Wahrnehmung des eigenen Einkommens als gerecht | Sozialbericht 2024 | bpb.de

Wahrnehmung des eigenen Einkommens als gerecht

Jule Adriaans Stefan Liebig

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Sozialbericht: Kapitel 7.1.3

Der Abgleich zwischen den normativen Gerechtigkeitsprinzipien, die aus Sicht der Befragten die Verteilung von Gütern und Lasten bestimmen sollten, und den Faktoren, die in der Wahrnehmung der Befragten tatsächlich bestimmen, ob jemand in Deutschland Erfolg hat, deuten bereits auf mögliche Gerechtigkeitsdefizite hin. Wie jedoch steht es um die Gerechtigkeitswahrnehmung in Deutschland, wenn es ganz konkret um das eigene Einkommen geht? Wird dieses als gerecht empfunden? Um sich dieser Frage zu nähern, werden Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 2017, 2019 und 2021 verwendet.

Zu diesen drei Zeitpunkten empfand rund die Hälfte der befragten Erwerbstätigen das eigene Bruttoeinkommen – also das Einkommen, das sie ohne Abzüge von Steuern oder Sozialversicherungsbeiträgen bekommen – als gerecht. Dieser Anteil fällt deutlich niedriger aus, wenn das Nettoeinkommen – also das Einkommen nach Steuern und Abgaben – bewertet wird. Hier lag der Anteil der befragten Erwerbstätigen, die ihr Nettoeinkommen als gerecht empfinden 2017 bei rund 44 %, im Jahr 2019 bei etwa 42 % und im Jahr 2021 bei rund 47 %. Damit beurteilte fast die Hälfte der befragten Erwerbstätigen die Höhe des eigenen Einkommens als gerecht, im Umkehrschluss bedeutet dies aber, dass die andere Hälfte das eigene Einkommen als ungerecht einschätzte. Dabei gilt, dass der Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen den Anteil derjenigen, die ihr Einkommen als ungerecht empfinden, erhöhte.

Auch wenn Nettoeinkommen im Vergleich zu Bruttoeinkommen im Durchschnitt als ungerechter eingeschätzt wurden, zeigte sich gleichzeitig eine breite Unterstützung für steuerfinanzierte Sozialinvestitionen. Die Befragten des SOEP wurden direkt gefragt, ob sie bestimmte politische Maßnahmen unterstützen würden, auch wenn diese mit Steuererhöhungen oder Erhöhungen der Sozialversicherungsbeiträge verbunden wären. Maßnahmen zur verbesserten Bezahlung von Kranken- und Pflegepersonal, zur Bereitstellung von Sozialleistungen für erwerbstätige Eltern und zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit in der Bildung fanden eine breite Unterstützung, auch wenn die Finanzierung dieser Maßnahmen höhere Steuern bedeuten würde. Keine breite Unterstützung fand sich hingegen für die steuerfinanzierte Unterstützung von großen Unternehmen und Konzernen im Fall von Wirtschaftskrisen.

Selbst wenn die Befragten ihr Nettoeinkommen als ungerecht empfanden, befürworteten sie mehrheitlich investive Sozialausgaben, die mit Steuererhöhungen einhergehen würden – allerdings etwas seltener als Personen, die ihr Nettoeinkommen als gerecht bewerteten.

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