Profiteure, Helfer, Handlungsspielräume | NS-Zwangsarbeit. Lernen mit Interviews | bpb.de

Profiteure, Helfer, Handlungsspielräume

/ 6 Minuten zu lesen

Neben der Rüstungsindustrie profitierten auch öffentliche Dienststellen, Handwerker und Bauern sowie private Haushalte von der Zwangsarbeit. Mehr noch als andere nationalsozialistische Massenverbrechen fand die Zwangsarbeit direkt vor der Haustür statt.

Rüstungsminister Speer besichtigt einen Bunker des Atlantikwalls, 1943. In ganz Europa mussten Zwangsarbeiter Bunker bauen. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J14204
Rüstungsminister Speer besichtigt einen Bunker des Atlantikwalls, 1943. In ganz Europa mussten Zwangsarbeiter Bunker bauen. (© Bundesarchiv, Bild 183-J14204)

Die "Fremdvölkischen" waren auf ihren langen täglichen Arbeitswegen ebenso unübersehbar wie in den Fabriken und Lagern. Die allgegenwärtige und überall sichtbare Ausbeutung und Diskriminierung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurde von der deutschen Bevölkerung weithin hingenommen oder – wie die hohe Zahl von Denunziationen bei der Gestapo zeigt – gar begrüßt und unterstützt.

Nicht nur die Rüstungsindustriellen, auch einfache Deutsche profitierten von der Zwangsarbeit, die ihnen die Lebensmittelversorgung sicherte und einen gewissen sozialen Aufstieg ermöglichte. Persönliche Kontakte waren verboten, durch Misstrauen und Sprachbarrieren aber ohnehin selten. Viele ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter berichten gleichwohl von kleinen Anzeichen von Solidarität oder konkreten Hilfsleistungen wie dem Zustecken von Nahrungsmitteln.

Zwangsarbeit für Industrie, Staat und Handwerk

Der Großindustrielle Günther Quandt besaß viele Rüstungsfirmen, die Zwangsarbeiter einsetzten, 1941. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-B03534 / Dorneth / CC-BY-SA

Der Großindustrielle Günther Quandt besaß viele Rüstungsfirmen, die Zwangsarbeiter einsetzten, 1941. (Bundesarchiv, Bild 183-B03534) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Die meisten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren in den großen Fabriken der Rüstungsindustrie tätig. Ab 1942 bemühten sich die Firmen aktiv um die Zuweisung von immer mehr ausländischen Arbeitskräften, um damit Rüstungsaufträge übernehmen zu können und so an dem von Externer Link: Albert Speer organisierten Wirtschaftsboom teilzuhaben. Ohne Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hätten die meisten Fabriken schließen müssen, mit ihnen konnten sie ihre Produktionskapazitäten erheblich ausbauen. Zu Kriegsende produzierte etwa die zum Flick-Konzern gehörende Spandauer Stahlindustrie mit einem Anteil von über 80 Prozent Ausländern an der Belegschaft. Millionen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in ganz Europa arbeiteten für große Baufirmen, oft in Verbindung mit der Externer Link: Organisation Todt. Auch der Bergbau setzte massenhaft Zwangsarbeiter ein; der Sinto Interner Link: Reinhard Florian

etwa musste als Häftling in einer oberschlesischen Kohlengrube arbeiten. Besonders schlecht waren die Bedingungen in den Untertage-Projekten, mit denen die Rüstungsfirmen unterirdische, vor Luftangriffen geschützte Produktionsstätten einrichteten.

Ohne Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wäre nicht nur die Rüstungsindustrie, sondern auch die Versorgung der Deutschen rasch zusammengebrochen. Bahn und Post, Krankenhäuser und Friedhöfe sowie die meisten städtischen Werke bedienten sich der Zwangsarbeit:

Fritz Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, bei der deutschen Arbeitsverwaltung in Marseille, 1943.

Fritz Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, bei der deutschen Arbeitsverwaltung in Marseille, 1943. (© Bundesarchiv)

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) etwa berichteten dem Arbeitsamt über die "vielen Ostarbeiterkinder bei uns". Der 19-jährige Pole Roman Melnyk musste ab 1940 bei der Berliner Stadtreinigung arbeiten, ehe er 1942 – vermutlich weil er sich über die schlechten Bedingungen beschwerte – ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingewiesen wurde. Allein für die Reichsbahndirektion Berlin schufteten 20.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Der Franzose Interner Link: Victor Laville

arbeitete erst für eine Eisengießerei, dann auf einer Baustelle der Reichsbahn. Viele der Verschleppten waren auch bei kleinen Handels- und Handwerksbetrieben beschäftigt. Die Kreuzberger Weinhandlung Robert Boos beschäftigte ein Dutzend Ostarbeiter. Der Ukrainer Roman F. arbeitete als Heizergehilfe im Hotel Adlon.

Zwangsarbeit auf Bauernhöfen und in Privathaushalten

Viele deutsche Bauernhöfe setzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ein, die die zur Wehrmacht eingezogenen Knechte, Mägde und Landarbeiter ersetzten. Auf dem Land waren die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter meist besser verpflegt und weniger von Bombenangriffen betroffen als in der Stadt; doch mussten sie hart arbeiten, waren isoliert von ihren Landsleuten und der Willkür ihrer Bauernfamilien ausgesetzt.

Besonders viele sowjetische Zwangsarbeiterinnen wurden als Dienstmädchen in bürgerlichen Haushalten beschäftigt. Viele leitende Angestellte von Unternehmen und NS-Bürokratie nutzten ihre Beziehungen, um ihren Ehefrauen eine Haushaltshilfe zu besorgen.

Für die "Ostarbeiterinnen“ bedeutete das eine bessere Versorgung, aber auch lange Arbeitszeiten, persönliche Willkür und eine höhere Gefahr sexueller Ausbeutung. Die aus Charkow nach Berlin verschleppte Ingenieurin Interner Link: Sinaida Baschlai

wurde zunächst bei der Kosmetikfirma Schwarzkopf eingesetzt, kam dann aber als Haushaltshilfe in eine Villa am Stadtpark in Steglitz. Ihre Herrin behandelte sie klassenbewusst, aber nicht schlecht: "Sie war die Herrin, ich ihr Dienstmädchen. Ich arbeitete den ganzen Tag, und sie konnte sich ans Klavier setzen; sie dachte, wenn sie spielte und ich arbeitete, würde ich eine bessere Laune bekommen."

Nachbarschaft

Die Zwangsarbeit fand direkt vor der Haustür der Bevölkerung statt; fast jeder Deutsche hatte ein Zwangsarbeiterlager in der Nachbarschaft. In Münster sind 180 solcher Unterkünfte nachgewiesen, in Hamburg 1300, in Berlin über 3000. Mancher Volksgenosse protestierte gegen die Einrichtung eines Ausländerlagers in seinem Wohngebiet und die – so ein Berliner in einer Beschwerde – damit drohende "Überflutung der Gegend durch herumlungernde Ausländer".

Auch auf ihren langen täglichen Arbeitswegen waren die "Fremdvölkischen" unübersehbar. Viele Deutsche erinnerten sich noch lange nach dem Krieg an das typische Klappern der Holzpantinen auf dem Pflaster, wenn die Lagerinsassinnen und -insassen zur Arbeit geführt wurden. Mit einem Sonderfahrplan regelte die Reichsbahndirektion Berlin im Juli 1944 den S-Bahn-Transport von russischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen durch Berlin. Danach passierte beispielsweise jeden Werktag um 6:16 Uhr ein Sonderzug mit Ostarbeitern den Bahnhof Bornholmer Straße. Die Direktion merkte an: "Die Sonderzüge sind auf allen Bahnhöfen mit dem Richtungsschild 'Nicht einsteigen' anzukündigen."

Misstrauen

Die von der NS-Sondergesetzgebung vorgegebene Abschottung der "Fremdvölkischen" beschränkte die Kontakte zwischen Deutschen und Ausländern. Der "verbotene Umgang" wurde teilweise streng verfolgt. Die Sprachbarriere und das gegenseitige Misstrauen taten ein Übriges, um – in der Großstadt ohnehin seltenere – persönliche Beziehungen zu verhindern. In die anfangs oft siegesgewiss überhebliche Wahrnehmung der Ausländer mischte sich gegen Ende des Krieges nun häufiger Angst vor den Fremden. Die Journalistin Ursula von Kardorff notierte Ende 1944 in ihrem Tagebuch: "Die Fremdarbeiter sollen vorzüglich organisiert sein. Es heißt, daß Agenten unter ihnen sind, Offiziere, Abgesandte der verschiedenen Untergrundbewegungen, die gut mit Waffen ausgerüstet seien, auch mit Sendegeräten. […] Zwölf Millionen Fremdarbeiter gibt es in Deutschland. Eine Armee für sich. Manche nennen sie das Trojanische Pferd des heutigen Krieges." Zur Auflösung der Fußnote[1]

Hilfsleistungen

Viele ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter berichten gleichwohl von konkreten Hilfsleistungen wie dem Zustecken von Nahrungsmitteln. Dieses zwischenmenschliche Mitgefühl war von großer Bedeutung für das Überleben der Ausländer, aber auch für die moralische Integrität der Helfenden. In Berlin ist eine ganze Reihe von Hilfsaktionen aus Reihen des deutschen, vor allem des Arbeiterwiderstands dokumentiert. Die Zwangsarbeiter registrierten aufmerksam jedes Anzeichen von Solidarität. Jerzy Bukowiecki aus Polen etwa erinnerte sich 1998: "Es arbeitete dort auch ein alter Mann […]. Dieser sehr sympathische alte Mann fing jede Unterredung mit 'Hitler kaputt' an. Er hasste, nicht weniger als wir, Hitler und alle Nazileute. Sein Gruß war: 'Hitler kaputt.' Allen Ausländern war er sehr sympathisch." Zur Auflösung der Fußnote[2]

Gute Deutsche, schlechte Deutsche

Begegnungen polnischer Zwangsarbeiter mit Deutschen

Gute Deutsche, schlechte Deutsche

Nahezu drei Millionen Frauen, Männer und Kinder aus Polen mussten während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeit in Deutschland leisten. Die Begegnungen mit Deutschen prägten entscheidend ihre Erinnerung daran. In diesem Video sprechen eine Zeitzeugin und ein Zeitzeuge über ihre Erfahrungen mit einzelnen Deutschen. Ausschnitte aus den Videointerviews mit Janina Halina G. und Zdzisław D. © Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945"

Zustimmungsdiktatur

Überwiegend wurde die "Apartheid nebenan" von den Deutschen aber akzeptiert, wenn sie nicht gar die nationalsozialistische Herrenmenschen-Ideologie fanatisch unterstützten. Die meisten Verhaftungen und Bestrafungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern gingen auf Anzeigen von Meistern und Lagerführern, aber auch auf Denunziationen von unbeteiligten Nachbarn oder Passanten zurück. Gerade im Kontext der Zwangsarbeit erscheint Götz Alys Wort von der "Zustimmungsdiktatur" Zur Auflösung der Fußnote[3] zutreffend. Auch die deutschen Arbeiter profitierten schließlich von dem massenhaften Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Zwar trug Zwangsarbeit dazu bei, dass auch immer mehr Facharbeitern die Einberufung an die Front drohte, da Ausländerinnen und Ausländer ihre Arbeit übernahmen. Andererseits erlaubte die Zwangsarbeit einfachen Arbeitern einen sozialen Aufstieg, etwa durch Aufrücken in Vorarbeiter-Stellen, und bewahrte viele, vor allem allerdings bürgerliche, Frauen vor einer Dienstverpflichtung in der Rüstungsindustrie. Zusammen mit der durch die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gesicherten Versorgung der deutschen Bevölkerung stärkte dies den Zusammenhalt unter den "Volksgenossen".

Lagerführer

Die meisten Deutschen hatten freilich nur begrenzte Handlungsspielräume, sofern sie nicht in ihrer beruflichen Position mit den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern zu tun hatten, etwa als Abwehrbeauftragter, Werkschutzmann oder Lagerführer. Besondere Verantwortung trug der Abwehrbeauftragte, in kleineren Betrieben meist identisch mit dem Betriebsführer. Ihm unterstanden die Werkschutzmänner, die die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oft in gewalttätiger Weise – beaufsichtigten.

Die Lagerführer der betriebseigenen Lager unterstanden ebenfalls dem Abwehrbeauftragten. Vor Ort hatten die Lagerführer einen großen Handlungsspielraum gegenüber ihren Insassen, waren aber auch mit einer Vielzahl organisatorischer Aufgaben beschäftigt. In einem Lager der Evangelischen Kirche Berlin verhielt sich etwas ein Lagerführer ruhig und verständnisvoll, während der andere häufig schlug und mit der Gestapo drohte.

Weiterführende Links und Literatur

Hintergrundfilm Zwangsarbeit und Entschädigung mit Zusatzmaterialien in der Online-Anwendung "Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939-1945" (Registrierung notwendig)

Externer Link: Zwangsarbeit. Die Zeitzeugen-App der Berliner Geschichtswerkstatt

Buggeln, Marc/Pagenstecher, Cord: Zwangsarbeit, in: Berlin 1933-1945, hg. v. Michael Wildt und Christoph Kreutzmüller, München: Siedler 2013, 127–142

Weitere Inhalte