland zugewandert oder geflohen sind.
Diese Unterrichtsreihe greift u.a. Ausgrenzungserfahrungen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund
Bei der Formulierung des Musterfragebogens für die eigenen Befragung wie auch bei der Zusammenstellung der Unterrichtsmaterialien für dieses Projekt wurden stets beide Seiten - Deutsche und Migranten – berücksichtigt, so dass das Projekt unabhängig vom Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund grundsätzlich an jeder Schule durchgeführt werden kann. Die Unterrichtsmaterialien sind insbesondere für die Jahrgangsstufen 9/10 konzipiert, können jedoch bei geeigneter Anpassung bzw. Auswahl auch in anderen Jahrgangsstufen eingesetzt werden.
Ausgrenzungserfahrungen von Jugendlichen
In der jungen Bevölkerung und damit auch in Schulklassen stellen Kinder mit Migrationshintergrund je nach Wohnort bzw. Stadtteil inzwischen oft die Mehrheit. Das Miteinander von deutscher und anderen Kulturen gehört zum Alltag – jedoch nicht ohne Probleme bei der Integration der neuen Bürger. Im "Einwanderungsland wider Willen" ist die Benachteiligung insbesondere vieler Jugendlicher mit Migrationshintergrund – unabhängig von der Aufenthaltsdauer oder der Staatsbürgerschaft – gerade im Bildungsbereich ein nicht zu übersehendes Problem. Ausländische Kinder und Jugendliche sind an höheren Schulen die Ausnahme - und zwar unabhängig davon, ob sie in Deutschland geboren wurden oder zugewandert sind. Dabei gehören Bildung und Ausbildung zu den wichtigsten Faktoren für eine gelungene gesellschaftliche Integration und beruflichen Erfolg. Doch die meisten Kinder von Migranten landen an Haupt- oder Gesamtschulen und finden nach dem oft mühsam erkämpften Abschluss nur schwer einen Ausbildungsplatz.
In den Materialien wird die Ausgrenzungsproblematik jugendgerecht über Beispiele aus den Bereichen Einlass in die Disko, Suche nach einem Ausbildungsplatz, Aufnahme in Clique oder Verein usw. bearbeitet. Dabei sollen eigene Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler nur auf deren Wunsch hin einfließen; das Thema kann auch über Zitate bzw. Erlebnisse anderer zur Sprache gebracht werden. Auch deutschstämmige Jugendliche können hier über erlebte Situationen berichten bzw. beobachtete Beispiele beisteuern.
Als grundlegende Fragestellung wird untersucht, inwiefern die in den Grundrechten verankerte "Gleichheit" sich auch in der Chancengleichheit in den Gesellschaftsbereichen widerspiegelt. Dabei sollen soziale Unterschiede und strukturelle Benachteiligungen bewusst gemacht und verdeutlicht werden. Außerdem geht des darum, den Blick auf graduelle Unterschiede in der Integrations- und Ausgrenzungsproblematik zu lenken und Schwarz-Weiß-Malerei zu überwinden.
Jugend befragt Jugend
In einer Befragung der Jugendlichen an der eigenen Schule oder im Stadtteil/in der Gemeinde, die von einer oder mehreren Klassen bzw. Lerngruppen durchgeführt wird, erforschen die Schülerinnen und Schüler als "Sozialforscher", wie und wo Jugendliche "Ausgrenzung" und "Integration" wahrnehmen und erfahren, was sie über Maßnahmen zur Integration (ausländischer) Mitbürger denken und welche (Wert-)Vorstellungen sie vertreten. Dadurch ergibt sich ein doppelter Präsentations- und Gesprächsanlass: für die durchführende Klasse (durch die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Befragung) und für die gesamte Schule (durch die Teilnahme an Befragung und die Diskussion der Ergebnisse).
Unterstützung bei der Identitätsfindung
Mit den Themen "Zugehörigkeit" und "Identität" werden gleichzeitig zentrale Themen im Jugendalter angesprochen. Insbesondere die Jugendlichen mit Migrationshintergrund stehen vor der Aufgabe, die Wertvorstellungen der deutschen und der Herkunftsgesellschaft zu einer eigenen Identität zu verbinden. Für alle Jugendlichen spielt die Akzeptanz und Ankerkennung ihrer Person und die Teilhabe an der Gesellschaft eine große Rolle. Gerade im Austausch zwischen den verschiedenen Traditionen und Wertvorstellungen der Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Kulturkreisen kann das Bewusstsein für eine eigene Identität reifen.
Positiver Ansatzpunkt für ein Aufeinander-Zugehen ist es, nicht mit Vorwürfen oder gar Schuldzuweisungen zu arbeiten, sondern genauer kennen zu lernen, was beide Seiten voneinander wissen (nicht wissen), erwarten (nicht erwarten) und zu tun bereit (nicht bereit) sind. Missverständnisse und Interaktionsprobleme im Alltag, die vielfach kulturell und sozial bedingt sind, lassen sich so teilweise aufdecken und überwinden (was auch zur eigenen Identitätsfindung beiträgt), wenn z.B. "deutsche" Jugendliche erfahren, was z.B. Jugendliche mit türkischem (italienischem, spanischem, polnischem, russischem ...) Migrationshintergrund für "typisch deutsch" halten und umgekehrt. Durch die im Projekt integrierte Jugendbefragung kann dieser Verständigungs- und Interaktionsprozess initiiert und deutlich unterstützt werden.
Gemeinsame Werte und "Spielregeln"
Weitere Bausteine greifen wichtige Indikatoren für eine gelungene Integration – wie Sprachkenntnis, Basiskenntnisse über die Aufnahmegesellschaft, Kontakt zu Einheimischen bzw. Migranten – auf und bieten Materialien zum Erwerb von Basiswissen zu den Begriffen Integration, Segregation sowie Toleranz, zu den Grundwerten der deutschen Gesellschaft und zu politischen Maßnahmen zur Förderung von Integration. Die Schülerinnen und Schüler untersuchen dabei Fragen wie: Auf welche gemeinsamen Grundwerte können wir uns einigen (Minimalkonsens)? Wo sehe ich Chancen, wo Gefahren bzw. Bedrohung durch kulturelle Vielfalt in der Schule/Gesellschaft? Was sind Grenzen von Toleranz bzw. Akzeptanz fremder Kulturen?
Dabei sollen die Rechte und Möglichkeiten bewusst gemacht werden, mit denen man sich gegen Diskriminierung und Benachteiligung wehren kann. Insgesamt möchte das Projekt die Verständigung und Interaktion zwischen den Jugendlichen fördern – zum Beispiel durch gemeinsame Aktivitäten zum besseren Kennenlernen und zur Förderung von Chancengleichheit in der Gesellschaft.
Ziele des Unterrichts-Projektes
Sensibilisierung für die Wahrnehmung sozialer und kultureller Unterschiede
Dabei soll deutlich werden, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt häufiger von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind, aber auch andere Faktoren wie Armut, fehlende Bildung usw. eine Rolle spielen.
Basis-Wissen über Integrationspolitik, Grundrechte und Anti-Diskriminierung
Unter den Begriff Integrationspolitik als Querschnittsaufgabe der deutschen Politik werden alle politischen Anstrengungen verstanden, die sich direkt oder indirekt mit der Einbindung von Minderheiten in die Gesellschaft befassen: gesetzliche Grundlagen (Zuwanderungsgesetz, Staatsangehörigkeitsgesetz, Gleichbehandlungsgesetz), Integrationsgipfel und Integrationsplan sowie einzelne Maßnahmen (wie Integrationskurse).
Einführung in die Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung und Nutzung neuer Medien
In dem bewährten GrafStat-Format wird das Thema im Unterricht im Zusammenhang mit einer aktivierenden Befragung thematisiert, die die Schülerinnen und Schüler in ihrem Lebensumfeld durchführen. Dadurch wird die Beschäftigung mit den Erfahrungen von Ausgrenzung und Integration Jugendlicher auf die gesamte Schule ausgeweitet. Anhand der empirischen Befunde und durch die (schulinterne) Veröffentlichung der Befragungsergebnisse wird gleichzeitig ein Gesprächsanlass über die eigentliche Lerngruppe hinaus geschaffen. Gleichzeitig wird der Computer als ein wichtiges Werkzeug in den Unterricht eingebunden. Sowohl Technik-distanzierte als auch -faszinierte Jugendliche können die wichtige Erfahrung machen, dass sie in der Lage sind, den Computer als nützliches Werkzeug einzusetzen, um beispielsweise Internetrecherchen durchzuführen, Befragungsdaten einzugeben und diese kompetent auszuwerten sowie Präsentationen der Ergebnisse zu erstellen.
Entwicklung sinnvoller Handlungsalternativen: Aktionen gegen Ausgrenzung und für bessere Integration
Auf die empirischen Befunde aufbauend sollen Jugendliche Handlungsstrategien entwickeln, um vornehmlich im Nahbereich, z.B. in der Schule oder im außerschulischen Alltag (Freizeitbereich), "soziale Wirklichkeit" gemeinsam zu gestalten. Welche Einstellungen und Verhaltensweisen sind beeinflussbar, wo können wir in der Klasse/für die Schule selbst etwas gegen Ausgrenzung bzw. für eine bessere Integration tun? Bei welchen Ausgrenzungsfaktoren in der Gesellschaft können wir aktiv gegensteuern bzw. politisch aktiv werden?
Die Unterrichtskonzeption unterstützt in hohem Maße die Eigenständigkeit und Eigentätigkeit der Schülerinnen und Schüler. Selbständiges Lernen wird sowohl durch kooperative Lernformen als auch im Rahmen einer Befragung der Schülerschaft durch die projekt-durchführenden Jugendlichen gefordert und gefördert. Durch eine schülerorientierte Planung und eine prozesshafte Gestaltung des Unterrichts wird den Schülerinnen und Schülern die konkrete Erfahrung vermittelt, dass ihre Vorstellungen und Erwartungen bei aller kulturellen Vielfalt ernst genommen und im Unterricht berücksichtigt werden.
Inhaltsübersicht
Bei diesem Angebot handelt es sich nicht um eine abgeschlossene Unterrichtsreihe, die von der ersten bis zur letzten Einheit durchgeführt werden sollte, sondern um ein Unterrichtsprojekt, das nach dem Bausteinprinzip aufgebaut ist und entsprechend variabel eingesetzt werden kann. Vorgestellt werden nicht einzelne Unterrichtsstunden, sondern thematische Schwerpunkte verfolgende Unterrichtseinheiten, deren Bearbeitung durchaus mehrere Unterrichtsstunden in Anspruch nehmen kann.
Die einzelnen Bausteine enthalten jeweils Sachinformationen für die Lehrpersonen, Materialien für den Unterricht sowie ein in Phasen gegliedertes Artikulationsschema des Unterrichtsverlaufs (als PDF-Datei) und einen didaktischen Kommentar (zu Inhalt, möglichen Intentionen, Methoden und Medien). Siehe auch die ausführliche Inhaltsübersicht in der PDF-Datei in der rechten Spalte.
In drei verschiedenen Einstiegsszenarien für Ihren Unterricht machen die Schülerinnen und Schüler Erfahrungen mit Ausgrenzung und Integration. Sie werden so angeregt, sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Darauf aufbauend folgt das Planungsgespräch für das Unterrichtsprojekt.
Die Schülerinnen und Schüler der Lerngruppe führen nun eine Befragung ihrer Mitschüler und/oder anderer Jugendlicher durch, um deren Erfahrungen mit Ausgrenzung bzw. Integration zu erforschen.
In diesem eher auf emotionale und soziale Kompetenzen ausgerichteten Baustein, steht die Sensibilisierung für die Schwierigkeiten Jugendlicher mit Migrationshintergrund, eine eigene Identität und "Heimat" zu finden und zu definieren, im Mittelpunkt.
Am Beispiel einer WG werden Regeln für das Zusammenleben aufgestellt und anschließend auf die "Wohngemeinschaft" Deutschland übertragen. So wird Basiswissen zu Grundrechten, Menschenrechten und zur demokratischen Grundordnung erarbeitet.
Wie stellt man sich in der Politik dem "Problem" Integration, d.h. was wird unter "Integration" verstanden und welche Gesetze, Einrichtungen und Maßnahmen gibt es?
Aufbauend auf die Erkenntnisse aus den anderen Bausteinen werden hier Tipps für die Präsentation der Ergebnisse und für Möglichkeiten zur Integrationsförderung im Nahbereich gegeben.
Auswahl verschiedener (Musik-)Videos zum Thema, mit Info-Seiten zu den Musikern und Texten.
Begriffserläuterungen zu den Themen Integration und Migration
Einwanderung und Integration von Ausländern in Deutschland
Links und
Linktipps sowie Literatur- und Medienhinweise
Die Lehrperson kann die Schwerpunkte ganz nach ihren Bedürfnissen und denen der Jugendlichen setzen, indem sie einige Sequenzen auswählt und intensiver behandelt, andere hingegen kürzt, variiert oder auch ganz auf deren Bearbeitung verzichtet. Häufig werden Erweiterungen angeboten, deren Erarbeitung – je nach Lernvoraussetzungen und Interessen der Lerngruppe bzw. dem zur Verfügung stehendem Zeitbudget – ganz in das Ermessen der Lehrperson gestellt wird.
Auch wenn aus zeitlichen oder organisatorischen Gründen die als zentral angesehene eigene Befragung durch die Schülerinnen und Schüler nicht durchgeführt werden kann, stehen genügend Materialien für die inhaltliche Auseinandersetzung zur Verfügung.
Hilfestellung für Lehrkräfte
Die hier vorliegenden umfangreichen Arbeitshilfen richten sich zunächst und vorrangig an Lehrerinnen und Lehrer sowie an Jugendgruppenleiter und -leiterinnen, die bereit und in der Lage sind, dieses Projekt mit und für Jugendliche im lokalen Raum durchzuführen.
Durch die Bereitstellung der gut miteinander verzahnten Arbeitsmittel wie Sachinformationen, didaktischer Planungsvorschläge, gezielt ausgesuchter Unterrichtsmaterialien und des benutzerfreundlichen Computerprogramms GrafStat, das über mehrere Jahre entwickelt sowie in der Praxis erprobt wurde, wird eine sehr leistungsfähige und benutzerfreundliche Infrastruktur für die Lehrpersonen bereitgestellt.
Für Fragen zur Durchführung des Projektes und insbesondere zur Nutzung der Software GrafStat ist das Projektteam der Universität Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Sander per Telefon (02 51-83-22 222) oder per E-Mail (E-Mail Link: info@forschenmitgrafstat.de) zu erreichen.