Sprache, Kultur, Arbeit? Zur Inklusion neu Zugewanderter durch Bildung | Integrationspolitik | bpb.de

Aus Politik und Zeitgeschichte

Sprache, Kultur, Arbeit? Zur Inklusion neu Zugewanderter durch Bildung

/ 14 Minuten zu lesen

Fluchtbedingte Migration bewegt die europäischen Gesellschaften seit 2015 in einem lange nicht mehr gekannten Maß, und sie formt die deutsche Gesellschaft. Zur Auflösung der Fußnote[1] Insofern liegen vielfältige Erfahrungen über Chancen und Probleme für die Inklusion neu Zugewanderter in Bildungsinstitutionen vor. Im Folgenden soll jedoch nicht über die Ursachen und die Konsequenzen der Migrationsbewegungen diskutiert werden. Vielmehr wird aus einer bildungsbezogenen Perspektive danach gefragt, wo und wie neu Zugewanderte ihren Ort im deutschen Bildungssystem – und dabei vor allem in die Schule – finden können und vor welchen Herausforderungen die Bildungseinrichtungen infolgedessen stehen. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Inklusion und damit der strukturellen Einbindung neu Zugewanderter in Bildungsinstitutionen.

Gesellschaftlicher Rahmen für Inklusion durch Bildung

Hintergrund der jüngeren Migrationsbewegungen sind globale Prozesse, die in ihrem Umfang und in ihrer Dynamik als einzigartig bewertet werden. So waren Ende 2016 65,6 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Zur Auflösung der Fußnote[2] In Deutschland wird davon ausgegangen, dass 2015 die Zahl der Einreisenden "bei rund 890.000 Menschen gelegen hatte, von denen ca. 50.000 in andere EU-Staaten weitergereist sein dürften". Zur Auflösung der Fußnote[3] Seitdem ist, nicht zuletzt wegen der sogenannten EU-Türkei-Erklärung, die Zahl der neuerlich Zuwandernden merklich zurückgegangen.

Für die Situation in Deutschland wiederum wurde ermittelt, dass die Altersstruktur der Zugewanderten deutliche Konsequenzen für die Aufgaben der Bildungsarbeit in Deutschland haben wird. Zur Auflösung der Fußnote[4] Denn unter den im Zeitraum von Januar bis November 2016 insgesamt 702492 nach Deutschland Zugewanderten waren 36 Prozent im Alter zwischen 0 und 17 Jahren (2015: 31 Prozent von 441889 Menschen). Zur Auflösung der Fußnote[5] Viele dieser Zuwandernden suchen Schutz, weitere Motive wie soziostrukturelle Besonderheiten oder individuelle Wertpräferenzen können hinzutreten. Zur Auflösung der Fußnote[6] Daraus ergeben sich recht vielfältige Konsequenzen für die deutsche Gesellschaft und die dabei praktizierten Bildungskonzepte.

Internationale Vergleichsstudien wie PISA, TIMSS und IGLU machen seit über eineinhalb Jahrzehnten deutlich, dass das deutsche Bildungskonzept merkliche Schwächen aufweist, da es aufgrund sozialer Unterschiede den Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund bis zum heutigen Tag nicht dieselben Bildungschancen ermöglicht wie jenen ohne Migrationshintergrund. Zur Auflösung der Fußnote[7] Dass zudem eine erhebliche Zahl von Mädchen und Jungen mit dem erwähnten persönlichen oder familiären Bezug zu Migration nach der Regelschule keine Ausbildung oder ein Studium aufnehmen können, sondern sich im sogenannten Übergangssystem wiederfinden – diejenigen afrikanischer Herkunft gar zu 70 Prozent –, ist darüber hinaus Indiz für eine Bildungspolitik, die ihre Aufgabe einer "Inklusion durch Bildung" nicht angemessen verwirklicht. Zur Auflösung der Fußnote[8]

Aktuell steht gerade für neu Zugewanderte ein recht heterogenes Bildungsangebot bereit, das grob formuliert drei Ziele zu erreichen versucht: erstens die Vermittlung der deutschen Sprache auf einem Niveau, das eine Verständigung im alltäglichen Umfeld erlaubt; zweitens den Anschluss an die alltägliche Lebensführung der Mehrheitsbevölkerung durch alltagspraktische Kenntnisse und Fähigkeiten; drittens die Vermittlung in Beschäftigung, wozu Praktika, Ausbildungen und unterschiedliche Formen der Erwerbsarbeit gehören.

Einflussfaktoren für die Inklusion in Bildungseinrichtungen

Die Praxis zur Bildung von neu Zugewanderten ist bislang bestenfalls in ersten Ansätzen erhoben, Zur Auflösung der Fußnote[9] dennoch lassen sich einige wissenschaftliche Publikationen, Erfahrungen mit der Bildungspraxis und Selbstdarstellungen von Bildungsinstitutionen heranziehen, um erste Tendenzen zu beschreiben. Zur Auflösung der Fußnote[10] Auf der Basis früherer Forschungsbefunde und jüngster Erhebungen zu Geflüchteten in Deutschland "erscheint eine Erwerbstätigenquote von 50 Prozent unter den Geflüchteten nach etwa fünf Jahren realistisch". Zur Auflösung der Fußnote[11]

Zugleich ist bekannt, dass bislang Migrantinnen und Migranten, selbst bei gleichen Leistungen, nicht dieselben Erträge im Bildungssystem Zur Auflösung der Fußnote[12] oder auf dem Arbeitsmarkt Zur Auflösung der Fußnote[13] erwarten können. Folglich muss bereits seit geraumer Zeit von einer Diskriminierung zugewanderter Menschen und ihrer Nachkommen im deutschen Bildungssystem sowie auf dem Arbeitsmarkt gesprochen werden. Zur Auflösung der Fußnote[14] Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass sie nicht primär als Zugewanderte, sondern als soziale Randgruppen benachteiligt werden. Zur Auflösung der Fußnote[15] Deutlich wird für die Bildungsungleichheit, dass "der Migrationseffekt im Grunde ein sozialer Effekt" ist. Zur Auflösung der Fußnote[16] Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Bildungsbenachteiligung von Migrantinnen und Migranten als soziale Benachteiligung zu verstehen und "eine deutliche Reduzierung der sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems, und hier speziell der Sekundarstufe" anzustreben. Zur Auflösung der Fußnote[17]

Hierbei ist einem besonderen Vehikel der Integration Aufmerksamkeit zu schenken: Für die deutsche Sprache betont zum Beispiel die Kultusministerkonferenz im Hinblick auf junge Geflüchtete, dass "gelingende Integration der Kinder und Jugendlichen wesentlich davon abhängt, wie schnell und gut sie die deutsche Sprache erlernen und wie schnell sie in die Regelangebote unseres Bildungssystems aufgenommen werden können". Zur Auflösung der Fußnote[18] Mit dieser politischen Position korrespondiert eine geläufige schulische Praxis – die Verwendung einer Hochform der deutschen Sprache. Zur Auflösung der Fußnote[19] Geht man gegenwärtig von einem "monolingualen Habitus" Zur Auflösung der Fußnote[20] der Schulen aus, der Gepflogenheit also, lediglich eine einzige Sprache für den Unterricht zu nutzen, so wird deutlich, warum auf das Erlernen und Beherrschen dieser deutschen Hochsprache so viel Wert gelegt wird. Denn aufgrund der faktisch gegebenen Verhältnisse in deutschen Schulen wird eine andere als die deutsche Sprache für gewöhnlich kaum Akzeptanz finden; eine Ausnahme können höchstens solche Sprachen bieten, deren sprachliches Renommee höher angesetzt wird. Zur Auflösung der Fußnote[21]

Zugleich zeigt sich, dass der Beherrschung der deutschen Sprache in allen migrantischen Milieus in Deutschland ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Zur Auflösung der Fußnote[22] Rund 90 Prozent der Geflüchteten geben bei ihrer Einreise in Deutschland an, über keine Deutschkenntnisse zu verfügen. Dies ändert sich allerdings bald: "Von den Geflüchteten, die länger als zwei Jahre in Deutschland waren, beläuft sich der Anteil mit guten oder sehr guten Deutschkenntnissen nach Selbsteinschätzung auf 32 Prozent, mit mittleren auf 37 Prozent." Zur Auflösung der Fußnote[23]

Deutlich wird, dass die Effekte eines Bildungssystems, das unter anderem durch die starke Betonung (hoch-)sprachlicher Kompetenzen Ungleichheit zuallererst "produziert", durch solche individuellen Anstrengungen allein nicht reduziert werden können. Die offenkundigen Fehler des deutschen Bildungssystems müssen insofern systematisch angegangen werden.

Geplante Maßnahmen zur Inklusion

Aus der Forschung ist bekannt, dass sich Bildungsinvestitionen dann am meisten lohnen, wenn sie möglichst früh erfolgen. So wurde errechnet, dass der größte Nutzen von Bildungsinvestitionen daraus gewonnen werden kann, dass die Dauer der vorschulischen Bildung merklich erhöht wird. Zur Auflösung der Fußnote[24] Es konnte gezeigt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, besonders gesteigert werden kann, wenn ein Kind eine Krippe besucht hat; für Migrantinnen und Migranten wird eine relative Steigerung von 55,6 Prozent ausgewiesen. Zur Auflösung der Fußnote[25]

Kitas

Gerade auf kommunaler Ebene, auf der die öffentlichen Kindertagesstätten verortet sind, finden sich Planungen mit dem Ziel, integrative Maßnahmen zu etablieren. Zur Auflösung der Fußnote[26] Dazu zählen etwa die von der Arbeit mit Kindern aus Familien mit Bezug zu Migration bekannten Sprachförderprogramme, die dann allerdings exkludierend wirken, wenn Kinder aus ihrem Gruppenalltag herausgenommen werden, um andernorts an einem "besonderen" Projekt der Sprachförderung teilzunehmen. Aus kommunaler Praxis ist ferner bekannt, dass Kinder aus Gemeinschaftsunterkünften nicht in kommunale Kindertagesstätten inkludiert, sondern innerhalb ihrer Unterkünfte oder aber in exklusiv für sie geschaffenen Einrichtungen in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Unterkünfte betreut werden sollen. Sozialräumliche Brückenprojekte wie zum Beispiel eine "Mobile Kita" in Gelsenkirchen, ferner Familienzentren oder mehrsprachige und alltagsintegrierte Elternarbeit – unter anderem Elternbriefe in unterschiedlichen Sprachen, Weiterbildungsangebote für zugewanderte Eltern innerhalb der Kita während der Betreuungszeit ihrer Kinder – können solche Separierungen bereits im Alltag unterlaufen. Darüber hinaus finden sich zahlreiche elternbildende Programme, die Erziehungskompetenzen, unter anderem von Zugewanderten, stärken sollen. Zur Auflösung der Fußnote[27]

Weitere Planungen beziehen zum Beispiel Kulturabende ein, bei denen man fremde Kulturen miteinander bekannt machen möchte. Dass dabei unterschiedlichste Menschen aus einem Herkunftsland homogenisiert und kulturell als "fremd" markiert werden, die sich in jenem Herkunftsland in aller Regel nicht bekannt oder gar suspekt waren, wird dabei für gewöhnlich nicht diskutiert.

Schulen

Für die schulische Bildung wird die Trias von individueller (Sprach-)Förderung, rascher Integration in das Regelsystem sowie Unterstützung für die Schulkarriere maßgeblich gemacht. Analyseinstrumente zur Erhebung von "Potenzial & Perspektiven" (Baden-Württemberg) wurden entwickelt, um die schulischen Angebote der Situation der neu Zugewanderten individuell angleichen zu können. Während der Schulphase können Schullaufbahnberatung und -konferenzen durchgeführt werden, sodass sich die individuellen Fortschritte in Form und Umfang des Unterrichts niederschlagen. Schulsozialarbeit ist eine Bildungsform, die auch Geflüchtete gut erreichen kann. Die sogenannten Willkommens-, Vorbereitungs- oder VABO Zur Auflösung der Fußnote[28]-Klassen mit ihrem Anfangsunterricht sind ein weiteres Beispiel, wie neu zugewanderte Kinder und Jugendliche auf die Nutzung der Alltagssprache und institutionelle Regularien vorbereitet werden sollen. Dabei scheint sich eine vorübergehende Separierung nur dann zu bewähren, wenn sie kombiniert wird mit kultur- und sprachensensiblem Unterricht, situativ orientierter Flexibilität, sozialpädagogischer Betreuung und einem Übergangskonzept, das den Fokus auf eine tatsächlich gelingende Ausbildung oder den erfolgreichen Übergang in eine weiterführende Schule legt. Zur Auflösung der Fußnote[29] Darüber hinaus kommen Patenprojekte zwischen bereits länger in Deutschland beschulten und neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern etwa bei Sportaktivitäten oder Kontakten zu sozialräumlichen Akteuren (wie Kulturzentren und Jugendtreffs) zum Einsatz.

An einzelnen Schulen werden eigene Sprachförderzentren etabliert, die Schülerinnen und Schüler im Wechsel mit dem Fachunterricht besuchen können (Nordrhein-Westfalen). Ferner werden in schulischer Hinsicht sprachsensible Unterrichtsmodelle (Zukunftsbaukasten für Inklusivklassen, Frankfurt am Main), empowerment-orientierte Online-Bildungsangebote (Kiron Open Higher Education, Berlin) oder die Vorbereitung Geflüchteter auf die Bewerbung für das Studium an einer Kunst- oder Designhochschule (*foundationClass, Berlin) entwickelt und auf diese Weise Inklusion auf dem Weg von Bildung angestrebt. Zur Auflösung der Fußnote[30] Wesentlich für die so geplante Entwicklung der Schulen ist die Bereitstellung von Ressourcen in angemessener Form und Umfang, die berufsbegleitende Weiterqualifikation der Lehrkräfte sowie die Bereitstellung von geeignetem didaktischen Material.

Im Bereich der Hochschulen finden sich unterschiedliche Initiativen, etwa weitere Lehrveranstaltungen auf Englisch anzubieten, um so Menschen mit geringen Deutschkenntnissen den Zugang zu akademischer Bildung zu eröffnen. Gleichzeitig werden höher qualifizierende Sprachkurse angedacht, die mit dem Sprachniveau C1 den Hochschulzugang gewährleisten können.

Tandem-Projekte, in denen regulär eingeschriebene Studierende und neu Zugewanderte in einer Art von Patenschaft miteinander lernen oder gemeinsam Freizeitaktivitäten ausüben, sind weitere Formen, in denen sich Hochschulen in der Arbeit mit Geflüchteten engagieren.

Im Hinblick auf Erwerbsarbeit werden unterschiedliche Bildungsangebote realisiert. Auch hier scheint der Fokus auf der bekannten Trias zu liegen: "Sprache, Ausbildung und Arbeit sind Schlüssel zur Integration." Zur Auflösung der Fußnote[31] Dabei plant etwa das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks in einer Stufung von "Sprachförderung und einer allgemeinen Orientierung und Wertevermittlung" Zur Auflösung der Fußnote[32], 10000 Geflüchteten bis 2018 den Weg in eine handwerkliche Ausbildung zu ermöglichen. Dies soll durch die Vermittlung von Berufsorientierung für Handwerksberufe in Verbindung mit individueller sozialpädagogischer Begleitung gelingen. Auch ein Bildungsjahr soll sprachlicher Förderung und beruflicher Erprobung erwachsener Geflüchteter dienen (Baden-Württemberg).

Zur praktischen Arbeit mit Geflüchteten wird ferner dargestellt, dass sich einige Konzerne mit betreuten und innerhalb des Konzerns anschlussfähig verorteten Praktika und mit Ausbildungsangeboten engagieren. Aus den handwerklichen Betrieben wiederum sind die Stimmen gegenwärtig doppeldeutig. Gelegentlich wird berichtet von einzelnen Verantwortlichen, die sich neu Zugewanderter in besonderer Intensität annehmen und dabei fast schon zum persönlichen Garanten der Inklusion einzelner Schutzsuchender werden. Nicht zu überhören sind jedoch auch jene Stimmen, die sich einen nach ihrer Vermutung hohen bürokratischen Aufwand ersparen wollen, den sie für den Fall der Bereitstellung eines Praktikums- oder gar Ausbildungsplatzes für einen Geflüchteten befürchten. Umgekehrt wird ebenso geschildert, dass dennoch angebotene Praktika als gewinnbringend für alle Beteiligten erlebt wurden.

Dass sich Inklusion gerade über Freizeit-und Sportaktivitäten erzielen lässt, scheint vielen Beteiligten bekannt zu sein. Immer mehr öffentliche Einrichtungen, Mitarbeitende der Wohlfahrtspflege sowie Schutzsuchende selbst suchen den Kontakt zu Vereinen in der Umgebung. Durch gemeinsame Aktivitäten bieten sie den neu Zugewanderten die Möglichkeit, mehr über den "deutschen Alltag" zu erfahren – und nicht zuletzt die Gelegenheit, die eigenen sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern. Die mitunter für Geflüchtete gegebene Armut (Einkommen, Wohnen, Arbeit) schließt sie allerdings von einigen Angeboten direkt aus.

Längerfristige Auswirkungen der Zuwanderung auf das Bildungssystem

Diese Planungen und begonnenen Maßnahmen haben ihrerseits Konsequenzen für das Bildungssystem. Wie diese im Einzelnen aussehen können, soll nun auf der Grundlage der bisherigen Erfahrungen geschätzt werden, um einige Hinweise auf mögliche Szenarien zu bieten.

So ist zunächst anzunehmen, dass die Zuwanderung die bisherigen Formen und etablierten Praktiken infrage stellen wird. Dies muss nicht zwingend deshalb erfolgen, weil neu Zugewanderte tatsächlich gänzlich andere oder schlicht keine Vorerfahrungen mit institutioneller Bildung mitbrächten, sondern bereits, weil eine diesbezügliche Vorannahme bei manchen Akteuren in den Bildungseinrichtungen (Schulleitungen, Schulverwaltung, Lehrende, Elternschaft) vertreten zu sein scheint. So genügt mitunter bereits die Ankündigung, dass alsbald Geflüchtete in die Schulklassen aufgenommen werden sollen, um rege Betriebsamkeit und Spekulationen über die Notwendigkeiten von besonderen Beschulungsformen in Gang zu setzen.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund eine Potenzialanalyse, die in einem Landkreis Baden-Württembergs erprobt wurde. Ziel des Verfahrens ist, die individuellen Potenziale von Schutzsuchenden sichtbar zu machen. Damit ließe sich ein Unterricht, der ohnehin mit Heterogenität umzugehen versteht, auf die Bildungsbedarfe neu Zugewanderter umstellen. Gleichwohl muss eine solche Bildungspraxis mit spezifischen Kompetenzen der Fachkräfte, multiprofessionellen Teams sowie finanziellen, räumlichen und zeitlichen Ressourcen gekoppelt sein, um tatsächlich zu "funktionieren". Zur Auflösung der Fußnote[33]

Des Weiteren erscheint es sinnvoll, institutionelle Entwicklungen im Hinblick auf zum Beispiel Klassengrößen und Unterrichtsformen anzustoßen, um auf diese Weise die exkludierenden Mechanismen einer gesonderten Beschulung von neu Zugewanderten möglichst zu vermeiden.

Als weitere Auswirkung wäre eine tatsächlich höhere fachdidaktische Differenzierung der Bildungsprozesse zu erwarten. Sofern unterschiedliche Kenntnis- und Kompetenzstände vorliegen und zudem die Bildungshochsprache weiterhin hauptsächliches Vehikel des Unterrichtens ist, müssen die verschiedenen Voraussetzungen für Bildung in unterschiedliche Ausgestaltungen dieser Bildungsarbeit münden. Dass dazu angemessene Lehrmaterialien erstellt und diagnostische Instrumente entwickelt sowie Kompetenzen für die Fachkräfte in den Bildungsinstitutionen vermittelt werden müssen, zeigen frühere Schulversuche. Zur Auflösung der Fußnote[34]

Die sozialräumliche Orientierung der Bildungseinrichtungen (wie die Arbeit mit sozialen Netzwerken vor Ort) kann gerade für neu Zugewanderte einen weiteren Schwerpunkt der Entwicklungen ausmachen. Dies gilt angesichts der alltäglichen Lebensführung von Geflüchteten, die sich um die Inklusion in den deutschen Alltag, wie zum Beispiel das Vereinsleben, bemühen. Die dortigen Akteure stellen insofern wertvolle Unterstützungspotenziale für die inklusiven Prozesse innerhalb der Bildungsinstitutionen dar. Gerade die wachsende Zahl der Ganztagsschulen bietet hier zugleich den Rahmen, der solchen sozialräumlichen Akteuren ein angemessenes Setting eröffnen kann.

Von besonderer Bedeutung ist ganz offensichtlich die Sprache. Andernorts wurde bereits vorgeschlagen, den "monolingualen Habitus" Zur Auflösung der Fußnote[35] durch einen multilingualen und zuweilen vorsprachlichen zu ersetzen. Zur Auflösung der Fußnote[36] Die praktische Erfahrung zeigt jedoch, dass in solchen Zusammenhängen nicht völlig auf Sprache verzichtet werden kann, etwa wenn Konflikte zwischen verschiedenen Teilgruppen entstehen oder unterschiedliche Praktiken der alltäglichen Lebensführung aufeinandertreffen und hinterfragt werden.

Des Weiteren sollten grundlegende Regelungen überdacht werden, wie sich insbesondere im Hinblick auf unbegleitete Minderjährige zeigt: "Hilfreich wäre es, wenn bundesweit die Schulpflicht nicht im Alter von 18 Jahren endete und Schulen den Bildungserwerb weiter unterstützen könnten. Sinnvoll wäre ferner, wenn bei Geduldeten die Altersgrenze bei Beginn einer Ausbildung höher angesetzt oder entfallen würde." Zur Auflösung der Fußnote[37] Auf diese Weise könnte jungen Zugewanderten eine verlässlichere Perspektive auf Inklusion durch Bildung und Ausbildung gewährt werden.

Ausblick

Von all diesen Auswirkungen können nicht nur neu Zugewanderte profitieren. Es ist letztlich nicht die Frage, wie "Andere" durch Bildung dazu gebracht werden können, "uns" gemäß zu leben. Vielmehr geht es um eine inklusive "Vergesellschaftung statt Integration" Zur Auflösung der Fußnote[38], die dabei den Raum für vielfältige – und durchaus streitbare – Debatten darüber eröffnet, wie ein gesellschaftliches Zusammenleben angesichts höherer Zuwanderungsraten aussehen soll. Dass eine solche Debatte nicht bei null beginnt, sondern stets schon die Maßgaben der "offenen Gesellschaft" zu berücksichtigen hat, dürfte selbstverständlich sein. Nun also kommt es darauf an, die offene Gesellschaft in einem möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens als inklusive Gesellschaft zu entwickeln – der Zuwanderung sei Dank.

Fussnoten

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anselm Böhmer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.
Sie wollen einen Inhalt von bpb.de nutzen?